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Litauen Zufluchtsort trotz Wirtschaftskrise

Die Wirtschaftskrise hat die baltischen Staaten hart getroffen. Viele Rentner in Litauen müssen jetzt mit weniger als dem Existenzminimum auskommen. So ergeht es auch Bronius Dapkus, der eigentlich Uwe Fritz heißt.

Autor: Manuela Roppert Stand: 05.02.2012
Die Hauptstadt Vilnius von oben gesehen | Bild: BR

Für Uwe Fritz oder Bronius Dapkus, wie er später hieß, wurde Litauen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu seinem Zufluchtsort. Im letzten Kriegswinter flüchteten die Bewohner Ostpreußens vor der heranrückenden Roten Armee Richtung Westen. In dem Chaos wurden Zehntausende Kinder von ihren Angehörigen getrennt. Der sechsjährige Uwe Fritz saß mit seiner Schwester in einem Pferdewagen, als eine Bombe explodierte. Die Pferde scheuten und liefen davon. Seitdem hat Uwe, der jetzt Bronius heißt, seine Eltern nie wieder gesehen.

Litauens Wolfkinder

Wie viele seiner Schicksalsgenossen schlug er sich ins benachbarte Litauen durch.

"Zusammen mit meiner Schwester bin ich zu Fuß über die zugefrorene Memel gelaufen. Wir hatten gehört, dass man in Litauen vielleicht ein Stück Brot bekommen könnte. Etwas zu essen - das war der Gedanke, der uns antrieb, denn wir hatten unvorstellbar großen Hunger."

Uwe Fritz

Bronius Dapkus / Uwe Fritz

Auf der Suche nach etwas Essbarem streiften die deutschen Kriegswaisen wie Wölfe durch die litauischen Wälder und ernährten sich von Gras, Baumrinden und Fröschen. Wolfskinder wurden sie deswegen genannt. Tausende von ihnen starben vor Hunger und an Erschöpfung. Nur einige Hundert überlebten. Sie hatten das Glück, in einer litauischen Familie Unterschlupf zu finden. Uwe Fritz empfindet für seine Pflegeeltern immer noch tiefe Dankbarkeit. Seinen litauischen Namen, den sie ihm zu seinem Schutz gaben, hat er deswegen bis heute nicht abgelegt.

"Ich hatte starkes Heimweh und große Sehnsucht nach meinen Eltern und Geschwistern. Aber bei meinen Stiefeltern habe ich mich schon nach kurzer Zeit sehr wohl gefühlt. Das in der Mitte ist meine Pflegeschwester und ganz unten bin ich, Uwe Fritz oder Bronius Dapkus. Es war damals sehr gefährlich für meine Pflegeeltern, ein deutsches Kind bei sich aufzunehmen. In unserer Nähe wohnte ein überzeugter Kommunist, dem es sehr missfallen hat, dass ich da war. Sie mussten immer damit rechnen, wegen mir nach Sibirien deportiert zu werden. Erst nach Stalins Tod konnten wir aufatmen."

Uwe Fritz

Sie sind in einem Verein namens Edelweiß zusammengeschlossen. Das Edelweiß ist für die Wolfskinder der Inbegriff des Deutschtums. Uwe Fritz ist der Gebietsvorsitzende und sorgt sich um seine Schützlinge. Ein Berliner Abgeordneter hat dem Verein Geld geschickt. Davon kauft Uwe Fritz nun Lebensmittel für die ärmsten seiner Mitglieder. Eine Gurke für umgerechnet rund 40 Cent und ein Pfund Tomaten für 70 Cent. Die Lebensmittelpreise sind in Litauen durchschnittlich um etwa ein Drittel günstiger als in Deutschland. Trotzdem ist es für litauische Rentner schwierig, über die Runden zu kommen. Sie haben im Schnitt nur knapp 200 Euro monatlich zur Verfügung, Uwe und die meisten anderen Wolfskinder sogar noch weniger.

Schmale Renten für die deutschen Kriegswaisen

Als Gegenleistung für den Unterschlupf, der ihnen gewährt wurde, mussten sie oft auf dem Hof der Pflegeeltern mithelfen statt in die Schule zu gehen. So sind aus vielen von ihnen schlecht bezahlte Hilfskräfte in der Landwirtschaft geworden, die jetzt eine schlechte Rente bekommen.
Uwe Fritz konnte zumindest fünf Jahre lang in die Schule gehen. Dann wurde seine Pflegemutter krank und auch er musste auf dem Bauernhof mithelfen. Später hat er als Fahrer gearbeitet.

Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts war es für die Wolfskinder fast unmöglich, nach Angehörigen in Deutschland zu suchen oder von ihnen gefunden zu werden. Die sowjetischen Behörden leiteten die Briefe oft nicht weiter. Nach der Unabhängigkeit der baltischen Staaten fanden einige Familien wieder zusammen. Ein Teil der Wolfskinder siedelte nach Deutschland um.

Von den Deutschen vergessen?

In Litauen erinnert man sich an das Schicksal der Vokietukai – der kleinen Deutschen, wie die Wolfskinder hier genannt werden. Wie geht man in Deutschland mit den "kleinen Deutschen" um, die in Folge des Krieges nicht nur ihre Familien, sondern auch ihre Identität verloren haben?

"Es gibt einzelne Menschen in Deutschland, die sich um uns sorgen und uns unterstützen. Aber die deutsche Regierung tut überhaupt nichts. Was soll ich denn dazu noch sagen? Es tut mir in der Seele weh, dass sich unsere Heimat nicht um uns kümmert. Ich bin sehr enttäuscht darüber."

Uwe Fritz

Ein Land vieler Völker

Litauen wurde als letztes europäisches Land christianisiert. Die litauische Kultur ist bis heute geprägt von Mythen und Naturreligionen. So soll eine Göttin in Gestalt einer Meerjungfrau in einem Bernsteinschloss in den Tiefen der Ostsee gewohnt haben. Als sie sich in einen einfachen Fischer verliebte, zerstörte der Donnergott das Schloss. Seitdem schwimmen Millionen kleiner Bersteinstückchen im Meer, die nach einem Sturm an den Strand gespült werden. Die Besucher von Palanga, Litauens größten und bekanntesten Bade- und Kurort, haben vielleicht Glück und finden einen Splitter des begehrten Ostseegoldes.

Die Litauer sind überwiegend katholisch. Davon zeugen die 30 katholischen Kirchen und 40 Klöster in der Hauptstadt Vilnius. Doch auch die Zwiebeltürme der orthodoxen Kirchen prägen das Bild der Stadt. Die litauische Hauptstadt war schon immer multikulturell geprägt. Von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur deutschen Besatzung und dem Holocaust waren die Juden die größte Gruppe in der Stadt. Inzwischen sind knapp 60 Prozent der Bewohner Litauer, gefolgt von Russen, Polen und Weißrussen.

Wirtschaftliche Aufholjagd mit Hindernissen

Vilnius ist der wirtschaftliche Motor des Landes. Nach dem EU-Beitritt war die litauische Wirtschaft eine der am schnellsten wachsenden Europas. Litauen hat eine der härtesten wirtschaftlichen Rosskuren innerhalb der EU hinter sich - ohne dass dies zu einem Aufruhr in der Bevölkerung geführt hätte. Der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft nach der Unabhängigkeit hatte den Litauern noch größere Opfer abverlangt. Um rund ein Drittel ist der Strompreis in Litauen im Jahr 2010 gestiegen.

Inzwischen ist das Land abhängig von russischen Gas- und Stromimporten, die für Litauen teurer sind als international üblich. Bis 2009 hatte Litauen selbst Strom exportiert und war eine regionale Energiemacht. Doch dann musste auch der zweite der beiden Reaktoren des Atomkraftwerks Ignalina abgeschaltet werden. Der erste ging schon 2004 auf Druck der EU vom Netz. Die Stilllegung der Meiler war eine Bedingung für den Beitritt. Die EU-Kommission hatte gute Gründe für diese Forderung. Schließlich sind die beiden Siedewasserreaktoren vom selben Typ wie der Unglücksreaktor von Tschernobyl. Das AKW steht ausgerechnet mitten in einer der schönsten Landschaften. 200 Seen und 20 Flüsse gibt es in der Region. Immerhin – statt der ursprünglich geplanten sechs Reaktoren wurden wegen der Proteste der Bevölkerung nur zwei realisiert. Baden sollte man im Druksiai-See, dem größten Litauens, auch im Sommer lieber nicht.

Luise Quitsch

Luise Quitsch liebt die Spaziergänge durch die Altstadt von Vilnius. Sie hat als Bauingenieurin gearbeitet. Als sie in den 60er Jahren ihren Abschluss an der Universität von Kaunas machte, nannte sie sich noch Alfreda Kazukauskiené. Aus beruflichen Gründen zog sie nach Vilnius und gründete hier eine Familie. Am Markt im Zentrum schaut sie nur gelegentlich vorbei. Inzwischen kann man frisches Fleisch und Gemüse auch in jedem Supermarkt bekommen - zu Sowjetzeiten war das anders. Frische Kräuter und Sauerkraut kauft Luise aber lieber hier. Als Akademikerin bekommt Luise gerade einmal die litauische Durchschnittsrente von umgerechnet rund 200 Euro.

Kein Weg nach Deutschland

Luises Ehemann Vidas war zunächst überrascht, dass seine Frau wirklich eine richtige Deutsche ist. Nach der Unabhängigkeit Litauens beantrage die 71-Jährige die deutsche Staatsbürgerschaft – für sie ein Zeichen ihrer Verbundenheit. Doch in Deutschland leben will sie nicht, ihrem litauischen Mann zuliebe.

Sie war vier Jahre alt, als sie mit ihrer Tante und ihrer Cousine aus Labiau bei Königsberg floh. Bei einem Bombenangriff wurden sie getrennt. Ein russischer Koch nahm sie mit nach Kaunas, wo sie ihre Pflegeeltern fand. Ihr Ziehvater war Schuster, ihre Ziehmutter Hausfrau. Natürlich musste sie zuhause mithelfen, aber das Schicksal vieler ihrer Leidensgenossen als kostenlose Hilfskraft in der Landwirtschaft blieb ihr erspart. Ihre deutsche Muttersprache musste Luise erst von neuem lernen, als sie ihre Brüder in Deutschland wieder fand. Die Pflegeeltern ließen sie manchmal spüren, dass sie eine Fremde war.

Ein Leben als Fremde

"Obwohl diese Leute Deutsch konnten, sprachen sie mit mir nicht Deutsch. Und für mich auch etwas auf Deutsch zu sagen, war streng verboten. Das war zu gefährlich. Wir sind damals ja kleine Faschisten gewesen und wurden Hitleristen genannt. Sie hatten wahrscheinlich Angst."

Luise Quitsch

Luise hält sich über die Entwicklung in Deutschland auf dem Laufenden, auch wenn sie von der Haltung der dortigen Behörden enttäuscht ist. Mit Begründungen wie "die Wolfskinder hätten ihre Heimat ja freiwillig verlassen" wurden Anträge auf finanzielle Unterstützung aus Deutschland bislang abgeschmettert.

"Wir dachten, wir werden als Vertriebene anerkannt, als deutsche Vertriebene. Und dadurch würden vielleicht manche, die in einer sehr schweren Lage waren, dann etwas kriegen, eine materielle Unterstützung von der Regierung. Aber das ist Pustekuchen. Sie verstehen, ja. Das war sehr schlimm, ja, das war Krieg, sehr schlimm, ja. Aber jetzt alles ist vorbei und naja. Wir sind jetzt in Litauen 84 Personen. Wir sind eine ganz kleine Gruppe. Wir haben natürlich keinen Einfluss."

Luise Quitsch

Vom litauischen Staat erhält sie als Wolfskind eine Kriegsopferrente von umgerechnet 55 Euro. Das wirtschaftlich schwächere Litauen unterstützt die deutschen Kriegswaisen, Deutschland aber nicht. Es ist ein Armutszeugnis, dass die Bundesrepublik die Fürsorge für seine "verlorenen Kinder" einem anderen Staat überlässt.

Litauen, das neblige, zärtliche, leise Land war und ist ein Zufluchtsort für Menschen in Not.