Bayerischer Filmpreis 2012 Die Gewinner
Die Pierrots sind vergeben: Unter den Gewinnern ist Erfolgsregisseur Michael Haneke - er wurde in der Kategorie "Beste Regie" für die BR-Koproduktion "Liebe" ausgezeichnet - der Film ist zudem für fünf Oscars nominiert. Bei den Darstellern können sich Barbara Sukowa, Tom Schilling und Sabin Tambrea freuen.
Die Gewinner Teil 1
Regie
Michael Haneke für "Liebe"
Begründung der Jury
"Der gebürtige Münchner Haneke, oft ein distanziert-gnadenloser Darsteller von Gewaltstrukturen, berührt mit 'Liebe' die Herzen der Zuschauer – ganz ohne Kitsch, aufdringliche Filmmusik oder andere manipulative filmische Hilfsmittel. Seine Fähigkeit, zwischen Zärtlichkeit und Kompromisslosigkeit stets den richtigen Ton zu treffen, ist schlichtweg atemberaubend."
Darstellerin
Barbara Sukowa für "Hannah Arendt"
Begründung der Jury
"Wie Barbara Sukowa sich in Margarethe von Trotta’s 'Hannah Arendt' der Titelfigur annähert, um schließlich komplett mit ihr zu verschmelzen, ist Schauspielkunst vom Allerfeinsten. ... Es gelingt Barbara Sukowa tatsächlich, dass wir Zuschauer hier einer großen Denkerin buchstäblich beim Denken zuschauen können. Wir können sehen und verstehen, wie sie ihre Gedanken entwickelt und wie sie als Beobachterin des Eichmannprozesses in Israel zu ihrer berühmten, als skandalös empfundenen Einschätzung der 'Banalität des Bösen' gelangen musste. Barbara Sukowa macht Hannah Arendt lebendig und für die Kinobesucher der 21. Jahrhunderts verstehbar."
Darsteller
Tom Schilling für "Oh Boy"
Begründung der Jury
"Mit seinem reduzierten und doch unglaublich präsenten Spiel zieht uns Tom Schilling (als in den Tag hinein lebender gescheiterter Jurastudent, dem der Vater auch noch den Geldhahn zugedreht hat) vom ersten Augenblick an in die Geschichte hinein. Mal höflich-interessiert, mal ungläubig staunend lässt er es zum Vergnügen der Zuschauer über sich ergehen, wenn die mit Sicherheit schrägsten Typen, die Berlin zu bieten hat, seinen Weg kreuzen, und gibt dem Film ('Oh Boy!') so seine ganz besondere Note. Hut ab vor dieser großartigen schauspielerischen Leistung im schwierigen Fach Komödie!"
Nachwuchsdarstellerin
Lisa Brand für "Der Verdingbub"
Begründung der Jury
"Lisa Brand gibt in Markus Imbodens 'Der Verdingbub' dem Mädchen Berteli ein Gesicht, das man so schnell nicht mehr vergisst. Mit viel Feingefühl verkörpert die hoffnungsvolle Nachwuchsdarstellerin ein zartes Mädchen, das mit 15 Jahren aus seiner Familie gerissen wird und eine Leidensgeschichte erlebt, die kaum zu ertragen ist. ... Die langsame Verwandlung vom unschuldigen Mädchen zur gepeinigten jungen Frau stellt Lisa Brand mit großer Sensibilität und Natürlichkeit dar, vor allem über ihre alle Seelenqualen ausdrückenden Augen. Nichts wirkt in ihrem Spiel aufgesetzt oder forciert, und so hofft auch der Zuschauer mit ihr bis zuletzt auf eine gelungene Flucht nach Argentinien, die sich für Berteli leider nie erfüllen wird."
Nachwuchsdarsteller
Sabin Tambrea für "Ludwig II."
Begründung der Jury
"In seiner Verkörperung des jungen Märchenkönigs haucht Sabin Tambrea dem Traum Ludwigs II. von einer friedlichen Welt so viel Leben ein, dass seine Geschichte aktueller wird denn je. ... Er macht es dem Zuschauer möglich, dem jungen, zunächst naiven Regenten Sympathien abzugewinnen und sich ihm sogar nah zu fühlen statt in Distanz zu einer verstaubten Figur der Geschichte. So trägt Tambrea in seiner ersten großen Kinorolle maßgeblich dazu bei, dass den Regisseuren und Drehbuchautoren Peter Sehr und Marie Noelle mit ihrem historischen Stoff der Bogen zum Hier und Heute gelingt."
Die Gewinner Teil 2
Nachwuchsregie
Michaela Kezele für "Die Brücke am Ibar"
Begründung der Jury
"Michaela Kezeles 'Die Brücke am Ibar' thematisiert den Krieg zwischen Serben und Albanern und die damit verbundenen Bombardements der Nato. Anrührend und mitreißend erzählt sie in ihrem Debütfilm von der tragischen Liebe zwischen einer Serbin und einem Albaner, die in diesem Land der zerrissenen Herzen keinen Bestand haben kann und schließlich tödlich endet. Ein beachtlicher Erstlingsfilm, dessen Regisseurin nicht nur als Autorin des Stoffes, sondern auch mit einer einfühlsamen und geradlinigen Führung des hervorragenden Schauspielerensembles überzeugt."
Kinderfilm
Cyrill Boss und Philipp Stennert für "Haus der Krokodile"
Begründung der Jury
"Seine jugendlichen Protagonisten ernst nehmen – das gelingt nicht vielen Kinderfilmen. Anders 'Das Haus der Krokodile' von Cyrill Boss und Philipp Stennert: Das Regieduo verdichtet die gruselige Fernsehserie aus den 70er-Jahren zu einem packenden, elegant modernisierten Spielfilm, bei dem auch jeder Erwachsene mit seinen Kindern mitfiebern kann. ... Zudem verzichten die Regisseure in ihrem feinfühligen, stilsicheren und exzellent fotografierten Jugendfilm auf den viel zitierten pädagogischen Zeigefinger. Und das ist in diesem Genre wahrlich keine Selbstverständlichkeit."
Bildgestaltung
Jakub Bejnarowicz für "Gnade"
Begründung der Jury
"Im Psychodrama 'Gnade' des Regisseurs Matthias Glasner blickt der Zuschauer in der finsteren Polarnacht der norwegischen Stadt Hammerfest in die seelischen Abgründe nicht eingestandener Schuld und quälender Gewissenskonflikte eines dort mit seinem Sohn lebenden deutschen Ehepaars (Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr) ... . Die Bildgestaltung von Jakub Bejnarowicz versteht es, dem möglichen Pathos der Natur zu entfliehen, das Flirren des Nordlichtes und den Mikrokosmos einer Familie in einen feingliedrigen Kontext zu stellen, zugleich atmosphärisch aufzuladen und somit schillernde Seelenlandschaften zu erzeugen. Diese meisterhafte Leistung verdient den Bayerischen Filmpreis 2012."
Drehbuch
Jan Ole Gerster für "Oh Boy"
Begründung der Jury
"Ein Tag in der kaffee-freien Streunerexistenz eines Berliner (Nicht-)Studenten, den man früher wohl Gammler genannt hätte. Dass das Leben eine Baustelle ist, haben uns schon viele erzählt, aber kaum einer mit so leichter, beiläufiger Lässigkeit wie Jan Ole Gerster in seinem beachtlichen Erstlingsfilm 'Oh Boy!'. Sein an überraschenden Wendungen reiches Drehbuch bietet die detail-pralle Grundlage für Tom Schillings begeisterndes Spiel als ziellos dahin treibender Niko Fischer. Genau hinschauen und dabei die abgründige und aberwitzige Komik des Alltags entdecken, das macht den erheiternden Charme dieses Filmes aus. Eine lange vermisste Fähigkeit im deutschen Film!"
Dokumentarfilm
Markus Imhoof für "More Than Honey"
Begründung der Jury
"Wohltuend hebt sich 'More than Honey' vom trockenen Lehrfilm ab und zeigt den offenen Konflikt zwischen Mensch und Umwelt als spannendes Naturdrama, in dem wir den Menschen mal als Retter, mal als gierigen Zerstörer beobachten. Markus Imhoof bringt seine persönliche Sicht über die Geschichte seines Großvaters ein, erzählt in beeindruckenden Bildern und nimmt sich Zeit. Er hat viel Wissen und vor allem kreatives Fingerspitzengefühl in sein Werk investiert. Kurzum: Ein Dokumentarfilm voller Herzblut. Auch die Jury hat sich von „More than Honey“ verzaubern lassen. Am liebsten würde man noch den Untertitel 'wichtigster Film des Jahres' verleihen. Denn: Ohne Bienen sind wir verloren – und ohne diesen Film wüssten wir das nicht einmal. Das verdient den Bayerischen Filmpreis 2012!"
Filmmusik
Max Richter für "Lore"
Begründung der Jury
"Der Film 'Lore' erzählt über ganz andere Opfer des Dritten Reichs: die Kinder hoher Repräsentanten der Nazi-Nomenklatura, die nach Kriegsende sich selbst überlassen sind und sich Hunger, Kälte, dem Verlust ihrer Heimat, aber auch dem Zusammenbruch der ihnen anerzogenen Weltsicht stellen müssen. ... Zum herausragenden künstlerischen Gesamteindruck von 'Lore' trägt ganz entscheidend die einfühlsame und sich bei aller Eigenständigkeit immer der Geschichte unterordnende Filmmusik von Max Richter bei. Dafür gebührt ihm der Bayerische Filmpreis 2012."
Die Gewinner Teil 3
VGF-Preis
Torben Maas, Christian Füllmich und Maximilian Plettau für "Nemez"
Begründung der Jury
"Mit dem Erstlingsfilm 'Nemez' von Stanislav Güntner ist den jungen Produzenten Maximilian Plettau, Torben Maas und Christian Füllmich von der Nominal Film und der 'Filmschaft maas&füllmich' ein herausragendes gesellschaftspolitisches Drama gelungen. Die Geschichte des jungen Russlanddeutschen Dima, der gegen alle Widerstände seine kriminelle Vergangenheit hinter sich lassen will und auf einen Neuanfang in Berlin hofft, zeichnet sich durch hohe Authentizität aus. In 'Nemez' wird der ständige Kampf vieler junger Immigranten zwischen Legalität und Illegalität facettenreich in Szene gesetzt. Bis zum Schluss verfolgt der Zuschauer gespannt, ob Dima es schaffen wird, sich aus seinem kriminellen Umfeld zu lösen. Dabei führt die exzellente Schauspielleistung von Mark Filatov zu einem hohen Grad an Identifikation mit der Hauptfigur. Eine packende Coming-of-Age-Geschichte, bei der neben existenziellen Fragen nach Identität und Herkunft auch die Liebe nicht zu kurz kommt!"
Produzentenpreis
Stefan Arndt für "Cloud Atlas"
Begründung der Jury
"Als 'Film des Jahres' pries die ehrwürdige FAZ den Film 'Cloud Atlas' noch vor dem offiziellen Kinostart in Deutschland. Und in der Tat ist diese 100-Millionen-Euro-Produktion, die mit drei Regisseuren und Drehbuchautoren eine bis dahin als unverfilmbar geltende literarische Vorlage auf die Leinwand bringt, ein rundum überzeugendes Werk, für das die federführende unabhängige mittelständische Produktionsfirma X Filme Creative Pool GmbH viele künstlerische und wirtschaftliche Wagnisse eingegangen ist und grandios gemeistert hat. ... Den Regisseuren Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern (ist) eine brillante und atemberaubende Zeitreise gelungen, die den Zuschauer durch mehrere Jahrhunderte ... führt und mit einem Feuerwerk mitreißender Bilder in ihren Bann zieht. Für diese herausragende Leistung ... geht der Produzentenpreis an Stefan Arndt und die X Filme Creative Pool GmbH."
Ehrenpreis
Margarethe von Trotta
Begründung der Jury
"Margarethe von Trotta ist eine unserer engagiertesten Filmemacherinnen und Regisseurinnen. Sie ist mutig, sie ist neugierig, sie geht in ihren Werken den Dingen auf den Grund, sie stellt Fragen und sie will verstehen. Dass in ihren Filmen vor allem historische Frauenfiguren wie Rosa Luxemburg, die Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin in 'Die bleierne Zeit', die Frauen der 'Rosenstraße', die Mystikerin Hildegard von Bingen oder die Philosophin Hannah Arendt im Mittelpunkt stehen, ist ihrer besonderen persönlichen Handschrift zu verdanken. Margarethe von Trotta erzählt Geschichte und Geschichten aus Frauenperspektive. Mit großer Sensibilität und Empathie schildert sie die Entwicklung ihrer weiblichen Charaktere und deren Ringen um Freiheit, Würde und Selbstbestimmung. ... Mit 'Hannah Arendt' ist ihr ganz aktuell wieder ein einfühlsames Porträt einer starken und unkonventionellen Frau und Denkerin gelungen, das die Reihe der großen Trotta’schen Frauenfiguren hoffentlich nur vorläufig abschließt.
In Anerkennung ihrer herausragenden Leistungen als Regisseurin für den bayerischen und deutschen Film erhält Margarethe von Trotta den Ehrenpreis des Bayerischen Filmpreises 2012."
Publikumspreis
Türkisch für Anfänger
Tausende Stimmen wurden ausgezählt. Die Zuschauer von Kino Kino, das Filmmagazin im Bayerischen Fernsehen, und die Hörer von BAYERN 3 haben "Türkisch für Anfänger" zu ihrem Lieblingsfilm gewählt. Regisseur Bora Dagtekin gewinnt damit den Publikumspreis des Bayerischen Filmpreises. Nicht nur die Teilnehmer der Abstimmung zum Publikumspreis haben den Film zu ihrem Favoriten erklärt, auch das deutsche Kinopublikum: Mit 2,5 Millionen Besuchern ist "Türkisch für Anfänger" der erfolgreichste deutsche Film 2012. Die BR-Koproduktion ist die Kinoversion der gleichnamigen TV-Serie, in der Drehbuchautor und Regisseur Bora Dagtekin die Geschichte der Multikulti-Patchworkfamilie zurück auf Anfang spult. Die Serienlieblinge Elyas M'Barek als Cem Öztürk und Josefine Preuß als Lena Schneider stranden auf einer einsamen Insel. Langsam kommen sie sich dort näher.

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