Tinnitus Das große Rauschen
Ständig fiept und pfeift es in ihren Ohren: Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland sind von Tinnitus betroffen. Die Folgen reichen von Nervosität über Schlafstörungen bis hin zu schweren Depressionen. Doch für geplagte Patienten gibt es Hoffnung auf Linderung.
Ein Tinnitus kann durch eine Ohrenentzündung, einen Hörsturz oder durch ein sehr lautes Geräusch ausgelöst werden. Er kann in verschiedenen Frequenzen auftreten. Wenn die Geräusche aus der Umgebung leiser werden, hören ihn die Betroffenen umso lauter.
"Das Schlimmste ist, dass da ein Kopfkino abläuft und dass ich mir die ganze Zeit überlege, was kann es jetzt sein in meinem Kopf, was ich jetzt habe. Und dadurch bin ich in dem Moment natürlich unruhig. Ich bin nervös und gereizter meinen Kindern gegenüber - und auch wahnsinnig ängstlich."
Anna-Maria Winkler
Tinnitus ist eine übertriebene Alarmreaktion des Körpers
Im Gegensatz zu der lange verbreiteten Annahme, dass der Tinnitus im Ohr entsteht, weiß man heute: Er entsteht im Gehirn - durch eine fehlerhafte Signalverarbeitung im Gehirn
Der akute Tinnitus
- Bewahren Sie Ruhe
- Vermeiden Sie Stille, sorgen Sie stattdessen für akustische Ablenkung
- Schenken Sie dem Tinnitus so wenig Aufmerksamkeit wie möglich
- Suchen Sie einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Ihr Arzt kann klären, ob der Tinnitus körperliche Ursachen hat, wie zum Beispiel eine Mittelohrentzündung.
"Heutzutage ist man eher der Meinung, dass der Tinnitus im Kopf entsteht und dort weiterverarbeitet wird. Es kann sein, dass der anfängliche Problemkreis im Ohr gelegen ist, zum Beispiel nach einer Entzündung. Aber es entsteht dann weiterhin im Kopf ein Teufelskreis und die Konzentration auf diesen Teufelskreis fördert dann das Bestehenbleiben des Tinnitus."
Dr. Rainer Jund, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Bei etwa einem Drittel der Patienten stellt der Hals-Nasen-Ohrenarzt einen Hörschaden fest. Dieser wird meist mit einer Infusion mit Cortison und einem Stoff namens Hydroxyaethylstärke behandelt. Der Tinnitus selbst lässt sich dadurch allerdings nicht beseitigen. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass diese Infusionen wirksam bei andauernden Ohrgeräuschen sind.
"Es ist eine wichtige Aufgabe des Arztes, durch seine Untersuchung an den Patienten zurückzumelden, dass keine ernsthafte Erkrankung vorliegt. Und dass in 70 Prozent der Fälle das Problem völlig von alleine verschwindet und keine ernsthaften Konsequenzen hat."
Dr. Rainer Jund, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Chronischer Tinnitus
Wer länger als ein halbes Jahr unter dem lästigen Dauergeräusch leidet, ist von einem chronischen Tinnitus betroffen. So wie Werner Müller, 64 Jahre. Am wohlsten fühlt er sich im Wald, wenn die Vögel zwitschern und ihn ablenken von seinem Ohrgeräusch. Werner Müller leidet schon seit neun Jahren unter einem Tinnitus auf beiden Ohren. Ausgelöst wurde er durch einen enormen Knall. Als Mechaniker reparierte er damals einen LKW. Seitdem hat sich sein Leben völlig verändert: Es strengt ihn sogar an, wenn sich andere unterhalten.
"Es ist oft unerträglich, weil dieser Ton einen so belastet, als würde der Kopf auseinanderspringen. Und wenn man dann seine Arbeit leisten soll, die ja sehr diffizil ist und gemacht werden muss, dann hatte ich auch dort ganz schön Schwierigkeiten. Abends, wenn ich nach Hause kam zu meiner Liebsten, um dann zusammenzusitzen und ein Gespräch zu haben, war auch da nicht mehr viel möglich."
Werner Müller
Ein Tinnitus, der über Monate anhält, hat immer auch psychische Ursachen. Doch auch ein chronischer Tinnitus lässt sich gut bewältigen. Dafür sind keine teuren Medikamente und Apparate nötig. Als besonders wirksam gilt die kognitive Verhaltenstherapie, um das Ohrgeräusch in den Griff zu bekommen. Im Laufe der Therapie lernen die Patienten, ihre Einstellung zu ihrem Tinnitus zu ändern. Denn solange sie ihn als Bedrohung empfinden, ist es unmöglich, ihn zu bewältigen. Außerdem trainieren Betroffene, ihre Aufmerksamkeit weg vom Ohrgeräusch zu lenken und lernen, Stress abzubauen.
"Durch dieses ständige Alarmgefühl sind die Patienten in einem sehr hohen Erregungsniveau. Das ist auch die Schnittstelle zu dem Stress im äußeren Leben, der ja im Moment immer mehr zunimmt. Und da ist es ganz wichtig, sich zu entspannen. Also das Erlernen von Entspannungstechniken, die man auch wirklich im Alltag anwenden kann."
Dr. Carl Thora, Tinnitus Beratungszentrum
Ein wichtiger Bestandteil der Tinnitus-Therapie ist die Geräuschtherapie. Über viele Wochen trainieren Patienten dabei, andere Geräusche als ihren Dauerton wahrzunehmen. Am besten gelingt Werner Müller das mit angenehmer Musik.
Auch andere Geräuschquellen können helfen:
- Naturgeräusche wie Vogelzwitschern, Wellenrauschen oder Blätterrascheln. Im Sommer kann ein offenes Fenster für Linderung sorgen oder ein Spaziergang im Wald. Naturgeräusche gibt es aber auch auf CDs.
- Zimmerspringbrunnen im Wohn- und Schlafzimmer
- Tinnitus-Noiser, also spezielle Generatoren, die durch ein Rauschen vom Tinnitus ablenken.
Werner Müller konnte seinen Tinnitus bewältigen und auch Anna Winkler hört das lästige Ohrgeräusch nicht mehr. Sie hat gelernt, sich durch Yoga zu entspannen. Außerdem hat sie ihren Arbeitgeber gewechselt und hat seither weniger Stress.
"Es ist inzwischen so, dass ich mich wesentlich besser fühle und dass die Angst weg ist, dass es wieder kommt. Denn wenn es wieder kommt, weiß ich auch, wie ich mich verhalten soll."
Anna Winkler
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