Mursi "Präsident aller Ägypter"
Mohammed Mursi wird neuer ägyptischer Präsident. Während sich der Westen reserviert zeigt, geht in Israel die Sorge vor einem Erstarken des Islamismus um. Der religiös-konservative Politiker setzt derweil Zeichen der Entspannung.
In seiner ersten Rede als neu gewählter ägyptischer Präsident hat der Muslimbruder Mohammed Mursi mit einer "Botschaft des Friedens" die Achtung aller internationaler Abkommen zugesichert. Er sei "ein Präsident für alle Ägypter", sagte Mursi. Als Geste an die Aktivisten des Volksaufstands gegen Ex-Machthaber Husni Mubarak im vergangenen Jahr würdigte der 60-Jährige die fast 900 Demonstranten, die seinerzeit getötet wurden. Ohne "das Blut, die Tränen und Opfer der Märtyrer" hätte er es nicht bis zur Präsidentschaft gebracht, sagte Mursi. Inzwischen bezog Mursi das Büro des gestürzten Machthabers Mubarak in der Regierungszentrale in Kairo.
Knapper Sieg gegen Schafik
Die ägyptische Wahlkommission hatte Mursi am Sonntag zum Sieger der ersten freien Präsidentschaftswahl in der Geschichte des Landes erklärt. Nach Angaben der Wahlkommission konnte sich der Kandidat der islamistischen Muslimbruderschaft bei der Stichwahl um das Präsidentenamt mit 51,7 Prozent der Stimmen knapp gegen seinen Herausforderer, den früheren Ministerpräsidenten Ahmed Schafik, durchsetzen. Die Zeitung der Muslimbruderschaft, "Freiheit und Gerechtigkeit", titelte: "Das Volk schreibt Geschichte: Mursi Präsident von Ägypten". Auf die Bekanntgabe des Wahlsiegers folgten Glückwünsche für den neuen Präsidenten.
Glückwünsche aus dem Ausland
Die USA bezeichneten die Wahl Mursis als Meilenstein auf dem Weg Ägyptens zur Demokratie. US-Präsident Barack Obama gratulierte Mursi in einem Telefongespräch zu dessen Sieg und stellte weitere Unterstützung für den ägyptischen Übergang zur Demokratie in Aussicht, wie das Weiße Haus mitteilte. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton würdigte in einer Erklärung den friedlichen Verlauf der Wahl und gratulierte Mursi. Sie sprach von einem historischen Moment für das Land und die Region. Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle gratulierte Mursi zum Wahlsieg. In einer Mitteilung des Auswärtigen Amtes über den Kurznachrichtendienst Twitter betonte er aber gleichzeitig, dass der Weg zu echten demokratischen Verhältnissen noch weit sei. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte die Hoffnung, dass Mursi "keine Mühen dabei scheuen wird sicherzustellen, dass das Volk Ägyptens seine Hoffnungen auf mehr Demokratie verwirklicht", wie UN-Sprecher Martin Nesirky mitteilte.
Israel fürchtet islamische "Finsternis"
Der Sieg des islamistischen Kandidaten Mohammed Mursi im großen ägyptischen Nachbarland weckt in Israel Sorge vor der Zukunft. "Finsternis in Ägypten", titelte die Zeitung "Jediot Achronot" in Anspielung auf die biblischen Plagen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, er hoffe, dass Ägypten nach der Wahl Mursis am Friedensvertrag mit Israel festhalten werde. Im Gazastreifen, wo die radikalislamische Hamas herrscht, wurde der Erfolg des "großen Bruders", der ägyptischen Muslimbruderschaft, hingegen begeistert gefeiert. Hamas-Anhänger fuhren in der Nacht zum Montag laut hupend durch die Straßen des Palästinensergebiets, verteilten Süßigkeiten und feuerten Freudenschüsse ab. Der Friedensnobelpreisträger und einer der Führer der ägyptischen Demokratiebewegung, Mohammed ElBaradei, drängte sein Land nach der Bekanntgabe des Ergebnisses zur Einheit und zur gemeinsamen Arbeit an der Zukunft Ägyptens. Bewohner des von der islamistischen Hamas regierten Gazastreifens reagierten mit Freudenkundgebungen auf den Wahlsieg Mursis.
Ägypten vor neuen Herausforderungen
Auf Mursi warten in seiner Rolle als künftiger Staatschef mehrere große Herausforderungen, unter anderem muss er die angeschlagene Wirtschaft des Landes wieder in Gang bringen. Viele Ägypter haben sich hinter Mursi gestellt, weil sie in ihm den Mann sehen, der das Land endgültig vom alten System des gestürzten Machthabers Mubarak befreien könne. Mursi muss nun allerdings Befürchtungen entgegentreten, er wolle Ägypten zu einem islamistischen Staat machen, und beweisen, dass er die Öffentlichkeit über die Bruderschaft hinaus vertritt. Seine Mitgliedschaft in der Muslim-Bruderschaft wurde - wie vor der Wahl versprochen - beendet. Mursi droht zudem eine neue Konfrontation mit dem weiterhin mächtigen Militärrat, der erst kürzlich die Machtbefugnisse des Präsidenten beschnitten hatte. Demnach ernennt der neue Präsident nicht den Verteidigungsminister und muss auf den Titel "Oberbefehlshaber der Streitkräfte" verzichten. Ein Wahlkampfsprecher Mursis sagte im Staatsfernsehen, der Vorsitzende des Militärrats, Feldmarschall Hussein Tantawi habe Mursi zu dessen Wahlsieg gratuliert. Beide wollen noch heute zusammenkommen.

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