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Cannes 2012 Goldene Palme für Michael Haneke

Es konnte nur einen geben: Michael Haneke. Zum zweiten Mal nach "Das weisse Band" holte er die "Goldene Palme". Sein Drama „Amour“ ist ein subtiles Meisterwerk über das Sterben und die Liebe, über zwei Menschen, die sich in der letzten Lebensphase mit Zuneigung und Respekt begegnen, den schweren Weg bis zum Ende gemeinsam gehen.

Von: Margret Köhler Stand: 27.05.2012

Der Österreicher Haneke bleibt sich treu, zeigt aber eine ungewohnte Zärtlichkeit und Milde gegenüber seinen Protagonisten, einem älteren Ehepaar mit bürgerlichem Hintergrund, beide Musiklehrer. Als die Frau einen Schlaganfall erleidet, pflegt ihr Mann sie mit Hingabe, wechselt die Windeln, singt oder liest ihr vor, spricht von vergangenen Zeiten. Haneke weiß aus eigener Erfahrung, dass  man in einem bestimmten Alter mit dem Leid eines anderen Menschen konfrontiert werden kann. Er öffnet die Augen für das was jeden von uns vielleicht erwartet, tut weh mit seinem Blick in eine schmerzhafte Intimität und einen langen Abschied. Seine beiden Darstellerlegenden – Jean-Louis Trintignant, mit über 100 Filmen eine Ikone des französischen Kinos, und die seit "Hiroshima Mon Amour" unvergessliche Emmanuelle Riva – machen dieses unsentimentale Kammerspiel zum großen Kino.

"Michael Haneke und seinem neuen Film 'Liebe', den der BR mit großer Freude unterstützt hat, gebührt meine ganze Ehrerbietung und mein Respekt. 'Liebe' ist ein filmisches Meisterwerk von großer Zärtlichkeit und Wahrhaftigkeit über ein existentielles Thema. Der Film nimmt einen besonderen Stellenwert in Michael Hanekes Schaffen ein. Ein Film voller Kraft und Eindringlichkeit, den ich jedem ans Herz legen möchte. Er ist einer der bedeutendsten Filme der letzten Jahre."

Bettina Ricklefs, Leiterin BR-Programmbereich Spiel-Film-Serie

"Liebe" ist eine Koproduktion von ARD, Degeto, BR, WDR (federführend)

"Preis der Jury" für Ken Loach

Die anderen Preise waren nicht immer nachvollziehbar. Der "Preis der Jury" zollt dem britischen Altmeister Ken Loach Referenz. Er umreißt in "The Angel's Share", einer sympathische Komödie mit ernstem Ansatz, anhand von vier jugendlichen Straftätern auf Bewährung die soziale Krise in England. Und lässt ein bisschen Hoffnung: Einer entkommt dem Schlamassel.

Nicht immer nachvollziehbar

Dass der "Große Preis der Jury" ausgerechnet an Matteo Garrone für "Reality" ging, hatte ein ungutes "Geschmäckle". Die ziemliche flache und ästhetisch nicht gerade innovative Tragikomödie über einen neapolitanischen Fischhändler, der unbedingt bei "Big Brother" mitmachen will, spiegelt Italien als Gemeinschaft ohne Werte, bleibt aber im Mittelmaß stecken. Da ging wohl bei Jury-Präsident Nanni Moretti das nationale Pflichtgefühl durch. Auch der Regiepreis an den Mexikaner Carlos Reygadas   für "Post Tenebras Lux" gibt Rätsel auf. Sein prätentiös erzählter Zusammenprall von zwei Welten in Mexiko sorgte für größere Fluchtbewegungen aus dem Saal und laute Buhrufe.

Ging leer aus: Jacques Audiard

Akzeptabel dagegen die Auszeichnung für das Beste Drehbuch an Cristian Mungio für "Dupia Dealuri" ("Beyond the Hills"), auch wenn der Rumäne sein zweieinhalbstündiges Werk noch einmal kürzen will. Die Tragödie von einem tödlich endenden Exorzismus im Kloster beeindruckt vor allem durch die strenge Form. Dass auch noch die beiden Hauptdarstellerinnen Cosmina Stratan und Christina Flutur einen Preis erhielten, mag verdient sein, aber die grandiose Marion Cotillard zu übergehen, die als Killerwal-Trainerin in Jacques Audiards "De Rouille et D'Os" ihre Beine verliert, dazu gehört schon eine gewisse Chuzpe.

Mads Mikkelsen, der in Thomas Vinterbergs "Jagten" einen im Verdacht des Kindsmissbrauchs stehenden Erzieher spielt, war so begeistert über den Preis als Bester Darsteller, dass er sich erst einmal den Schweiss von der Stirne wischen musste, bevor er ihn entgegen nahm.

Schwächelnde US-Produktionen

Brad Pitt produzierte und spielte in "Killing them softly".

Das 65. Festival de Cannes präsentierte einen gemischter Jahrgang. Nicht jeder der 22 Wettbewerbsfilme bewies Festivalreife. Vor allem die US-Produktionen schwächelten. Lee Daniels ließ Nicole Kidman (ein Novum: Journalisten durften sie für 650 Euro in einer Mini-Pressekonferenz auf eigene Kosten interviewen) in "Paperboy" auf Zac Efron urinieren, um seine gefährliche Quallen-Allergie zu stoppen. Daneben gab's eine Vergewaltigung und Sex mit einem Gewalttäter. In Andrew Dominiks Thriller "Killing them softly" mimt Brad Pitt - auch Produzent - einen coolen Auftragsmörder während der Obama-Kampagne 2008 und stellt am Ende lapidar und plakativ fest "Amerika, das ist kein Land, Amerika ist ein Geschäft". John Hillcoat verhedderte sich in "Lawless" in Brutalität und Gewalt, weit entfernt von seinem Vorbild "Once upon a time in America" von Sergio Leone.

Enttäuschend auch der Kanadier David Cronenberg mit seiner Verfilmung von Don DeLillos Roman "Cosmopolis". Er schickt Robert Pattinson als Jung-Kapitalist in einer Stretchlimo durch New York. Drinnen darf geliebt, gefaselt, getrunken und gepinkelt werden, während draussen das soziale System kollabiert. Sinnentleerter und dröger Dauerdialog!

Feuerwerk an Ideen

Leo Carax und Kylie Minogue

Dagegen zündete Léos Carax mit "Holy Motors" ein Feuerwerk an Ideen, das die Zuschauer spaltete, mal bejubelt, mal abgelehnt wurde. Während ein Stretchmonster durch Paris fährt, nimmt der Mann im Fond neun verschiedenen Identitäten an: mal hässliche Bettlerin oder kalter Mörder, mal strenger Papa oder Zombie-ähnlicher Zwerg. Philosophisch rätselhaft und verstörend, aber mit einem Bildersturm, der den Atem nimmt.

Irgendwie schien die Jury französische Filme nicht zu mögen, denn neben Audiard auch noch Carax zu vernachlässigen und Regie-Ikone Alain Resnais ("Vous nàvez encore rien vu"), könnte fast als Affront gelten. Was bleibt vom diesjährigen Festival de Film? Gemischte Gefühle und ein riesiges Staraufgebot - und die Erinnerung an Regen, Regen, Regen.


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