Bayerisches Fernsehen - Kino Kino

Frédéric Beigbeder im Interview "Liebe ist eine Illusion!"

Mit "Das verflixte 3. Jahr" hat Frédéric Beigbeder seinen ersten Spiefilm als Regisseur gedreht: eine Komödie basierend auf seinem eigenen Roman "L'amour dure trois ans", mit dem der damals 32-Jährige von Freud und Leid seines Liebeslebens erzählte. Kino Kino sprach mit ihm über sein Kinodebüt.

Von: Margret Köhler Stand: 20.07.2012
Frédéric Beigbeder | Bild: picture-alliance/dpa

Kino Kino: Erklären Sie uns doch mal die Liebe.

Frédéric Beigbeder: Da fragen Sie  den Falschen. Deshalb schreibe ich ja. Man schreibt ja nicht, weil man von irgendetwas eine Ahnung hat, sondern weil man nichts weiß. Die Liebe ist schwierig und unerklärlich.  Ich bin auf der einen Seite ein unverbesserlicher Romantiker und gleichzeitig auch ein großer Zyniker, habe Hoffnung und bin dennoch enttäuscht. Die rosarote Brille funktioniert bei mir nicht. Ist es nicht schrecklich - da liebt man jemanden, und plötzlich will man nichts mehr von dieser Person wissen. Der Bruch einer Liebe, die Abkehr vom Gefühl ist eigentlich schändlich, egal ob ich jemanden verlasse oder verlassen werde. Liebe ist eine Illusion , aber die schönste, die uns das Leben schenkt. Das Leben ist schmerzhaft mit Liebe, aber noch schlimmer und trister ohne.

Kino Kino: Sie sagen Marc Maronnier ist noch unausstehlicher als Sie selbst. Sind  sie in Beziehungen unerträglich?

Frédéric Beigbeder beim Dreh zu "Das verflixte 3. Jahr"

Frédéric Beigbeder: Ich bin gefährlich, weil es  relativ einfach ist, mit mir zu leben. Ich tue so, als wäre alles super, bin gut gelaunt, die Partnerin ahnt nichts. Und dann ist Schluss. Das ist für den anderen sehr verletzend. Sonst bin ich so erträglich oder unerträglich wie jeder andere Mann. Früher sind die Leute zusammen  geblieben, egal was war. Heute können wir tun und lassen, was wir wollen. Wer keine Lust mehr hat, sagt ganz cool Tschüss. Ich möchte nicht über mein Privatleben reden, aber ich versuche, sehr intensiv zu leben. Liebe ist wie eine Droge oder eine Utopie, etwas ganz Einzigartiges und sie sollte einzigartig bleiben. Wenn die Leute davon reden, dass nach der  Leidenschaft die Vernunft kommt, kann ich nur den Kopf schütteln. Diesen Unfug akzeptiere ich nicht, und bei der Idee, an einer Beziehung müssten beide arbeiten, sehe ich rot. Sobald ich mich wie im Gefängnis fühle, ziehe ich die Notbremse und hau ab.

Kino Kino: Ist der Verlust der Liebe ein schleichender Prozess?

Frédéric Beigbeder: Der Alltag zehrt an den Kräften. Auf jeden Fall sollte man als Paar diese Schlangen-Steherei am Flughafen mit den Koffern vermeiden, das ist der absolute Gefühlskiller. Vielleicht sollte man lieber nicht zusammen verreisen.

Kino Kino: Wie wollen Sie rund um die Uhr das große Abenteuer zusammen erleben? Das würde doch in Stress ausarten.

Frédéric Beigbeder: Vielleicht haben Sie Recht. Aber ich bin nicht so in der Realität zu Hause, deshalb schreibe ich.  Was total verrückt ist: Nach dem Film erhielt ich Körbeweise Post von Frauen, die mich um Rat fragten für ihre eingeschlafenen Beziehungen. Ausgerechnet mich! Als wenn ich ein Liebescoach wäre. Wenn alle Stricke reißen,  könnte ich in einer Frauenpostille unter der Rubrik „Fragen Sie Frédéric“ zu Ruhm kommen.

Kino Kino: Rennen wir alle einer Utopie hinterher?

Das verflixte 3. Jahr - Filmszene | Bild: 2012 PROKINO Filmverleih GmbH/Magali Bragard zur Bildergalerie mit Informationen Komödie Das verflixte 3. Jahr

Dem ehemaligen Werbe-Profi Frédéric Beigbeder gelang mit "39,90" ein Bestseller. Nun präsentiert er mit "Das verflixte 3. Jahr" sein Spielfilmdebüt. Er erzählt darin autobiografisch die Lebens- und Liebesgeschichte eines Machos. [mehr]

Frédéric Beigbeder: Wir lieben die Liebe mehr als die Menschen. Das ist der Knackpunkt. Wir  machen uns etwas vor, schwelgen in Romantik, Herzklopfen und Poesie. Ein fundamentaler Irrtum. Die Realität  ist viel nüchterner. Man sollte den anderen mit seinen Fehlern lieben und nicht nur das, was uns die Fantasie vom idealen Partner vorgaukelt. Das Geheimnis einer dauerhaften Liebe heißt, den an deren so akzeptieren wie er ist.

Kino Kino: Sie scheuen vielleicht feste Bindungen, aber nicht die Familienbande. Oder warum haben Sie das Haus ihres Vaters auf dem Land gekauft?

Frédéric Beigbeder: Stimmt. Andere lieben Menschen, ich liebe Häuser. Und speziell dieses mit einem verwunschenen Garten und alten Bäumen. Ich wollte einfach nicht, dass die verschwinden und irgendeiner  eine Luxuswohnung auf den Grund setzt. Vielleicht bin ich heute ein anderer als der, der 1997 das Buch geschrieben hat. Durch den Film konnte ich einiges im Text korrigieren, eine wirkliche Chance.   

Kino Kino: Haben die neuen Kommunikationsformen die Probleme zwischen den Geschlechtern noch verstärkt?

Frédéric Beigbeder: Auf jeden Fall. Vor fünfzehn Jahren gab es noch nicht so viele Handys, die Typen, die da ständig hineinquatschten, wirkten lächerlich und das Internet spielte auch noch keine Rolle. Im Film habe ich die Tendenzen aufgegriffen, da liegt der Typ im Bett und kann sich neben seiner schlafenden Frau Pornos angucken. Die  Kommunikation ist permanent,  aber trotzdem auf den Hund gekommen. Die Liebe dauert heute noch weniger als drei Jahre, für die Zwanzigjährigen eine komplizierte Angelegenheit.

Kino Kino: Wollen Sie als Regisseur weitermachen?

Frédéric Beigbeder: Gerne, wenn man mich lässt. Ich würde am liebsten abwechselnd ein Buch schreiben und einen Film inszenieren. Mir gefällt dieser ständige Entwicklungsprozess.

Kino Kino: Was schätzen Sie als Schriftsteller und was als Filmregisseur?

Spielt in "Das verflixte 3. Jahr" die weibliche Hauptrolle: Louise Bourgoin als Alice

Frédéric Beigbeder: Als Schriftsteller ist man der absolute Chef, beim Filmemachen darf man sich nicht als Gott empfinden, sonst geht das Ganze in die Hose. Am Set sehe ich mich eher als einen  Vampir, der das Talent des ganzen Teams aussaugt – egal ob Schauspieler oder Techniker. Alle  sind dazu da, skrupellos ausgebeutet zu werden, wie es ein Vampir mit  seinen Opfern macht. Ein totaler Luxus. Als Schriftsteller hocke ich ganz allein im Zimmer oder im Bett, wo ich gerne schreibe, als Regisseur bin ich umgeben von tollen Leuten. Das finde ich sehr angenehm und inspirierend, allerdings darf man kein Misantroph sein. 

Kino Kino: Und wo liegt der Unterschied zum Werbefilm? Da waren Sie auch schon aktiv.

Frédéric Beigbeder: Ein Yoghurt-Spot muss von vielen Idioten beurteilt und für gut befunden werden, beim Film ist das total anders. Ich muss mich zwar mit Produzenten und Geldgebern herumschlagen, aber es macht mehr Spaß, für einen Film und die Idee zu kämpfen als für einen simplen Yoghurt.

Kino Kino: Könnten Sie sich vorstellen, ein fremdes Drehbuch zu verfilmen?

Frédéric Beigbeder: Nicht wirklich. Eher ein Originaldrehbuch zu verfassen. Ich bin jemand, der gerne etwas ändert,  ein Drehbuchautor würde das kaum mittragen. Wir haben auch bei „Das verflixte 3. Jahr“ am Set sehr viel geändert und auch während der Montage. Ich gehöre zu denjenigen, die gerne alles ummodeln.

Kino Kino: Sie gelten als „enfant terrible“ der französischen Literatur. Mögen Sie dieses Etikett?

Beigbeder im September 2007 zum Filmfestival von Deauville, wo der Film "39,90" über seine Zeit als Werber gezeigt wurde.

Frédéric Beigbeder: Ich mag keine Etiketten, die schränken ein. Aber ein Etikett ist besser als gar nichts. Und „enfant terrible“ ist doch nicht schlecht, da steckt das Kind drin und Unreife. Ich bin schon noch etwas kindlich und mache Dummheiten, gehe meinen Launen nach wie ein verwöhntes Kind. Ein Vorschlag ist für mich wie ein Spielzeug, das ich auch in die Ecke werfen kann. „Enfant terrible“ hört sich jedenfalls besser an als „Enfant pénible“ oder „enfant hyperactif“.

Kino Kino: Haben Sie Angst vor Reife oder Erwachsensein?

Frédéric Beigbeder: Immer weniger. Ich bin inzwischen weniger sarkastisch, sondern nachsichtiger, zärtlicher. In einigen Jahren begegne ich Ihnen vielleicht als netter Greis.

Kino Kino: Sie haben mal gesagt, ab 40 müsse ein Mann Bilanz ziehen. Wie sieht Ihre Bilanz mit 46 aus?

Frédéric Beigbeder: Dieser Film ist eine Art Antwort, eine Bilanz der Midlife-Crisis. Man muss sich Rechenschaft darüber geben, was will ich, wer bin ich. Meine Literatur ist ziemlich autobiografisch, ich versuche Bilanz zu ziehen, ohne narzisstisch zu sein oder zu sehr zu langweilen. Im Film mache ich das mit Humor. Aber man sollte nicht ständig Bilanz ziehen, sondern  das Leben genießen. Margret Köhler


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