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Preisgekröntes Drama Der Junge mit dem Fahrrad

Eine junge Friseurin kümmert sich um einen Jungen, der von seinem Vater ins Heim abgeschoben wurde. Das berührende neue Drama des belgischen Regieduos Jean-Pierre und Luc Dardenne („Lornas Schweigen“) ist etwas versöhnlicher als gewohnt geraten.

Autor: Louis Vazquez Stand: 02.02.2012

Eigentlich sollte der zehnjährige Cyril (Thomas Doret) nur kurz im Kinderheim untergebracht werden, aber sein Vater (Jérémie Renier) holt ihn einfach nicht mehr ab. Er sei umgezogen, erklären die Betreuer. Cyril will es nicht wahrhaben. Zumindest sein neues Fahrrad hätte ihm der Vater doch bestimmt noch gebracht. Er flüchtet aus dem Heim, um ihn zu suchen, aber der Hausmeister zeigt ihm die leere Wohnung. Als ihn seine Erzieher entdecken und wieder mitnehmen wollen, klammert er sich an die Friseurin Samantha (Cécile De France).

Samantha (Cécile De France) schließt den zehnjährigen ...

Die entdeckt ihr Herz für den Jungen. Sie spürt sein Fahrrad auf, hilft ihm bei der Suche nach dem Vater und steht ihm bei, als das Ergebnis anders ausfällt als erhofft. Cyril weiß zunächst nicht so recht, wie er mit ihrer Fürsorge umgehen soll. Da ist schließlich auch noch Wes, der Anführer einer kleinen Gang. Er schmiedet einen gefährlichen Plan, in dem Cyril die entscheidende Rolle spielt ...

Sozialrealistisches Märchen

Filminfo

Originaltitel: Le gamin au vélo (Belgien/Frankreich/Italien, 2011)
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Darsteller: Thomas Doret,Cécile de France, Jérémie Renier, Egon Di Mateo
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 09. Februar 2012

Im neuen Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne ist manches anders als sonst: Es gibt sporadisch Filmmusik, mit Cécile De France ("Hereafter", "L'auberge espagnole") einen bekannten Star und nicht zuletzt optimistische Momente in der Tristesse. Samantha agiert wie eine gute Fee und hilft bedingungslos, ohne Eigennutz. Dieses märchenhafte Element sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Dardennes auch in "Der Junge mit dem Fahrrad" die unerbittliche soziale Realität keineswegs verharmlosen.

In Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet

... Cyril (Thomas Doret) in ihr Herz und ...

Immer wieder weckt der Film Erinnerungen an François Truffauts "Sie küssten und sie schlugen ihn". Auch "Der Wolfsjunge" mit seinem Freiheitsdrang kommt einem in den Sinn. Von wilder Romantik aber ist bei den Dardennes nichts übrig. Das im Stich gelassene Kind wird aggressiv und leugnet hartnäckig die Fakten. Bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit der zehnjährige Newcomer Thomas Doret den Film trägt und sich die Sympathie des Publikums ertrotzt, ohne dass plump auf Niedlichkeit gesetzt würde. Die Kamera von Alain Marcoen bleibt zwar dicht an den Figuren, doch geht es nie um ausgestellte Emotionen. Manchmal sind gerade in potenziell ergreifenden Momenten die Gesichter gar nicht zu sehen.

... hilft dem Jungen bei der Suche nach seinem Vater.

Typisch für die Dardennes scheint eine Szene, in der eine erwachsene, vermeintlich verlässliche Figur aus reinem Eigensinn bereit ist, eine unerträgliche Ungerechtigkeit zu dulden. Da tut sich plötzlich ein Abgrund auf in der von utopischen Momenten durchzogenen Geschichte. Wenn es darum geht, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, ist Cyril um einiges reifer. Mit "Der Junge mit dem Fahrrad" ist den Dardennes wieder ein starker, nuancierter Film gelungen. In Cannes wurde er mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet.