Bayerisches Fernsehen - LeseZeichen

Jan Böttcher Das Lied vom Tun und Lassen

Es gibt nicht viele Romane, die man, wenn man sie beendet hat, sofort neu beginnen möchte, weil man am Schluss etwas begriffen hat, weil man etwas dazu gelernt hat, und weil es ein Genuss ist, das, was vorher etwas rätselhaft war, jetzt anders einzuordnen und zu verstehen. "Das Lied vom Tun und Lassen" ist einer dieser Romane.

Autor: Daniela Weiland Stand: 05.01.2012

Wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, wundert man sich auch nicht mehr über den Titel: Das Lied ist ein Schlüsselwort der Romantik. "Schläft ein Lied in allen Dingen …" heißt es bei Eichendorff, und wer auf Jan Böttchers Homepage geht, wo man sich die Lieder, die im Roman eine Rolle spielen, anhören kann, stößt auch auf Volkslieder, wie dem Wanderlied aus dem deutschen Vormärz "Auf du junger Wandersmann". Allerdings hat Boettcher, der auch Singer-Songwriter ist, den Text leicht verändert und er endet so:

Jan Böttcher

Ich bleib hier, bleib in Berlin,
und werd’ um die Häuser ziehn.
Ich hab Zeit, ich hab Zeit.
Vielleicht unter all den Linden
werde ich dich wiederfinden.
Aber wie viel Jahre Laub
fällt, bis ich den Unsinn glaub’.

Im Roman gehört dieses Lied in ein Unterrichtsprojekt, das der schon ältere Musiklehrer Mauss mit seiner Klasse durchführt. Dieser Lehrer ist nicht von gestern, er weiß seine Schüler zu begeistern, indem er mit ihnen Klingeltöne für das Handy produziert oder ihnen zeigt, wie man es macht, wenn man als Künstler Erfolg haben will, und setzt dabei auf das Internet. Eine Schüleraufgabe ist, die fingierte Sängerin "Frau Paulsen" auf dem Markt zu positionieren. Die jungen Leute erfinden folgende Legende zur Entstehung des neugedeuteten Wanderliedes: Frau Paulsen habe das bekannte Volkslied 1977 umgetextet, nachdem sie von ihrem Mann verlassen worden sei. Dieses Volkslied wird also nicht wiederbelebt, um des Volksliedes willen, sondern es wird reaktiviert, weil es noch heute Frau Paulsens Gefühle widerzuspiegeln vermag, wenn es auch inhaltlich korrigiert werden muss. Frau Paulsen, die so traurig ist, weiß doch - und anders als romantische Texte - dass sie nicht ewig ist und dass der Tag der Desillusion kommen wird.

Die Romantik in Zeiten der Digitalisierung

Jan Böttcher im Gespräch mit Armin Kratzert

An diesem Beispiel wird deutlich, wie Jan Böttcher vorgeht. Seine drei Protagonisten, der Lehrer Immanuel Mauss, der Schulgutachter Johannes Engler, die Abiturientin Clarissa Winterhof, sind alle aus unterschiedlichen Gründen in einer Krise. Und obwohl in einer modernen Welt lebend, und an ihr gerne teilhabend, gibt es - ganz beiläufig - viele Elemente, die auf eine andere Welt deuten, nach der sie sich sehnen, eine Welt, die durch die Schlüsselwörter der Romantik aufgerufen wird: Sehnsucht und Todessehnsucht, Seelenruh und seelische Reinheit, der Freundeskreis, die gemeinsame Kreativität, die Überwindung der Grenzen zwischen Tod und Leben und schließlich eine gemeinsame Reise mit einem Pferdewagen, die Abkehr von der Schnelllebigkeit, die Bedeutung der Landschaft und das Dichten im Volksliedton.

Romantik in therapeutischer Funktion

Es geht Jan Böttcher offenbar nicht um die Wiederverzauberung der Dinge, nicht um Weltflucht, sondern er knüpft an ihren Kern an, an etwas Gültiges, das Halt gibt in der Krise, ein korrektives, therapeutisches Element zur Realität:

Lehrer Mauss, trauernder Witwer, baut in seiner Freizeit Lauten, das Instrument, "das in der Romantik seine Wiederkunft" feierte. Denn, so sagt Mauss in seinen Vorträgen über die Laute: "Alles kommt und geht und kehrt zurück": "Das Solospiel, die Improvisation, die Subjektivität".

Der Schulgutachter und Liebhaber von Clarissa, Johannes Engler, auch er wegen einer Scheidung aus der Bahn geworfen, beginnt sich über Vergangenheit und Zukunft Gedanken zu machen und schreibt Lieder, die sinnstiftend helfen, sich in den Werdegang der Dinge neu einzuordnen.

Und Clarissa, verstört durch den Selbstmord ihrer Freundin, spricht mit der Toten, lässt sich von ihr leiten und findet so wieder in die Welt zurück.

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Jan Böttcher
Das Lied vom Tun und Lassen
Roman Rowohlt Verlag
19,95 Euro