"Polanski ist ein Meister seines Fachs" Christoph Waltz im Interview
Für seine Rolle in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" wurde er mit dem Oscar als "Bester Nebendarsteller" ausgezeichnet. Seitdem ist Christoph Waltz international gefragt wie nie. In Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" brilliert der Österreicher derzeit als fieser Anwalt. Kino Kino traf Waltz in Venedig zum Interview.
Kino Kino: Sie schwimmen auf einer Erfolgswelle. Werden Ihnen die Höhenflüge und wunderbaren Momente nicht unheimlich?
Christoph Waltz: Jeder Moment ist gut. Wir leben in einer Ära der Superlative, fast wie bei den Olympischen Spielen - schneller, höher, weiter. Ich halte es für eine Erfindung der Medien, immer nur die Höhenflüge abzuhaken. Das ist Bullshit, verzeihen Sie meine Ausdrucksweise. Wir sollten uns mal fragen, was bleibt eigentlich von diesen ganzen wundervollen Momenten, die unser Leben ausmachen? Es ist doch einfach lächerlich, nur zu glauben, die außergewöhnlichen Situationen würden zählen und dabei die Normalität, das richtige Leben einfach zu vergessen. Alles was passiert, ist großartig, es muss ja nicht immer den Ruhm mehren oder bequem sein. Trotz Stress und Anstrengung - wenn ich zusammenzähle, was mir in den letzten zwei Jahren widerfahren ist, hat sich mein Leben total verändert. Ich bin nicht immer total glücklich darüber, aber wer sagt, dass ich das sein muss? Lassen Sie uns doch mal die Höhenflüge oder Spitzenmomente vergessen und auf die interessanten Details konzentrieren.
Kino Kino: Und die wären?
Filmografie (Auswahl)
2011 Der Gott des Gemetzels
2011 Wasser für die Elefanten
2011 Die Drei Musketiere
2010 The Green Hornet
2009 Inglourious Basterds
2003 Herr Lehmann
2003 Der alte Affe Angst
Christoph Waltz: Die Zusammenarbeit mit Roman Polanski. Es herrschte eine tolle Stimmung am Set. Er ist immer sehr höflich, sehr konzentriert, sehr humorvoll und sehr gelassen. Und er arbeitet auf den Punkt genau. Nur einmal fochten wir einen kleinen Dissens aus und da meinte er nur, sag' mir bitte nicht, wie ich meinen Job machen muss, den mache ich seit 60 Jahren. Stellen Sie sich mal vor - 60 Jahre auf so hohem Niveau! Ein Regisseur mit seiner Erfahrung kann nicht Unrecht haben. Man muss nicht alles gut finden, was er macht oder auch nicht seiner Meinung sein, aber Kategorien wie falsch oder richtig greifen bei ihm nicht. Er ist ein Meister seines Fachs. Ich würde sofort wieder mit ihm arbeiten.
Kino Kino: "Der Gott des Gemetzels" setzt auf Kammerspielatmosphäre, das muss Ihnen mit Ihrem Theaterhintergrund besonders gefallen haben…
Christoph Waltz: Meine Theatererfahrungen waren hilfreich. Aber diese Einheit von Raum, Zeit und Handlung ist keine Neuheit und wurde auch nicht von Yasmina Reza für ihr Theaterstück entdeckt, sondern entstammt der griechischen Tragödie. Wir haben zwei Wochen wie auf der Bühne geprobt, sind das ganze Stück durchgegangen, manchmal zweimal am Tag und konnten uns dabei in Ruhe kennenlernen und experimentieren. Dieser zeitliche Luxus gehört zu den absoluten Ausnahmen beim Film.
Kino Kino: Spielen Sie gerne so einen Stinkstiefel wie Alan, der ohne Rücksicht auf andere ständig am Telefon hängt und ungeniert seine Geschäfte erledigt?
Christoph Waltz: Da könnten wir uns den ganzen Abend drüber unterhalten. Schurken in jeder Form finde ich immer interessanter. Ich schwöre Ihnen, so gehe ich nicht mit dem Telefon um, da können Sie sicher sein. Alle vier Rollen waren schon auf dem Papier interessant, ein richtiges Schauspielermaterial. Kate Winslet, Jodie Foster, John C. Reilly und ich sind völlig unterschiedliche Typen und deshalb gehen wir auch total unterschiedlich an die Figuren heran. Weil Roman Polanski nie kritisierte oder lobte, fragten wir ihn irgendwann mal, ob er mit uns zufrieden sei. Seine Gegenfrage: Soll ich euer Ego streicheln? Er ist wirklich witzig. Es kam nur ein Kompliment von seiner Seite – er habe noch nie so eine Gruppe von Schauspielern erlebt, die sich nicht gegenseitig übertrumpfen wollten, sondern für die das Gelingen des Films zählte. Der Film hat wirklich Spaß gemacht. Keiner stellte den anderen in den Schatten oder profilierte sich auf dessen Kosten. Wir wussten genau, jeder Einzelne ist nur so gut wie der Partner. So eine Sensibilität findet sich leider nicht oft.
Kino Kino: Was gefällt Ihnen an Komödien?
Christoph Waltz: Die Hintergründigkeit. Sie sind nur wirklich humorvoll, wenn sie etwas verbergen, etwas offen lassen. Hinter jeder Komödie steckt eine Tragödie.
Kino Kino: Was sind die Schattenseiten des Ruhms?
Christoph Waltz: Wir übertreiben dieses ganze Getue um Personen und vergessen, über den Inhalt zu reden, über die Geschichten auf der Leinwand, die das Publikum bewegen. Dieses ständige Gequassel über Celebrity-Aspekte und Getummel auf dem Roten Teppich gefällt mir überhaupt nicht. Diese seichte Seite des Berufs brauche ich wirklich nicht. Leider entpuppt sich dieses überflüssige Theater langsam als eine Art soziale Währung, mit der wir unsere Rechnungen zahlen. Wenn mich jemand nach persönlichen Dingen fragt oder gar danach, was ich in einer Beziehung mag, könnte ich aus der Haut fahren. Wir ändern uns doch jeden Tag und damit ändern wir auch unsere Meinung, wir sind ja keine Maschinen. Ich hoffe auf die Pendelbewegung, vielleicht reden Filmemacher irgendwann wieder über Filme und nicht über ihr Liebesleben.

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