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Tragödie Faust

Der russische Regisseur wagte sich mit "Faust" an ein wahrlich großes Unterfangen: Er adaptierte den Goethe-Klassiker in einer ganz neuen Form für die Kinoleinwand. Die Mühe hat sich gelohnt. "Faust" wurde beim Filmfest Venedig 2011 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Autor: Margret Köhler Stand: 12.01.2012
Faust | Bild: MFA

Schon die erste Einstellung mit einem verschrumpelten Etwas zeigt, dass es hier nicht um feine Ästhetik geht. Das Teil ist ein Penis und gehört zu einem Toten, den Faust und sein Schüler sezieren. Dabei reden sie über den Ort der Seele, mehr theoretisch, denn  im Folgenden geht es weniger um Philosophie als um die profane Gier nach Sex und Geld. Faust hadert mit seiner Sinn entleerten Existenz, ein Hungerleider, der Geld braucht und sich mit Leichensezieren über Wasser hält, oft in Trinkstuben Einkehr hält.

Faust paktiert mit Mephisto und überschreibt ihm dafür seine Seele.

Als er das schöne Gretchen (Isolda Dychauk) kennen lernt, ist es um ihn geschehen. Eine zarte Nymphe wie von David Hamilton mit Weichzeichner entworfen. Um nur eine Nacht mit ihr zu verbringen, unterschreibt er mit Blut einen Pakt mit Mephisto und überschreibt ihm dafür seine Seele. Im Morgengrauen schleicht er sich davon, weigert sich aber, den Vertrag zu erfüllen und entkommt dem Teufel, der hier nicht triumphiert, sondern den er unter einen Berg von Steinbrocken begräbt. Faust will nicht anhalten, sondern sich immer weiter und weiter bewegen. Am Ende kochende Geysire in Island, die sich mit aller Kraft ihren Weg an die Oberfläche suchen.

Zum Großteil frei bearbeiteter Stoff

Filminfo

Originaltitel: Faust (Russland, 2011)
Regie: Alexander Sokurov
Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adasinskiy, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Florian Brückner
Länge: 138 Min.
FSK: ab 16 Jahre
Kinostart: 19.01.2012

Wer Mephisto als einen intellektuellen Verführer wie bei Gustaf Gründgens erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben. Alexander Sokurovs Mephisto erinnert mit seiner blässlichen Haut und seinem fratzigen Gesicht an ein hässliches Monster, das mit Ringelschwänzchen am Rücken nur abstoßend wirkt und unter Hänseleien leidet. Und auch die Texte sind nur fragmentarisch dem Goethe-Original entnommen, der Großteil besteht aus einer sehr freien Stoffbearbeitung, Sokurov liest zwischen den Zeilen.

Goldener Löwe für Goethes Tragödie

"Faust" mit dem österreichischen Theaterschauspieler Johannes Zeiler als Titel gebende Figur sowie Georg Friedrich, Hanna Schygulla und Florian Brückner ist ein visueller Faustschlag, der jegliche traditionelle Vorstellung in Stücke zerbricht und daraus Neues kreiert. Der russische Regisseur stellt Goethes Tragödie kongenial auf den Kopf und lässt in einer chaotischen Bilderwelt die niedrigsten Instinkte ausbrechen, bei den Filmfestspielen Venedig gewann er dafür den "Goldenen Löwen".

Russisches Filmkunstwerk

Das schöne Gretchen (Isolda Dychauk) verdreht Faust den Kopf...

Nach "Moloch" über Hitler, "Taurus" über Lenin und "The Sun" über den japanischen Kaiser Hirohito ist dies der letzte Teil der Tetralogie über den Missbrauch und die Mythen von Macht. Sokurov lässt seinen Faust durch mittelalterliche Gassen streifen und taucht die Bilder in düstere und verwaschene braune und grünliche Farbtöne, arbeitet mit Speziallinsen, die für eine eigenartige Verzerrung sorgen. In der ihm eigenen Umsetzung von Postapokalypse ist auch der Einfluss des deutschen Filmexpressionismus spüren. Ein Filmkunstwerk mit außergewöhnlichen Einfällen, so mischen sich Fantasy und Realität, wenn Gretchen und Faust zum Liebesspiel wie Pappfiguren in den See fallen. Trotz deutscher Sprache ist "Faust" mit seinen Metaphern zutiefst russisch.