Der Goldene Löwe ging an den südkoreanischen Regisseur Kim Ki-duk ...
69. Filmfestspiele Venedig Goldener Löwe für Kim Ki-duks "Pieta"
Preisverleihung in Venedig: Dieses Jahr ging der Goldene Löwe nach Südkorea - an den Regisseur Kim Ki-Duk für sein Drama "Pieta". Als beste Schauspieler wurden Hadas Yaron, Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix ausgezeichnet.
Nach zehn Tagen Weltkino und 18 Wettbewerbsfilmen gewann das dunkle Drama "Pieta" von Kim Ki-duk den "Goldenen Löwen" beim 69. Internationalen Filmfestival Venedig. Der koreanische Regisseur (2004 "Silberner Löwe" für "Bin jip") erzählt in stilisierten Bildern von einem brutalen Gangster, der finanziell in Not geratene Menschen verstümmelt, um die Versicherungssumme zu erhalten.Er ändert sich, als eine Fremde in sein Leben tritt und behauptet, seine Mutter zu sein. Doch sie hat nur eines im Sinn: Rache an demjenigen, der ihren Sohn auf dem Gewissen hat. Ein harter und konsequenter Film, der sich mit Kritik am Kapitalismus im modernen Korea nicht zurückhält.
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Gerührt und mit einem koreanischen Lied nahm der traditionell gekleidete Ki-duk die Auszeichnung an. Heiß hergegangen soll es sein in den Jury-Diskussionen unter Michael Mann. Die Jury - so ein Gerücht – favorisierte wohl den US-Beitrag "The Master". Die Regeln des Festivals sehen aber vor, dass ein Film, der den "Goldene Löwen" erhält, keine weiteren Preise bekommen darf. Also entschied man salomonisch. Der "Silberne Löwe" für die Beste Regie ging an Paul Thomas Andersons "The Master" und eröffnete so die Möglichkeit, die beiden Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman als unberechenbaren Guru und Joaquin Phoenix als psychisch angeschlagenen Kriegsveteranen ex aecquo mit der "Coppa Volpi" für die Beste männliche Darstellung auszuzeichnen. Eine weise Entscheidung.
Etwas weniger nachvollziehbar die Wahl von Hadas Yaron als Beste Schauspielerin, die in Rama Burstheins umstrittenen Film "Lemale Et Ha'Chalal" mit dem Mann ihrer verstorbenen Schwester verheiratet wird. Den Preis hätte man auch Franziska Petri im russischen Beitrag "Izmena" von Kirill Serebrennikov gegönnt oder der wunderbaren Maria Hofstätter in Ulrich Seidls "Paradies: Glaube". In seiner Abrechnung mit der extremen Form christlicher Glaubensausübung schaut der provokante Österreicher in menschliche Abgründe und Verdrängungsmechanismen. Der verdiente Spezialpreis der Jury, den er dafür erhielt, ist auch als Statement gegen die ultrakonservative katholische Organisation "NO 194" und ihre Anzeige wegen Blasphemie zu verstehen.
Souveräner Robert Redford
Dass Olivier Assayas "nur" den Drehbuchpreis erhielt, ist eigentlich schade. Sein "Après Mai" ist eine kluge und sehr persönliche Betrachtung der 1970er-Jahre in Frankreich. Der Regisseur, der im vergangenen Jahr mit seinem Mammutwerk "Carlos" für Furore sorgte, zeichnet die Biografien mehrerer junger Leute in ihrem politischen Kampf und in ihrer Desillusion. Dazu passte sehr gut Robert Redfords "The Company You Keep" (außer Wettbewerb). Souverän bewies der 76-Jährige, dass er nicht nur inszenieren, sondern immer noch grandios spielen kann (auch wenn es etwas befremdlich schien, wenn er wie ein Jüngling durch den Wald hetzt oder den Vater, statt Großvater einer Zwölfjährigen verkörpert). Nach dem Roman von Neil Gordon verknüpft er Vergangenheit und Gegenwart, die Auswirkungen des Gestern auf das Heute.
Redford mimt einen geachteten Anwalt und alleinerziehenden Vater, dessen Leben aus den Fugen gerät, als ein junger Reporter (Shia LaBeouf) seine wirkliche Identität entdeckt: seine Mitgliedschaft in einer Gruppe von radikalen Kriegsgegnern in den frühen 1970er-Jahren und die Teilnahme an einem Banküberfall, bei dem ein Wachmann getötet wurde. Das FBI jagt ihn, während er seine frühere Geliebte sucht, die als einzige seine Unschuld beweisen kann. Ein spannender Polit-Thriller und gleichzeitig eine Reflexion über ein Stück amerikanische Geschichte, über Gewalt als falsches Mittel zur Veränderung, über persönliche Konsequenzen und die eigene Wahrheit. "Für mich war es an der Zeit, diesen Teil unserer Geschichte auf der Leinwand zu erzählen", so Redford und prangert das heutige System an: "Es hat sich einiges geändert. Aber die Superreichen überleben immer, wie auch Wall Street".
Aufmerksamkeit und Geduld lohnten sich bei Brillante Mendozas Wettbewerbsbeitrag "Sinapupunan" (Thy Womb), die bewegende Geschichte einer Frau, die keine Kinder bekommen kann und gehen muss, als eine Junge ihrem Mann einen Sohn schenkt. Fast eine ethnografische Reise durch die Philippinen mit Einblick in Feier-Rituale und Alltag, in Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau im Islam.
Fast mainstreamhaft
Nicht wie erwartet als "schmutziger" Film, sondern auf den ersten Blick fast mainstreamhaft kam Harmony Korines "Spring Breakers" daher. Das "enfant terrible", das vor 18 Jahren das Drehbuch zu Larry Clarks "Kids" verantwortete, unterhält mit einem einfachen Plot: Vier Mädels wollen Fun beim Spring Break in Florida. Nach einem Überfall auf ein Café und mit dem nötigen Kleingeld lassen's die Freundinnen krachen mit Sex, Alkohol und Drogen, bis sie wegen letzeren im Knast landen. Die Kaution zahlt ein Gangster und Möchtegern-Rapper (James Franco). Statt College gehen sie mit der Knarre auf Tour.
Korine überrascht mit neuem Stil, benutzt Elemente der Popkultur und persifliert sie gleichzeitig, zieht in einen Bilderrausch. Fettes, wenn auch sinnfreies Kino in einer Mischung aus Russ Meyer und Quentin Tarantino (light)
Vom Feinsten: "La cinquième saison"
Zwiespältige Reaktionen gab es beim italienischen Film "Bella Addormentata", einer von drei Beiträgen aus dem Gastland. Marco Bellocchio greift die Debatte um aktive Sterbehilfe auf, die 2009 Parlament und Bevölkerung spaltete. Statt sich auf ein oder zwei Handlungsstränge zu konzentrieren, ufert das Drama in zu viele aus.
Einen wahren Bildersturm entfesselten Peter Brosens und Jessica Woodworth in "La cinquème saison". Ein atemberaubender und zutiefst moralischer Film über die Beziehung zwischen Mensch und Natur und dritter Teil einer Trilogie (nach "Khadak" und "Altiplano"). Cinematografische Kunst vom Feinsten. Am letzten Tag erntete Brian de Palma Buhrufe mit "Passion", dem mißlungenen Remake des französischen Thrillers "Love Crime". Seine diffuse Neuverfilmung um zwei Rivalinnen, die erbittert um Mann und Karriere kämpfen, driftet in konfusen Horror ab. Bei diesem maroden Werk standen die Schauspielerinnen Rachel McAdams, Noomi Rapace und Karoline Herfurth fast auf verlorenem Posten.
Manchmal fast gespenstisch leer
Die Mostra, die in den ersten Tagen unter Besucherschwund litt, präsentierte im Ganzen ein solides und größtenteils qualitätvolles Programm, legte allerdings erst gegen Ende einen Zahn zu. Manchmal wirkte der leer gefegte Lido abends fast gespenstisch, vermisste man Trubel und Atmosphäre. Internationale Stars machen sich rar, auch wenn Pierce Brosnan sein Raubtierlächeln auf dem Roten Teppich zeigte, Kate Hudson ihre nackten Schultern und Isabelle Huppert ihr schmallippiges Lächeln. Bleibt zu hoffen, dass der neue Festival-Chef Alberto Barbera sein ambitioniertes Programm weiterführen kann und dem alt-ehrwürdigen Festival vielleicht im nächsten Jahr noch ein bisschen mehr Glamour verleihen kann.

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