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Mähren Das unbekannte Herz Europas

Mähren ist die kleine Schwester Böhmens und die Tschechen streiten, wer die schönere ist. Es ist aber unbestritten, dass Mähren eine alte Kulturlandschaft ist, die durch verschiedene Völker geprägt wurde.

Autor: Karla-Sigrun Neuhaus und Barbara Mai Stand: 27.11.2011
Bewaldete Hügel im Sonnenschein | Bild: BR

Unsere Reise beginnen wir am Tor zu Mähren, am bedeutendsten Handelsweg, der Böhmen und Mähren verband: in Leitomisl oder Tschechisch Lytomisl.

Die Stadt überragend - das große Schloss. Der berühmteste Sohn der Stadt ist der Komponist Friedrich Smetana.
Was für die Salzburger Mozart ist, ist für die Leitumischer Smetana. Friedrich Smetana ist hier geboren, in unmittelbarer Nähe des Renaissance-Schlosses. Sein Vater war Pächter der Schlossbrauerei.
Leitomisl ist Gastgeber eines internationalen Operntreffens. Mittelpunkt der Stadt ist der lang gestreckte Hauptplatz, der Smetana-Platz. Gut erhaltene Bürgerhausfassaden mit Lauben und schönen Giebeln; überall Hinweise auf die ehemaligen deutschen Einwohner.

David Vlk

Wir sind in Brünn, der Hauptstadt von Mähren. Früher hieß Brünn sprichwörtlich "Vorort von Wien", denn jeder echte Wiener hatte, als Mähren noch zu Österreich gehörte, mindestens eine Tante in Brünn.
Hier treffen wir David am Rande des Krautmarktes in einem gemütlichen Straßencafé. David ist gerade vom Studium in Prag in seine Heimatstadt Brünn zurückgekehrt. Vor dem Dietrichstein-Palast, eine Dreifaltigkeitssäule. Von hieraus leitete Kardinal Fürst Franz von Dietrichstein die Rekatholisierung Mährens ein. Auf dem Krautmarkt reges Treiben wie seit dem 14. Jahrhundert. Schon damals brachten Kaufleute ihre Ware nach Brünn.

"Ich empfinde Mähren und Brünn als die Hauptstadt Mährens wirklich als eine freundliche Stadt und als eine Stadt des Weins auch mit einem natürlichen Temperament. Also, ich denke gern an Mähren zurück, auch an meine Freunde und meine Familie. Das Leben ist viel besser als in Prag, wo alles viel schneller läuft, aber dabei weniger idealistisch - weniger freundlich auch."

David

Brünn

Brünn ist mit 400.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Tschechischen Republik. Schon seit ihrer Gründung wohnten hier Deutsche neben Juden und Tschechen. Das blieb auch in der ersten Tschechoslowakischen Republik so. Erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges leben nur noch Tschechen in der Stadt. Die Deutschen wurden vertrieben. Doch die Geschichte lässt sich nicht verleugnen; die alten Baudenkmäler prägen die Stadt.

Malerisch ist die Vorgebirgslandschaft von Neutitschhein. Die hügeligen Ausläufer der Beskiden formen sich in einem Talkessel zur Mährischen Pforte. Neutitschhein war bis 1945 deutsche Sprachinsel. In der Mitte der Marktplatz mit barocker Mariensäule und tanzendem Kuhländer Bauernpaar. Der Markt ist ein rechteckiger Platz mit wunderschönen Renaissancehäusern und Laubengängen. So einer ist in ganz Mähren nicht noch einmal zu finden. Den Bürgern ging es gut.

Über sanfte Gebirgsausläufer, an der Kreuzung ehemals wichtiger Handelswege von der Ostsee bis zur Adria, wie dem Bernsteinweg sind wir in Südmähren angelangt. Mediterranes Klima, milde Luft und viel Sonne lassen hier herrlichen Wein reifen. Der Anbau der Weinrebe begann schon in der Keltenzeit. Maria Theresia förderte 1760 den Weinbau durch ein Gesetz. Ihr Sohn, Josef II. erlaubte sogar die eigene Ernte ab Hof zu verkaufen - der Heurige war geboren. Vor allem Rotweine aus dieser Region sind bekannt: Cabernet und Blauer Portugieser. Neue Veredelungen brachten mit dem Ende des 19. Jahrhunderts den Durchbruch für Weißweine, etwa Grüner Veltliner und Traminer Sorten.

Nikolsburg / Mikulov in Mähren

Über der Stadt Nikolsburg, heute Mikulov, thront, schon von weitem sichtbar, das monumentale Barockschloss der Familie Dietrichstein. Blick auf die Pollauer Berge, Fundort der berühmten Venus von Vestonice. Nur einen Kilometer weit, die österreichische Grenze, nach Wien eine Autostunde. Bis zur "Samtenen Revolution" 1989 war Nikolsburg enges Grenzgebiet ohne Grenzverkehr. Nikolsburg hatte einst die größte jüdische Gemeinde in Mähren mit einer Talmud-Schule. Zu Hochzeiten lebten hier 3.500 Juden. Heute ist der Friedhof der größte in der Tschechischen Republik mit 8.500 Grabsteinen. Die alten Nikolsburger sind, wie fast überall in Mähren mindestens zweisprachig aufgewachsen - Deutsch und Tschechisch. Auch die jüdischen Nikolsburger sprachen Deutsch. Doch dann kamen die Diktatoren, die nur ihre Sprachen erlaubten. Im Protektorat durften sie nicht Tschechisch sprechen und im Kommunismus nicht Deutsch.

Von der jüngsten Vergangenheit wird immer noch nicht gern gesprochen, aber die Spuren sind überall zu sehen. Seit dem elften Jahrhundert siedelten hier neben Slawen und Ungarn vor allem Deutsche. Die Stadt ist geprägt von neun Jahrhunderten deutscher Geschichte. 1945 wurden von dem damaligen Präsidenten der Republik die Benesch-Dekrete erlassen. Diese Dekrete sind auch bei der tschechischen Bevölkerung sehr umstritten. Auch Reiner Elsinger ist von dieser Gesetzgebung betroffen. Er ist in diesem Haus geboren, aber nach den Benesch-Dekreten bekommt er es nicht zurück. Seine Eltern haben hier geheiratet und er ist in der Stadtpfarrkirche St. Wenzel getauft worden

"Ja, ich bin wenige Tage, bevor die russische Armee das Schloss in Brand geschossen und die Stadt erobert hat, mit meiner Mutter in der letzten Evakuierungsmöglichkeit von Frauen und Kindern ins Waldviertel geflüchtet, damals. Nach dem Kriegsende im Mai wollten wir wieder zurückkommen, aber da war unser Haus schon ausgeplündert. Das Klavier und die Bibliothek lagen im Garten und die Drangsalierungen der Deutschen hatten bereits begonnen, so dass wir fluchtartig wieder versucht haben, weiter in den Westen zu kommen. Ja, ich komme gerne hierher, ich bleibe aber nicht gerne über Nacht hier. Die Erinnerungen sind natürlich da, weil bekanntlich jeder Mensch auf eine Heimatlandschaft in der Jugend geprägt wird, aber wohl gehören zur Heimat auch die Menschen."

Reiner Elsinger

Im Südosten der Tschechischen Republik liegt die landschaftlich reizvolle Mährische Walachei. In dieser Gegend ist Zlin die größte Stadt. Vor den Toren der Stadt, romantisch in einem Park: das Hotel Tuskulo. 1894 begeisterte sich Franz von Seilern für diesen Fleck und baute ein Jagdschloss nebst Gästehaus. Und ein Gästehaus ist es immer noch. Es bietet allerhand Luxus: ein hauseigenes Schwimmbad, daneben können die Gäste Fitnessraum, Sauna und Tennisplatz benutzen. Gleich nebenan, freilaufende exotische Tiere – ein kleiner sympathischer Zoo, der zum schon erwähnten Schloss des ehemaligen Besitzers Graf von Seilern gehört. Die Zliner waren nicht sehr glücklich über die Entwicklung ihrer Stadt nach 1945. Noch im Dezember 1989 nahmen sie ihren alten Namen wieder an. Vier Jahrzehnte lang musste die Stadt "Gottwalldorf" heißen. Die Stadt Zlin möchte im 21. Jahrhundert an die Anfänge ihrer Industriezeit anknüpfen. Für den wirtschaftlichen Aufschwung braucht die Stadt ausländische Investoren.

Iglau

An einem wichtigen Handelsweg von Nord nach Süd, am Rande des böhmisch-mährischen Höhenzuges liegt Iglau/Iglava. Der Hauptplatz ist seit der Entstehung der Stadt im 13. Jahrhundert auch das Zentrum – mittendrin ein riesiger Kaufhausklotz. Auch in Iglau lebten seit Gründung der Stadt Deutsche. Silbervorkommen zogen viele Siedler an. Hier wurden die Münzen für den böhmischen Staat geprägt. Berühmt ist das Iglauer Bergrecht. Es ist das Bergrecht schlechthin und das nicht nur in Europa angewendet wurde. Der große Sohn der Stadt ist Gustav Mahler, 1860 geboren. Sein Vater war ein deutsch-jüdischer Kaufmann. Iglau war bis 1945 eine deutsche Sprachinsel. Durch die Kontakte erlebt Iglau inzwischen wieder eine Renaissance, diesmal eine wirtschaftliche. Damit entwickelt sich ein neues Bewusstsein im Umgang mit einen politischen und kulturellen Geschichte.

Das Schloss Grätz

Von der Kirche des Heiligen Ignazius aus dem 17. Jahrhundert geht es zu einem Schlosskomplex mit politisch-kulturell bedeutender Vergangenheit: Grätz / Chadez Nadvornetzi, einst im Besitz der Pschümisliden-Fürsten. Seit 1777 gehörte es den Oberschlesischen Fürsten von Lichnowsky. Sie machten die Burg zu einem Kulturzentrum der Monarchie mit Namen, wie Beethoven, Liszt, Paganini, Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal oder Gerhard Hauptmann.

Grätz bietet die historische Kulisse, um sich von dem Land im Herzen Europa zu verabschieden. Ein Land, das über viele Jahrhunderte von Tschechen, Deutschen, Juden und anderen Völkern kulturell belebt wurde - ein Land, das im Schnittpunkt großer Völkerbewegungen und wichtiger Handelsstraßen lag.