Die Pilzexperten Essbar oder giftig?
Zur Schwammerlzeit kommen auch die Pilzberater wieder zum Einsatz. Viele sind Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, so auch Till Reinhard Lohmeyer und Ute Künkele aus Petting am Waginger See sowie Richard Kellner aus Siegsdorf. Ihre Hauptaufgabe ist allerdings die Kartierung von Pilzen. Dazu hat Till Reinhard Loymeyer die Arbeitsgruppe Mykologie Inn-Salzach, AMIS, gegründet.
Am Zinnkopf in den Chiemgauer Bergen kennt sich Richard Kellner besonders gut aus. So trafen sich Till Reinhard Lohmeyer und Ute Künkele zu einer Pilzexkursion mit ihm. Das gemeinsame Ziel: die Kartierung der gefundenen Pilzarten und die Bestimmung unbekannter Exemplare.
Der Zinnkopf umfasst ein 30 Quadratkilometer großes Bergwaldgebiet, auf dem die Mykologen schon 260 verschiedene Pilzarten entdeckt haben. In der Region zwischen Inn und Salzach haben die rund 50 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Mykologie 2.850 Pilzarten kartiert. Die Daten leitet Till Reinhard Lohmeyer an die Bayerische Mykologische Gesellschaft weiter.
Der Pilz und sein Baum
Die Pilzsachverständigen erachten den Mischwald als wichtig für den Erhalt der Pilzarten, da jeder Waldpilz auf einen bestimmten Baum spezialisiert ist, mit dem er in Symbiose lebt. Das im Boden befindliche Pilzgeflecht entzieht dem Baum aus dessen Photosynthese stammende Kohlenhydrate und liefert ihm dafür Mineralien und Wasser.
"Den Anhängselröhrling finden wir hier bloß, weil wir hier in der Nähe noch alte Tannen haben. … Man muss versuchen, möglichst artenreiche Wälder zu erhalten. Und dann kommen diese Raritäten sozusagen von ganz alleine."
Till R. Lohmeyer, Pilzsachverständiger
Wichtiger Platz im Kreislauf der Natur
Auch auf umgefallenen Bäumen befinden sich viele Pilzarten. Jeder ist auf einen bestimmten Baum und dessen jeweiliges Zersetzungsstadium spezialisiert. Pilze wie der dornige Stachelbart wandeln das tote Holz langfristig in Humus um, aus dem dann wieder neue Bäume empor wachsen können. So hat der Pilz seinen wichtigen Platz im Kreislauf der Natur.
Fachkundige Bestimmung der Art
Wenn es geht, bestimmen die Sachverständigen die Pilze, ohne sie zu pflücken. So können diese ihre Sporen verbreiten und damit die Art erhalten. Mit einem Spiegel betrachten sie die Unterseite der Kappen. Auch eine Geschmacksprobe kann Hinweise geben. Das sollten freilich nur Fachkundige tun, die die rund 40 wirklich giftigen Arten kennen, wie etwa den weißen und den grünen Knollenblätterpilz sowie den spitzgebuckelten Raukopf.
"Der Spitzgebuckelte Raukopf ist ein ganz ganz giftiger Pilz, der entfaltet seine Giftwirkung, indem er die Nieren schädigt. Und das merkt man eigentlich erst so nach zehn bis vierzehn Tagen, dass dann die Nieren einen Schaden davon tragen. Und, das weiß man dann oft nicht mehr, was man da gegessen hat. Denn, was wissen Sie, was Sie vor vierzehn Tagen gegessen haben."
Dr. Ute Künkele, Pilzsachverständige
Wer einen spitzgebuckelten Raukopf gegessen hat und nicht rechtzeitig an die Dialyse kommt, wird an Nierenversagen sterben. Ungiftige Pilze können zwar ungenießbar sein, aber lebensbedrohlich sind sie nicht. Der flockenstielige Hexen-Röhrling, dessen gelbes Fleisch sich beim Anschneiden durch den Sauerstoff blau verfärbt, ist jedenfalls zum Verzehr geeignet - allerdings nicht roh, sondern nur gekocht.
Zur Person von Till Reinhard Lohmeyer
Till Reinhard Lohmeyer ist nicht nur Mykologe, sein Hauptberuf ist Schriftsteller und Übersetzer. Er hat zum Beispiel die Weltbestseller "Scarlett" von Alexandra Ripley und "Die Säulen der Erde" von Ken Follett übersetzt sowie den Roman "Unter Zoologen" geschrieben. Außerdem hat er einige Pilzbücher übersetzt, bearbeitet und verfasst, auch in Zusammenarbeit mit der Biologin Dr. Ute Künkele. Desweiteren ist er Chefredakteur der Fachzeitschrift "Mycologia Bavarica", die einmal im Jahr vom Münchner Verein für Pilzkunde e.V. herausgegeben wird.
Seine Großmutter nahm ihn schon als Bub mit zum Pilze sammeln und brachte ihm die lateinischen Namen bei, da sie die Tochter eines Botanikprofessors war. Bereits mit 16 Jahren machte Till Reinhard Loymeyer die Prüfung zum Pilzsachverständigen bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie und berät seither Pilzsammler sowie Ärzte, die eine Pilzvergiftung behandeln.
Die mykologische Bestimmungsarbeit
Nach der Pilzexkursion geht die Bestimmungsarbeit im Büro in Reuten, einem Ortsteil von Petting am Waginger See, weiter. Till Reinhard Lohmeyer interessiert sich besonders für kleine Pilze. Den am Zinnkopf gefundenen Becherling legt er zunächst unter die Stereolupe. Der Pilz hat keine Härchen am Rand - ein erstes Unterscheidungsmerkmal. Dann schneidet der Mykologe eine dünne Scheibe von dem Becherling ab und legt sie unter das Mikroskop. Hier kann er deutlich einen Schlauch erkennen, in dem jeweils acht Sporen gebildet werden. Damit gehört der Becherling zu den Schlauchpilzen. Der Mykologe wird noch viel Zeit investieren müssen, bis er das Fundstück genau benennen kann. Es gibt kein aktuelles Standardwerk zur Pilzbestimmung. So muss der Pilzsachverständige bei weniger bekannten Neuentdeckungen in zahlreichen Fachartikeln recherchieren.
"Wenn man zum Beispiel von einer Pilzexpedition heimkommt und hat dann 100 Arten da liegen: Ok, mit Erfahrung kriegt man seine 70, 80 leicht raus. Bei den nächsten 20 wird’s schwierig. Dann verhakt man sich bei der fünften, die man bestimmen will und grübelt und ruft noch irgendwelche Experten an oder versucht sich auszutauschen. Und in der gleichen Zeit gammeln die anderen Pilze weg. Dann gerät man in Pilzstress."
Till R. Lohmeyer, Pilzsachverständiger
Die mitgenommenen Pilzproben trocknet Till Reinhard Lohmeyer und behält die Demonstrationsobjekte in kleinen Tütchen auf. Etliche Pilzproben und mykologischen Beschreibungen hat er bereits für die weitere Forschung der Botanischen Staatssammlung in München zur Verfügung gestellt. Weitere sollen folgen.
Tipps für die Zubereitung von Pilzen
Für Entspannung und Stärkung sorgt da Ute Künkele, die auch Pilz- und Naturführungen für Kinder und Erwachsene macht. Die Lebensgefährtin von Till Reinhard Lohmeyer bereitet eine Mahlzeit im Wok aus den gesammelten Speisepilzen zu: Steinpilze, Hexenröhrlinge, Perlpilze, Täublinge und Semmelstoppelpilze. Vor dem Braten werden die Pilze nicht gewaschen, weil sie sonst zu viel Wasser saugen, sondern bereits im Wald mit dem Messer gesäubert und danach zu Hause mit einer Pilzbürste gereinigt. Zu den gemischten Pilzen gibt die Biologin klein geschnittene Tomaten und Karotten, frische Kräuter wie Giersch, Oregano und Gundermann, sowie Salz und Pfeffer. Die Pilze brät sie zwanzig Minuten bei höchster Stufe. So wird das Pilzeiweiß bekömmlich.
"Generell rate ich davon ab, Pilze roh zu essen, weil Pilze sind sehr, sehr schwer verdaulich. Und es gibt auch einige Pilze, die roh giftig sind - sehr viele sogar."
Dr. Ute Künkele, Pilzsachverständige
Wer sich nicht sicher ist, ob er genießbare Pilze gesammelt hat, kann sich persönlich an die Pilzsachverständigen der Deutschen Gesellschaft für Mykologie in Petting am Waginger See wenden.
Pilzberatung:
Verein für Pilzkunde München
Vereinsraum im Kreisverwaltungsreferat (KVR)
Implerstraße 7-9 im 4.Stock, Raum C454, 18.00 Uhr
Termine und Anmeldung unter Tel.: 089 / 233-39755 (montags von 18 - 19.00 Uhr)
Weitere Informationen:
Deutsche Gesellschaft für Mykologie e.V.
Anschrift des Präsidiums (Geschäftsführung):
Dr. Christoph Hahn (Präsident)
Grottenstraße 17, 82291 Mammendorf
Tel.: 0 81 45 / 27 59 299

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