Im Gespräch zu "The Artist" Regisseur Michel Hazanavicius
Für den Franzosen Michael Hazanavicius erfüllt sich ein Traum: Seine brillante Stummfilmhommage "The Artist" erhielt drei Golden Globes: für die Beste Komödie/Musical, für den Besten Hauptdarsteller (Jean Dujardin, wie auch schon beim Filmfestival in Cannes) und für die Beste Musik. Auch der Oscar ist in Reichweite.
Kino Kino: Muss man verrückt sein, um in Zeiten von 3D einen schwarz-weißen Stummfilm zu drehen?
Michael Hazanavicius: Da fragen Sie mich zu viel. Mich hat das Format interessiert, die Stilisierung der Wirklichkeit. Und ich wollte ein breites Publikum ansprechen. Von so einem Stummfilm träume ich schon seit zehn Jahren, aber erst die Erfolge mit meinen beiden OSS-Agentenparodien machten die Realisierung möglich. Alfred Hitchcock, King Vidor oder Fritz Lang waren immer meine Helden. Aber sobald ich davon redete, erntete ich ungläubiges Staunen, man hielt mich für übergeschnappt.
Kino Kino: Ist „The Artist“ die Liebeserklärung eines französischen Regisseurs an das Goldene Zeitalter von Hollywood oder reine Nostalgie?
Michael Hazanavicius: Ich sehe keine Nostalgie und keinen speziell französischen Blick. "The Artist" ist die Liebeserklärung eines Regisseurs egal welcher Nationalität an das leider in Vergessenheit geratene Format, an die Filmkunst unserer Vorfahren.
Kino Kino: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Stummfilm?
Michael Hazanavicius: Mit meinem Großvater habe ich oft Kurzfilme geguckt, ich war ein Fan von Buster Keaton. Später faszinierte mich Charly Chaplin und "The Kid", als Erwachsener liebte ich die Filme von Erich von Stroheim, und total gepackt hat mich Friedrich Wilhelm Murnaus "Sonnenaufgang - Lied von zwei Menschen". Für "The Artist" haben mich Werke wie Chaplins "Lichter der Großstadt", Murnaus "City Girl" oder King Vidors "The Crowd" inspiriert.
Kino Kino: Was ist anders bei einem Stummfilm?
Michael Hazanavicius: Das Drehbuchschreiben erfordert eine ungewohnte Technik, ein ungewohntes Handwerkszeug. Man kann nur mit Bildern arbeiten, nicht mit Worten und Dialogen, sonst ein wichtiges Instrument zum Verständnis des Films. Ich musste vergessen, wie man sich im Alltag ausdrückt und eine andere, rein cinematografische Art der Ausdrucksweise suchen. Die Ironie und der Spott meiner bisherigen Komödien fielen weg. Die Geschichte musste klar sein mit einfach dargestellten Figuren und ohne zu viele Zwischentitel. Das schränkt ein, gibt aber gleichzeitig auch eine große Freiheit. Das Drehen selbst ist dann eine ganz normale Angelegenheit.
Kino Kino: Suchten Sie Schauspieler mit größerer Mimik?
Michael Hazanavicius: Die Leute denken beim Stummfilm immer an den Slapstick von Charly Chaplin oder Buster Keaton. Es gibt auch noch andere wie Murnau oder Sternberg, Ford oder Hitchock, die mit Schauspielern mehr klassisch arbeiteten. Ohne Ton gucken die Zuschauer intensiver hin. Sie achten mehr auf die Schauspieler, sind viel aufmerksamer. Die Wahrnehmung ändert sich, da fällt schon die kleinste Bewegung im Gesicht auf. Von den Schauspielern habe ich keine Übertreibung verlangt.
Kino Kino: Wie haben Sie für die Dreharbeiten in Hollywood die tollen Ecken im Look der 1920er- und 1930er-Jahre gefunden?
Michael Hazanavicius: Es war ein Riesenabenteuer. Das Haus von Peppy Miller im Film ist das Haus von Mary Pickford, wir durften in die Studiogebäude von La Brea, wo Chaplin "Goldrausch" drehte, in die Douglas Fairbanks Studios und in die tollen Prunk-Kinos Downtown. Es gibt noch wunderbare versteckte Ecken. Manchmal fühlte ich mich wie Alice im Wunderland.
Kino Kino: Welche Rolle spielt die Musik?
Michael Hazanavicius: Bestimmte Melodien habe ich schon beim Schreiben gehört und am Set immer Musik gespielt, um eine passende Atmosphäre zu schaffen. Ich arbeite seit zwölf Jahren mit dem selben Komponisten, aber diesmal stand unsere Freundschaft vor einer Zerreißprobe, weil er sehr genau meiner vorgegebenen Struktur und dem Spiel der Schauspieler folgen musste. Die Musik war der emotionale Leitfaden und die rechte Hand der Bilder, gemeinsam erzählen sie die Geschichte. Normalerweise darf nicht zu viel Musik in einem Film sein. Hier darf man sie nicht wegnehmen, weil dann nur noch Stille herrscht. Die Musik muss manchmal der Stille entsprechen.
Kino Kino: Welches Filmerlebnis brachte sie auf die Idee, selbst Regisseur zu werden?
Michael Hazanavicius: „Der dritte Mann“. Als das Licht nach der Vorführung anging, habe ich mir geschworen, ich will auch mal die Fäden hinter der Kamera ziehen.
Kino Kino: Ein „Oscar“ ist vielleicht nicht mehr fern. Können Sie vor lauter Nervosität überhaupt noch schlafen?
Michel Hazanavicius: Ich bin nicht nervös, sondern total zufrieden, ein Traum wurde wahr. Es gibt genug Leute, die tolle Filme machen, aber nie so eine Chance erhalten. Ich hatte einfach Glück: Mein Film lief erfolgreich auf Festivals, kam gut in den USA an, und Harvey Weinstein kaufte ihn. Ein Franzose kriegt eigentlich keinen Oscar, höchstens den für den Besten Fremdsprachigen Film. Ich weiss ja nicht einmal, ob wir in irgendeiner Kategorie nominiert werden, aber allein die Vorstellung ist der Wahnsinn. Es geht auch nicht darum, dass man ihn verdient, sondern darum, die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen.
Kino Kino: Würden Sie ein Angebot aus Amerika annehmen?
Michael Hazanavicius: Warum nicht? Ich habe kein Problem, international zu arbeiten, das bereichert. Einen Film habe ich halb in Marokko, den anderen halb in Brasilien gedreht, diesen in Los Angeles. Das Ausland ist also nichts Neues für mich. Es kommt auf das Projekt an, auf das Drehbuch und die Arbeitsbedingungen. Ich muss mich wohlfühlen. Alles ist möglich.

Wetter



