Perfekte Formation Das Geheimnis der Starwolke
Wie eine Symphonie am Abendhimmel sieht es aus, wenn Stare zu Tausenden oder sogar zu Millionen in dichten Formationen fliegen. Diese riesigen Schwärme sieht man in manchen Gegenden vom Spätherbst bis in den Frühling. Doch warum tun die Vögel das? Und wie?
Über den Dächern von Rom, über den Mooren von Somerset oder über dem Pier von Brighton: Überall dort, wo eine große Anzahl Stare überwintert, zeigen sie ihre beeindruckenden Formationsflüge. Ihr abendlicher Tanz erinnert an ein Ballett der Lüfte. Nur: Wie bringen die kleinen Vögel diese halsbrecherischen Manöver ohne Zusammenstöße zu Stande? Werden sie von Leitvögeln dirigiert? Und warum fliegen sie überhaupt in diesen großen Schwärmen? Alles Fragen, denen Ornithologen nachgegangen sind.
Staren-Sterben in Europa:
Beim Anblick der riesigen Starschwärme sollte man es nicht glauben: In ganz Europa hat die Population in den letzen Jahrzehnten um 75 Prozent abgenommen. In den 1960er-Jahren wurde noch alles versucht, um den Stachus in München von Staren zu befreien - heute findet man dort keinen einzigen mehr. Peter Berthold hat beobachtet, dass den Staren vor allem ihre Hauptnahrungsquellen fehlen: Wiesen- und Kohlschnaken. Diese Mückenarten sind rar geworden, seitdem die Bauern ihr Vieh meist im Stall lassen. Ökologische Viehhaltung könnte auch Stare retten. Dort, wo die Kühe noch auf die Weide gelassen werden, finden sich die Vögel sofort wieder ein. Doch auch jeder, der ein Vogelhaus besitzt, kann den Staren helfen: Wer das ganze Jahr über Maiskolben in seinem Futterhaus hängen lässt, hilft den kleinen Singvögeln die Strecken zwischen den einzelnen ökologischen Landwirtschaftsbetrieben zu meistern.
In der Menge sicher
Vor allem wenn Greifvögel in der Nähe lauern, kann Simon Clarke von der Naturschutzorganisation Natural England die bestechenden Formationsflüge beobachten. Er ist sich sicher, dass der abendliche Tanz der Feindesabwehr dient. In den Bäumen und auf Strommasten lauern Falken und Habichte. Ins Schilf zu fliegen, ist für die kleinen Vögel also äußerst gefährlich. In der dichten Wolke finden sie Schutz. Eine ähnliche Strategie verwenden riesige Herings- und Sardinenschwärme, die sich so dicht drängen, dass Delfine und Thunfische den einzelnen Beutefisch gar nicht mehr erkennen können.
Aus der Wolke gefallen
Auch Starenexperte Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell ist der Meinung, dass die Stare sich vor allem im Schwarm versammeln, um nicht einem Greifvogel zum Opfer zu fallen. Er hat beobachtet, was geschieht, wenn sich ein Feind doch in die Starenwolke verirrt: Dann fliegen die Stare in einer solchen Dichte, dass der Feind gar nicht mehr mit den Flügeln schlagen kann und unten wieder aus der Wolke heraus fällt.
Die Nachbarn im Blick
Peter Berthold hat auch das Flugverhalten der kleinen, schwarz schillernden Vögel analysiert: Mit ihren kurzen Flügeln und ihrem kurzen Schwanz gelingen ihnen die engsten Wendungen. Einen Leitvogel brauchen sie gar nicht. Sie orientieren sich an den fünf bis sechs Vögeln, die neben, über und unter ihnen fliegen. Die Stare sind dabei Meister im Manövrieren - keine Amateure: Würden Laien mit dem Rad bei 60 Kilometer pro Stunde in der Gruppe fahren, würden sie wahrscheinlich nach 100 Metern auf die Nase fallen. Die Profis haben aber kein Problem mit der Geschwindigkeit: Sie orientieren sich an der kleinen Gruppe, in der sie fahren und reagieren blitzschnell auf die Wendungen ihrer unmittelbaren Mitstreiter.
Optimierte Futtersuche
Ob das Schwarmverhalten auch mit der Futtersuche zusammenhängt? Diese Frage analysiert der englische Ornithologe Dan Parkinson. Der junge Forscher der königlich-britischen Vogelschutzgesellschaft beobachtet Stare, die im Seebad Brighton überwintern. Ihm ist aufgefallen, dass Stare während der Flugmanöver versuchen, in die Mitte des Schwarms zu rücken. Dan Parkinson nimmt an, dass die fittesten Vögel ganz im Inneren der Schar fliegen. Dort sind sie vor Feinden am sichersten. Diese besonders fitten Vögel kennen auch die besten Futterstellen. Wer es schafft, neben ihnen zu fliegen, kann ihnen leicht dorthin folgen.
Das Schwarmverhalten hat für einen Star also gleich zwei Vorteile: Die Gruppe schützt ihn vor Feinden und führt ihn zu den immer knapper werdenden Futterstellen.
Links
Infos zum Star vom Nabu
Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU):
Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU):
Peter Berthold
Ein Interview mit dem Starenexperten
Ein Interview mit dem Starenexperten
Naturschutzreservat
Infos vom Naturschutzreservat Shapwick Heath
Infos vom Naturschutzreservat Shapwick Heath
Stare in England
Vogelschutzgesellschaft in Brighton
Vogelschutzgesellschaft in Brighton
Buchtipp:
- "Vögel füttern - aber richtig: Das ganze Jahr füttern, schützen und sicher bestimmen", von Peter Berthold und Gabriele Mohr
Über die Fütterung frei lebender Vögel ist viel geschrieben worden, vieles davon ist falsch. Das Buch von Vogelexperte Prof. Dr. Peter Berthold erklärt, wie es richtig geht. Erschienen im KOSMOS Verlag.

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