Spielsucht Gefangen in der virtuellen Welt
13 Millionen Menschen weltweit spielen World of Warcraft – eines der erfolgreichsten Online-Rollenspiele. Doch so manch einer verliert sich auch in dieser virtuellen Welt. So wie der älteste Sohn von Christoph und Christine Hirte. Er gab sein reales Leben auf – und existierte nur noch in der Online-Fantasiewelt.
Der Sohn von Christoph und Christine Hirte verließ nach dem Abitur das Elternhaus in Gräfelfing: Er ging nach Nordrheinwestfalen um dort Informatik zu studieren.
Doch dort lernte er nicht nur neue Leute, sondern auch das Spiel „World of Warcraft“ kennen. Er wurde als Beta-Tester angeworben. „ Er ist immer mehr darin versunken, ist wirklich dem Spiel verfallen. Er hat sein Studium abgebrochen und sämtliche sozialen Kontakte nach draußen - auch den Kontakt zu uns“, erzählt Christine Hirte.
Enormes Suchtpotential
Doch wie konnte es soweit kommen? Zum einen ist es das Belohnungssystem des Spiels: In World of Warcraft wird eine Spielfigur stark, die sich besonders lange und intensiv durch die Fantasiewelten kämpft. Und so können hier auch Menschen zu Helden werden, denen es im wahren Leben an Anerkennung mangelt.
Dieses Suchtpotential kennt auch Dominik Hanakam: Er hat früher World of Warcraft exzessiv gespielt, aber früh genug den Absprung geschafft – noch bevor ihn der Sog erwischt hat. Und er weiß, was diesen Sog verstärkt: In World of Warcraft gibt es Aufgaben, die man nur in der Gruppe lösen kann – und so werden sogenannte Gilden gegründet und Verabredungen getroffen. Und diese Termine müssen eingehalten werden, da ja eine ganze Gruppe auf einen wartet. Heute ist Dominik Hanakam Dozent an der Hochschule München und hat hier ein „Computerspiele-Labor“ entwickelt.
Eine Odyssee
Das Ehepaar Hirte hatte keine Ahnung von solchen Mechanismen. Natürlich hatten sie den Begriff „Online-Sucht“ schon mal gelesen – aber so richtig konnten sie mit diesem Begriff nichts anfangen. So war der Schock tief, als sie vor viereinhalb Jahren die Online-Sucht ihres Sohnes erkannten. Was dann folgte war eine Odyssee: Sie wandten sich an Ärzte und Suchtberater, fragten nach, wie sie ihrem Sohn am besten helfen konnten. Sie holten ihn wieder nach Hause zurück in die Familie, wollten ihn zur Therapie bewegen – ein aussichtsloses Unterfangen. Schließlich hörten sie auf den Rat der Experten und strichen ihm alle finanziellen Mittel.
Hilfe für andere Betroffene
Um anderen Eltern diesen schweren Weg zu ersparen oder ihnen dabei zu helfen, ihn zu gehen, haben die Hirtes ein Selbsthilfeportal im Internet gegründet – das Netzwerk rollenspielsucht.de. Genau hinschauen – das sei das Wichtigste, sind sich die Hirtes sicher. Denn: Die Süchtigen haben die Grenzen ihres Tuns längst aus den Augen verloren. Für die Hirtes ist die Bekämpfung der Online-Sucht fast zur Lebensaufgabe geworden: Neben der Betreuung des Internetportals halten sie auch Vorträge zum Thema.
"Mir als Mutter, uns als Eltern, hat es wirklich das Herz im Leib umgedreht, unserem Sohn sämtliche Finanzen sperren zu müssen. Das geht gegen jedes elterliche Gefühl, man will immer aktiv helfen. Aber uns blieb einfach keine andere Möglichkeit, denn wir wussten, wir müssen einen Weg finden, dass er da rauskommt, und wenn es nur so geht, dann werden wir das aushalten müssen."
Christine Hirte erinnert sich an die schwere Zeit zurück.
Ein langer Weg zurück in die Realität
Der Sohn der Hirtes hat es geschafft. Und das aus eigener Kraft. „Wir können praktisch nur erahnen, wie schwer das gewesen sein muss - und sind sehr, sehr stolz auf ihn“, erzählt Mutter Hirte. Der Weg zurück war und ist bis heute hart: Gerade eben haben sich Mutter und Sohn zum ersten Mal nach viereinhalb Jahren wiedergesehen. Bis heute hat er noch nicht den Mut, die gesamte Familie zu treffen. „Weil er einfach vor der Wucht der Emotionen noch Angst hat. Er ist noch nicht so stabil, aber wir hoffen, dass es bald stattfindet wird“, sagt Christine Hirte.
Als Eltern genau hinsehen!
Wie kann man solch einer Suchtsituation vorbeugen? Muss man die Kinder von Computerspielen möglichst fernhalten? Manche Computerspiele, so findet Dominik Hanakam, sind durchaus empfehlenswert. Nur welche? Um einen Einblick in die virtuelle Welt zu bekommen, lädt der Experte Eltern und Lehrer in sein mobiles Computerspiele-Labor ein. „Dass Eltern einfach auch ein Gespür dafür bekommen, wie muss ich mit meinem Kind umgehen, beziehungsweise gewisse Vorzeichen bemerken. Wenn mein Kind von „Call of Duty“ spricht, und erst 14 Jahre alt ist, dann muss es in meinem Kopf klingeln. Und das kann ich nur, wenn ich weiß, was „Call of Duty“ ist“, sagt Dominik Hankam. „Call of Duty“ ist eines der härtesten Egoshooter-Spiele auf dem Markt. Eltern müssen an der Welt ihrer Kinder dranbleiben. Und sie müssen wissen, wie mächtig diese Computerwelt ist, meint Hanakam.

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