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Abschluss der 62. Berlinale Zelebrieren des Alten

Die 62. Internationalen Filmfestspiele sind am Samstag mit der Verleihung der goldenen und silbernen Bären zu Ende gegangen. Der Gewinner "Cesare deve morire - Cäser muss sterben" aus Italien ist der überraschende Sieger. Die Entscheidung, zwei 80-jährige Regisseure zu ehren steht synonym für den derzeitigen Kinotrend: Die Berlinale zelebriert das Alte. Ein Abschlussbericht.

Autor: Gregor Wossilus Stand: 19.02.2012

Historisches ist wieder populär, der Blick zurück der neue Trend, nicht nur im Kino mit Filmhits wie der Stummfilm-Hommage "The Artist" oder "Hugo Cabret", mit dem Martin Scorsese an den Filmpionier Georges Méliès erinnert. Auch die Berlinale besinnt sich der Vergangenheit und ehrt entsprechend den italienischen Wettbewerbsbeitrag der Brüder Paolo und Vittorio Taviani, "Cesare deve morire", mit dem Goldenen Bären.

Szene aus "Cesare deve morire - Cäsar muss sterben"

Die Jury verbeugt sich hiermit vor zwei Altmeistern des italienischen Kinos, die mit ihrem Dokumentarfilm William Shakespeare huldigen. In "Cesare deve morire" haben die Brüder eine außergewöhnliche Theatergruppe aus Häftlingen einer römischen Strafanstalt über ein halbes Jahr hinweg bei den Proben für ein Shakespeare-Stück begleitet.

Historisches im Trend

Silberner Bär für "Barbara"

Der Trend ist auch bei weiteren Preisträgern erkennbar: Den Silbernen Bär für die beste Regie gewann Christian Petzold für sein Drama "Barbara": Er blickt in die deutsche Vergangenheit, die DDR der 80er-Jahre. Und Historisches hat auch der zweite deutsche Gewinner, Kameramann Lutz Reitemeier verarbeitet. Reitemeier gewann einen Silbernen Bären für seine Kamera-Arbeit in "White Deer Plain" von Wang Quan'an – ein dreistündiges, sehenswertes Opus, das die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in einer zentralen chinesischen Region mit reichen Weizenvorkommen schildert.

Intensive Bilder und emotionale Momente

Zhan Yimou (Mitte) mit Christian Bale und Ni Ni

Auch die anderen historischen Filme des Wettbewerbs waren interessant: Der dänische Beitrag "Die Königin und ihr Leibarzt" begeisterte als spannendes und bewegendes Porträt des Aufklärers Johann Friedrich Strunsee, der am dänischen Königshof wirkte und sich in die Königin verliebte. Der Silberne Bär für das beste Drehbuch war mehr als verdient. Es wäre schön, wenn "Die Königin und der Leibarzt" den Weg in deutsche Kinos finden würde. Zhang Yimous mit Spannung erwartetes Drama "Flowers of War" über das Überleben in Nanking während der Invasion der Japaner 1937 war inhaltlich mit seiner Mischung aus Drama, Kriegsfilm und Kitschromanze nicht gänzlich überzeugend. Doch bot der Film intensive Bilder und immer wieder hochemotionale Momente, die sich tief ins Gedächtnis einbrannten.

Starke Filme aus Deutschland

Corinna Harfouch in "Was bleibt"

Stark auch alle drei deutschen Wettbewerber: Christian Petzolds "Barbara" macht das vor allem von Angst beherrschte Lebensgefühl in der späten DDR erlebbar. Hans-Christian Schmids "Was bleibt" blickt glaubhaft in die Seelen einer Mittelstandsfamilie, die sich nie ihren Konflikten zu stellen gelernt hat und nun dazu gezwungen wird. Und "Gnade" von Matthias Glasner geht bildgewaltig und eindringlich den Fragen nach persönlicher Schuld und Sühne nach. Auf die Kinostarts dieser drei deutschen Filme kann man sich mit Recht freuen.

Wenig Stoff für Diskussionen

Meryl Streep bekam einen Goldenen Bären für ihr Lebenswerk.

Wie schon in den Vorjahren fehlte es jedoch auch 2012 bei den Wettbewerbsfilmen an einem thematischen roten Faden und echten Entdeckungen. Das Gebotene war gut inszeniert, gut gespielt. Wirklich originell war keiner der Wettbewerbsfilme. Die wenigsten regten nach dem Sehen auch zu Diskussionen an. Doch gerade das ist die Aufgabe eines Festivals: das cineastisch ungewöhnliche Schaffen, das Seltene, das Provokante zu zeigen. Im besten Falle auch den Zeitgeist zu spiegeln.

Das muss Festivalleiter Dieter Kosslick endlich wieder gelingen, sonst könnte die Berlinale Gefahr laufen, gegenüber den anderen A-Festivals Cannes und Venedig allmählich an Bedeutung zu verlieren. Es sind eben nicht die Stars, die ein Festival ausmachen – davon gab es dieses Jahr mit Meryl Streep, Juliette Binoche, Angelina Jolie, Shah Rukh Khan, Robert Pattinson, Michael Fassbender, Antonio Banderas, Diane Kruger, Lea Sedoux, Charlotte Rampling, Isabelle Huppert und vielen anderen genug. Es sind die Filme, die zählen.

Die Gewinner

Goldener Bär für den besten Film: "Caesar must die" (Italien) von Paolo Taviani und Vittorio Taviani

Silberner Bär/Großer Preis der Jury: "Just The Wind" (Ungarn / Deutschland / Frankreich) von Bence Fliegauf

Silberner Bär für die beste Regie: Christian Petzold für "Barbara" (Deutschland)

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Rachel Mwanza in "War Witch" (Kanada) von Kim Nguyen

Silberner Bär für den besten Darsteller: Mikkel Boe Fölsgaard in "Die Königin und der Leibarzt" (Dänemark / Tschechische Republik / Deutschland / Schweden) Nikolaj Arcel

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg für "Die Königin und der Leibarzt" (Dänemark / Tschechische Republik / Deutschland / Schweden) von Arcel

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung - Abteilung Kamera: Lutz Reitemeier für "White Deer Plain" von Wang Quan'an

Alfred-Bauer-Preis (für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet - in Erinnerung an den Gründer des Festivals): "Tabu" (Portugal / Deutschland / Brasilien / Frankreich) von Miguel Gomes

Silberner Bär für eine Lobende Erwähnung: "Sister" (Schweiz/Frankreich) von Ursula Meier

Bester Erstlingsfilm (von einer weiteren Jury vergeben; mit 50.000 Euro dotiert): "Kauwboy" (Niederlande) von Boudewijn Koole

Internationale Kurzfilmjury: Goldener Bär für "Rafa" (Portugal / Frankreich) von Joao Salaviza Silberner Bär für "Gurehto Rabitto" (Frankreich) von Atsushi Wada