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Michael Haneke ("Liebe") im Interview "Das Problem ist ein grundsätzliches"

Mit seinem aktuellen Film "Liebe" gewann Michael Haneke nach "Das weiße Band" erneut in Cannes die Goldene Palme. In seinem jüngsten Drama beschäftigt sich der österreichische Erfolgsregisseur mit einem der größten Menschheitsthemen überhaupt ... und beeindruckt mit einem einfühlsamen Film. "Liebe" startet am 20. September.

Von: Margret Köhler Stand: 10.09.2012
Regisseur Michael Haneke | Bild: picture-alliance/dpa

Kino Kino: Seit wann beschäftigt Sie dieses Menschheitsthema  Liebe, Sterben, Tod?

Michael Haneke: Schon sehr lange. Bereits nach "Der siebente Kontinent" habe ich mir überlegt: Was mache ich jetzt? In meiner Familie ereignete sich wie in fast jeder Familie ein ähnlicher Fall. Die persönliche und schmerzvolle Erfahrung gab den Anstoß. Fühlt man sich von einem Erlebnis verstört, versucht man, sich als Regisseur darüber etwas einfallen zu lassen. Man muss aber aufpassen. Klischees, Kitsch oder Rührseligkeit machen diesem Thema schnell den Garaus. Wir haben uns bemüht, diese Fallen zu vermeiden.

Kino Kino: Jeder spürt Angst vor so einer Situation, sei es als Pflegender oder als Pflegefall. Ist "Liebe" auch eine Art Angstbewältigung für Sie?

Michael Haneke: Das wäre überinterpretiert, ich bin nicht mein eigener Analytiker. Jedenfalls war das nicht der Zweck. In dem Sinn ist jeder Film Angstbewältigung, wie auch ein Schriftsteller über etwas schreibt, um sich  über bestimmte Zusammenhänge klar zu werden.

Kino Kino: Was brachte Sie zum Titel "Liebe"?

Michael Haneke: Bei einer alltäglichen Liebesgeschichte hätte ich den Film nicht so genannt, nur der tragische Kontext erlaubt einen solchen Titel, den übrigens Jean-Louis Trintignant aus dem Hut gezaubert hat.

Kino Kino: Warum spielt die Handlung wieder im bürgerlichen Milieu?

Michael Haneke: Ich vermeide bei den meisten meiner Filme ein Sozialdrama, im bürgerlichen Milieu kenne ich mich am besten aus. Auch das Kinopublikum ist inzwischen eher ein bürgerliches. Und drittens halte ich es für sinnvoller, den Fall von finanziellen und sozialen Nöten zu entkleiden, dann bleibt immer noch das wesentlich Menschliche übrig. Wenn die Handlung in furchtbaren Verhältnissen spielt, in denen man sich keine Krankenschwester leisten kann, kommen 1.000 Argumente, die sagen, bei mehr Geld gäbe es die Schwierigkeiten nicht. Das Problem ist aber kein pekuniäres, sondern ein grundsätzliches.

Kino Kino: Eine große Rolle spielt auch die Wohnung.

Michael Haneke: Sie ähnelt der meiner Eltern in Wien. Ich habe sie nach Paris übertragen und mit französischen Möbeln nachbauen lassen. Das Schreiben fällt mir leichter, wenn ich eine Geografie vor mir habe, Achsen und Fixpunkte schaffe, an denen ich die Fantasie entwickeln kann.

Filmogragfie (Auswahl)

Liebe (2012)
Das weiße Band (2009)
Caché (2005)
Wolfzeit (2003)
Die Klavierspielerin (2001)
Funny Games (1997)
Die Rebellion (1992)
Benny's Video (1992)
Lemminge (1979)

Kino Kino: Wie haben Sie diese fantastischen Schauspieler gefunden?

Michael Haneke: In diesem Fall war es leicht, weil ich den Film für Jean-Louis Trintignant geschrieben habe, so wie "Caché" für Daniel Auteuil. Emmanuelle Riva war nach "Hiroshima Mon Amour" mein Jugendschwarm. Wir lagen alle vor ihr auf den Knien. Dann verschwand sie aus meinem Blickfeld. Bei der Besetzung der Rolle habe ich an sie gedacht, dann aber ein ganz normales Casting mit französischen Damen ihres Alters durchgeführt. Sie war von Anfang an Favoritin, und nach den ersten Proben war klar, sie macht es. Trintignant, der seit 14 Jahren nicht mehr auf der Leinwand zu sehen war, ließ sich "Das weiße Band" vorführen und war angetan. Ihn zu überzeugen, fiel nicht schwer. 

Kino Kino: Gab es keine Bedenken seitens Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, sich seelisch so zu entblößen? Emmanuelle Riva  zeigt sogar ihren körperlichen Verfall ganz offen.

Michael Haneke: Beim Lesen eines solchen Buches wissen Schauspieler, das sind heikle, aber auch sehr dankbare Rollen. Natürlich hat sich Emmanuelle Riva nicht auf die Nacktszenen gefreut, aber die waren notwendig. Ließe man die komplett weg, wäre die Geschichte aber auch wieder eine Lüge. Ich habe versucht, die Situationen  so diskret wie möglich zu zeigen. Sind sie nicht gut inszeniert, können sie eine einzige Peinlichkeit sein. Emmanuelle stürzte sich mit großem Ehrgeiz in die Arbeit.

Kino Kino: In welcher Form haben Sie sich vorbereitet?

Michael Haneke: Ich führe keine großen Gespräche, halte nichts von Diskussionen und langen Erklärungen, am Set gebe ich die Regieanweisungen. Ich plane die Einstellungen, drehe nicht mal von der einen und dann von der anderen Seite. Beim Schnitt, der immer nur ein paar Wochen dauert, kann ich deshalb nicht viel verbessern, nur im Tonstudio. Ein abgedrehter Film ist bei mir quasi fertig.

Kino Kino: Zum zweiten Mal haben Sie eine Goldene Palme in Cannes gewonnen. Was bedeutet Ihnen diese Ehrung?

MMichael Haneke: Auszeichnungen und gute Kritiken sind immer wichtig. Sie lassen die Popularität steigen und verbessern die Arbeitsbedingungen für den nächsten Film. Und wenn ich beim Fleischhauer aufgrund der Bekanntheit mal ein besseres Stück kriege, ist das auch nicht schlecht.

Kino Kino: Privat sollen Sie ein fröhlicher Mensch sein, würde Sie mal eine Komödie reizen?

Michael Haneke: Ich habe eine einzige Komödie am Anfang meiner Karriere realisiert und die war ein Flop. Als Regisseur fehlt mir die spezifische Begabung dafür. Aber ich schaue mir gerne Komödien wie die von Woody Allen an, allerdings ziehe ich die große Projektion zu Hause dem Kino inzwischen vor. Die Unaufmerksamkeit des dauernd telefonierenden Publikums, die ständigen Geräusche und der Popkorngeruch gehen mir auf die Nerven.  

Kino Kino: Wann wissen Sie, ob ein Film gelungen ist?

Michael Haneke: Schon während des Drehs.  Ich gehe jeden Tag nach Haus mit einem gewissen Gefühl des größeren oder des kleineren Scheiterns. Und wenn ich zu oft mit dem großen Scheitern heimkehre, weiß ich, das wird nichts. Mit der Zeit entwickelt man ein feines Gespür dafür. Deshalb bin ich am Anfang auch viel nervöser, weil ich nie sicher bin, was noch alles schief laufen kann. Nach zwei Dritteln des Films ohne Katastrophen fühle ich mich entspannter.

Kino Kino: Könnten Sie sich vorstellen – wie bei "Die Klavierspielerin" – erneut ein fremdes Buch als Vorlage zu nehmen?

Michael Haneke: Man sollte nie nie sagen. Aber derzeit habe ich nicht die Absicht, auch wenn ich beispielsweise die Arbeit von Ferdinand von Schirach interessant finde. Literatur zu verfilmen ist nicht unbedingt das, was mich als Erstes reizt.

Michael Hanekes "Liebe" startet am 20. September in den deutschen Kinos.


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