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Sozialdrama Winter's Bone

Debra Graniks vielfach ausgezeichneter Independentfilm pendelt zwischen ethnografischer Milieustudie und feministischem Thriller.

Autor: Harald Steinwender Stand: 14.10.2011
Filmszene "Winter's Bone" | Bild: Ascot Elite

Die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer Lawrence) lebt zusammen mit ihrer klinisch depressiven Mutter und ihren beiden Geschwistern Sonny (Isaiah Stone) und Ashlee (Ashlee Thompson) in einem heruntergekommenen Haus im Ozark-Gebiet des US-Bundesstaates Missouri. Aufopferungsvoll kümmert sich die junge Frau um ihre minderjährigen Geschwister. Doch dann erfährt sie, dass ihr seit Wochen verschwundener Vater das Haus der Familie verpfändet hat. Um die drohende Obdachlosigkeit abzuwenden, muss Ree ihn schnellstmöglich finden. Die junge Frau begibt sich auf eine gefährliche Suche.

Filmgenre-Crossover

Ree sorgt für den Unterhalt ihrer jüngeren Geschwister.

Armut, Gewalt, Drogensucht, desolate Familienstrukturen, Verwahrlosung und psychischer Verfall – für ihren zweiten Spielfilm hat sich die US-amerikanische Independent-Regisseurin Debra Granik ein wahrlich düsteres Sujet ausgesucht. Kameramann Michael McDonough fängt das winterliche Missouri analog zum Thema in blau-grauen, kontrastreichen Digitalkamerabildern ein. Zusammen mit der oft ruppigen Montage, dem Realismus der Ausstattung und der Natürlichkeit der Schauspieler wirkt "Winter's Bone" wie ein Crossover von Film Noir und Dokumentarfilm, Sozialmelodram und Thriller.

Eine intime Sozialstudie

Filminfo

Originalitel: Footloose (USA, 2011)
Regie: Craig Brewer
Darsteller: Kenny Wormald, Julianne Hough, Andie MacDowell, Dennis Quaid
Länge: 113 Min.
FSK: ab 6 Jahre
Kinostart: 20. Oktober 2011

Im Kern erzählt die Regisseurin eine geradlinige Geschichte, die viel mit Joel und Ethan Coens Western "True Grit" gemein hat. Wie die Coens erzählt Granik von einer jungen Frau, die in einer Art Grenzgesellschaft unbeirrt ihren Weg geht, dabei sich als ebenso intelligent wie willensstark erweist. Doch im Gegensatz zu "True Grit" ist die Filmemacherin weder an einer verschrobenen Genreparodie noch an überzeichneten Comic-Figuren interessiert. "Winter's Bone" ist vielmehr eine genau beobachtete, fast intime Sozialstudie, die sich mit ethnografischem Blick einer Parallelgesellschaft nähert, die sich im ländlichen, strukturschwachen Amerika gebildet hat und die von Modernisierungsverlierern bestimmt wird, die Staat und Gesellschaft längst aufgegeben haben.

Porträt einer Subkultur

Die 17-Jährige macht sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Vater.

Die Protagonisten von "Winter's Bone" entsprechen dabei nur auf den ersten Blick dem stereotypen Bild vom "white trash", das Popkultur und Genrekino geprägt haben. Je länger wir Ree auf ihrer Reise folgen, desto widersprüchlicher und komplexer erscheint die familiär organisierte und streng in Männer- und Frauensphären abgegrenzte Subkultur, die der Film porträtiert. Nach und nach wertet Granik vertraute Klischees um, verweist auf unerwartete Solidarität zwischen den Ausgegrenzten und die überraschende Stärke der Frauen in dieser patriarchalisch organisierten Welt. Mit distanziertem, aber durchaus wohlwollendem Blick entwickelt sie vielschichtige Charaktere. Die brillante Leistung der 20-jährigen Jennifer Lawrence in der Hauptrolle trägt ein Übriges dazu bei, dass "Winter's Bone" zum Besten zählt, was das amerikanische Kino aktuell zu bieten hat. Völlig zu Recht wurde der Film auf dem Sundance-Filmfestival 2010 mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet.