Bayerisches Fernsehen - Kino Kino

Interview Wim Wenders über "Pina"

Mit "Pina" schuf Wim Wenders eine bildgewaltige Hommage an die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch, die 2009 während der Vorbereitungen auf den Film starb. Wenders gelang es höchst eindrucksvoll, Bauschs Tanzkunst zu archivieren - etwas, das erst durch 3D möglich wurde.

Autor: Gebhard Hölzl Stand: 14.12.2011
Wim Wenders Interview Pina | Bild: picture-alliance/dpa

Kino Kino: Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Jahrhundertchoreografin Pina Bausch?

"Sehr deutlich. Das war in Venedig. Ich habe ja von 1977 bis 1984 in Amerika gelebt und habe von Pinas Aufstieg in Europa überhaupt nichts mitgekriegt. Meine damalige Freundin kannte Pina aus Frankreich, die mehrfach beim Tanzfestival von Nancy aufgetreten ist. Sie hat mir von ihr vorgeschwärmt und so habe ich mir 1985 erstmals "Café Müller" und "Le Sacre du Printemps" angesehen und war wie vom Donner gerührt."

Kino Kino: Wann kam Ihnen denn die Idee, einen Film über oder mit Pina Bausch zu machen?

"Eigentlich gleich, nachdem wir uns erstmals getroffen hatten. Das war kurz nachdem ich zahlreiche ihrer Arbeiten anlässlich der Retrospektive in Venedig gesehen habe. Wir kamen gleich gut miteinander aus und ich habe zaghaft nachgefragt, ob wir vielleicht etwas zusammen machen könnten. Sie hat zunächst gar nichts gesagt, einen Zug an ihrem geliebten Zigarettchen genommen und mich im Unklaren gelassen. In den Jahren darauf hat sie mir aber unmissverständlich klar gemacht, dass sie und ihr Tanztheater Wuppertal durchaus an einem Film interessiert wären."

Kino Kino: Hatten Sie einen Spiel- oder Dokumentarfilm im Kopf?

Choreografin Pina Bausch

"Ein Spielfilm war nie geplant. Es war immer mein Wunsch diese Magie, die von Pina und entsprechend auch ihrer Truppe ausgeht, sichtbar zu machen. Ich wollte die Körperlichkeit, die Unmittelbarkeit vermitteln. Das 'Beteiligtsein', das ich so von keinem Rockkonzert, keiner Oper, keiner Theater- und keiner Filmaufführung her kenne, wollte ich mittels Leinwand transportieren. Ich bin über die langen Jahre, die ich Pina kannte und ihr zusah, dahinter gekommen, was ihre Magie ausmacht. Es ist schlicht die Genauigkeit ihrer Beobachtung, dieses Verständnis, das sie für Körpersprache aufbrachte. Sie konnte einen Menschen richtig lesen."

Kino Kino: Wenn diese "Übereinstimmung" so schnell gefunden war, warum hat es dann so lange gedauert, bis ein gemeinsamer Film realisiert werden konnte?

Filmografie (Auswahl)

Pina (2011)
Palermo Shooting (2008)
Don't Come Knocking (2005)
Land of Plenty (2004)
Viel passiert - Der BAP-Film (2001)
The Million Dollar Hotel (2000)
Buena Vista Social Club (1998)
In weiter Ferne so nah (1993)
Himmel über Berlin (1987)
Paris Texas (1984)
Der amerikanische Freund (1976)
Alice in den Städten (1974)
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1971)

"Das hat Pina auch gefragt. Nachdem wir uns einige Jahre kannten, hat sie darauf gedrängt, endlich einen gemeinsamen Film zu drehen. Sie hat mich gefragt, warum ich nicht endlich loslege. Und ich musste ihr gestehen, dass ich noch keine Form gefunden hatte, um ihre Kunst entsprechend umzusetzen. Man konnte Pina nicht belügen, ich war einfach ratlos, konzeptlos. Ich konnte diese Körperlichkeit nicht vermitteln. Nicht mit der Handkamera, nicht mit dem Kran. Irgendetwas fehlte. Pina war darüber sehr traurig, verstand aber mein Problem. Die Lösung kam mit 3D. Als ich den Konzertfilm 'U2- 3D' sah, hatte ich die Lösung meiner Probleme. Die stereoskopen Effekte waren zwar noch sehr rudimentär, aber ich wusste zumindest, wie ich Pinas Tanztheater entsprechend einfangen würde können. Das war die Tür, um in den Raum hineinzugucken. Ich war mit der Qualität nicht zufrieden, wusste aber, dass die sich schnell verbessern würde."

Kino Kino: Arbeitet man bei 3D anders als herkömmlich bei 2D?

"Man glaubt es zunächst nicht, erkennt aber dann schnell, dass es da verschiedene große Unterschiede gibt. Man kann nicht so Schwenken wie in einem Film, wegen der Nachzieheffekte, man kann nur mit einer Person schwenken, nicht gegen sie. Man kann die Kamera schön auf jemanden zu- oder wegbewegen, man bewegt immer den ganzen Raum, nicht die Kamera im Raum. Es ist alles viel komplexer, es gibt einfach sehr viel mehr technische Details, die man beachten muss."

Kino Kino: Bei ganz schnellen Bewegungen, Pirouetten etwa, verwischen die Bilder immer noch. Hätte man da nicht mit mehr Bildern pro Sekunde statt der üblichen 24 arbeiten können?

Beim Dreh von "Pina"

"Da haben Sie ganz recht. Wir haben es auch getestet mit 50 Bildern pro Sekunde. Das war herrlich, alle Bewegungen waren ganz fließend, absolut harmonisch, elegant. Das Problem sind die Kinos. Weltweit können die 3D nur mit 24 Bildern pro Sekunde abspielen. An diesem Problem ist schon James Cameron bei Avatar gescheitert. Es wäre für die Zukunft wünschenswert, man könnte die Projektoren entsprechend umstellen."

Kino Kino: Sie sind mit Ihren Filmen, Ihrer Arbeitsweise, immer auf der Höhe der Zeit. Sie drehen mit "Pina" einen klassischen Arthousestoff in 3D, Ihren "Buena Vista Social Club" haben Sie digital aufgenommen, Sie fotografierten früh mit 3D-Fotoapparaten. Sind Sie ein Technikfreak?

"Nur so weit sie meine Arbeit betrifft, nicht als Selbstzweck. Sehen Sie, der Dokumentarfilm war Mitte der 90er Jahre tot. Es war zu teuer, ihn auf normalem Film zu drehen. Dann kamen die digitalen Kameras. Die Technik wurde schnell billig, sie ist beweglich und flexibel einsetzbar. Sehen Sie sich den Erfolgslauf an, den der Dokumentarfilm in den letzten Jahren hatte. Allerdings ist in meinen Augen 3D nicht das gesuchte Kinoheilmittel. Aber 3D eröffnet neue Möglichkeiten. Die Technik wird sich rapide verbessern und man wird die dritte Dimension vielfältiger einsetzen können."

Kino Kino: Aber 3D hat sie nicht vor dem Tod gefeit. Pina Bausch starb 2009 ganz überraschend. Wie haben Sie reagiert?

Wim Wenders gewann 2011 für "Pina" neben dem Deutschen Filmpreis auch den Europäischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.

"Wir saßen in unserem Berliner Büro und haben den Transport der Technik nach Wuppertal besprochen, als wir von Pinas Tod erfuhren. Zwei Tage vor Drehbeginn. Ich habe sofort alles gestoppt, die Produktions- und Förderpartner darüber informiert, dass ich den Film nun nicht mehr machen würde. Es sollte ja ein Film von Pina und mir werden. Mit ihr vor der Kamera. Ihn allein zu machen, darin sah ich keinen Sinn mehr. Der Sinneswandel kam auf der Trauerveranstaltung, die erst im September am Tanztheater in Wuppertal stattfand. Pina war Ende Juni gestorben. Die Tänzer traten an mich heran. Sie hatten schon mit den Proben begonnen. Noch unter Pina. Sie erinnerten mich daran, dass Pina und ich ausgemacht hatten, die Stücke für die Nachwelt zu konservieren. Ich stand also unter Zugzwang und habe mich der Aufgabe gestellt."