"Mich interessiert das Groteske hinter den Figuren" Nanni Moretti im Interview
In "Habemus Papam" zeigt der sonst so bissige Nanni Moretti Respekt vor dem katholischen Glauben und den Papst von einer sehr menschlichen Seite. Der frisch gewählte Pontifex kriegt Angst vor dem Amt und flieht aus dem Vatikan.
Kino Kino: Wieviel Moretti steckt in diesem Papst?
Nanni Moretti: In beiden Figuren, dem Papst und dem von mir gespielten Psychiater, steckt ein bisschen von mir. Ich muss allerdings sagen, dass ich nie die Idee hatte, den Papst zu verkörpern, auch wenn einige meiner Freunde meinten, das sei doch das Beste. Ich zeige den Pontifex sehr menschlich und wer kennt diese Situation nicht, wo man weglaufen möchte, weil man sich überfordert, einer Aufgabe nicht gewachsen sieht? Unter dem Aspekt steckt ein bisschen von uns allen in diesem Pontifex.
Kino Kino: Sind Sie gläubig?
Nanni Moretti: Luis Bunuel hat mal gesagt, Gott sei Dank bin ich Atheist. Dem würde ich so nicht zustimmen. Ich bin katholisch erzogen worden, aber ich bin nicht gläubig. Dennoch habe ich nichts gegen Menschen, die ihr Heil im Glauben suchen. Die Entscheidung obliegt dem Einzelnen. Manchen hilft Religion. Soll doch jeder nach seiner Facon glücklich werden.
Filmographie
2011 Habemus Papam
2006 Der Italiener
2001 Das Zimmer meines Sohnes
1994 Liebes Tagebuch...
1985 Die Messe ist aus
1981 Goldene Träume
Kino Kino: Die katholische Kirche stand schwer in der Kritik bei Beginn des Projekts. Von den Skandalen hört und sieht man nichts bei Ihnen. Im Gegensatz zu "Der Italiener" über Silvio Berlusconi schlagen Sie einen sanften Ton an.
Nanni Moretti: Mit Berlusconi konnte und durfte ich nicht gut umgehen, ein polarisierender Politiker, der Italien in zwei Lager zerrissen hat. Aber warum sollte ich bei "Habemus Papam" das wiederholen, was schon in allen Gazetten stand? Die Medien boten genug Möglichkeiten, sich über Pädophilie-Skandale und Finanz-Affären zu informieren. Einige Leute rieten mir, das Drehbuch aufgrund der Aktualität umzuschreiben, doch ich gehöre nicht zu denen, die Erwartungen erfüllen und auf einen fahrenden Zug aufspringen. Im Vordergrund stand nicht eine billige Abrechnung mit der Kirche, der Politik des Vatikans oder individuellen Glaubensvorstellungen, sondern meine ureigene Geschichte, die ich erzählen wollte, mit meinem Vatikan, meinem Papst und meinen Kardinälen. Mein Film ist keine Anklage.
Kino Kino: Was war der Ausgangspunkt?
Nanni Moretti: Erst einmal ging es mir darum, wie wir mit den Erwartungen anderer und unseren eigenen umgehen. Und dann verfolgte mich das Bild des Balkons auf dem Petersplatz, Plattform für den ersten Auftritt des designierten Pontifex, der sich aus Angst vor der großen Aufgabe verweigert. In meiner Fantasie war er leer, nur ein Vorhang wehte still vor sich hin. Ich wollte einen Menschen porträtieren, der vor der absoluten Macht zurückschreckt, unter Selbstzweifeln leidet und befürchtet, den Ansprüchen nicht genügen zu können. Kein Stellvertreter Gottes auf Erden, sondern ein in den Strukturen des Vatikans verlorener Mann mit einer inneren Leere. Die Idee, so ein Amt nicht anzunehmen, faszinierte mich.
Kino Kino: Kennen Sie persönlich Selbstzweifel?
Nanni Moretti: Natürlich. Trotz aller Preise in Cannes oder Berlin und Erfolg an der Kinokasse bleiben immer ein paar Selbstzweifel. Die spornen mich als Filmemacher an. Allerdings halte ich nichts davon, im Büßergewand herumzulaufen und in Selbstzweifeln zu ertrinken. Sich vor manchen Situationen zu drücken, ist zutiefst menschlich und hat auch mit mir zu tun.
Kino Kino: Was macht Michel Piccoli zum idealen Papst?
Nanni Moretti: Schon beim Schreiben des Drehbuchs habe ich an ihn gedacht. Er ist einer der wunderbarsten Schauspieler unserer Zeit und gibt der Figur die nötige Glaubwürdigkeit und Sanftheit, macht sie sympathisch.
Kino Kino: Bekamen Sie in irgendeiner Form Unterstützung vom Vatikan?
Nanni Moretti: Überhaupt nicht. Wir erhielten keine Drehgenehmigung für die Heiligen Hallen und haben u.a. die Sixtinische Kapelle in Cinecittà genau nach dem Original aufgebaut und nach den Dreharbeiten zerstört, ich wollte nicht, dass jemand die Kulissen für eine Serie nutzt. Wir drehten an verschiedenen Orten, allein drei Wochen in der französischen Botschaft in Rom. Das kostete zwar, aber wir hatten genug Zeit. Zur Vorbereitung habe ich mich mit katholischen Ritualen und der Liturgie beschäftigt, viele Dokumentationen angeschaut. Mich interessiert das Groteske hinter den Figuren, auch bei den Kardinälen.
Kino Kino: Ein Papst, der vor der Verantwortung flieht, auf den Straßen Roms ins wahre Leben taucht und die römische Kurie in Aufregung versetzt - das wäre auch Stoff für ein Drama. Sie machen daraus eine Art "comédie humaine".
Nanni Moretti: Ein guter Film muss unterhalten, er darf nicht deprimieren und nur die übliche Misere zeigen. Der Zuschauer soll sich nicht schlecht fühlen, ich eröffne ihm die Möglichkeit, selbst eine Lösung zu finden. Vielleicht grabe ich diesmal nicht so tief wie sonst, aber diese Mischung aus Drama und Komödie zieht sich durch mein Werk. Mit einem bestimmten Humor erreiche ich ein größeres Publikum, inspiriere es vielleicht zu neuen Antworten auf alte Fragen.

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