Rot-Grün-Blindheit Wie wird die Sehschwäche erkannt?
"Passt die Hose zum Hemd?" Solche und viele andere Fragen müssen sich Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche stellen. Im Alltag stehen sie deshalb oft vor kleinen und großen Herausforderungen. Wie wird eine solche Sehschwäche erkannt?
Schwarz-weiß war gestern. Heute wird die Welt immer bunter. Und Farben sind nicht nur schön, sondern auch Sprache und Kommunikation. Sie geben Signale, warnen vor Gefahren, drücken Gefühle aus - schnell und ohne Worte. Aber Farbe ist nicht gleich Farbe. Je nachdem, wer sieht. Bienen zum Beispiel sehen anders. Sie sehen UV-Licht und was wir als rot wahrnehmen, ist bei ihnen schwarz. Wildschweine sehen kein orange und auch Delphine sehen statt blau nur grau. Sie sind vom menschlichen Standpunkt gesehen farbenblind.
Männer sind häufiger betroffen
Ein Problem, das bei uns vor allem Männer kennen. Denn insgesamt rund acht Prozent aller Männer sehen die Welt mit anderen Augen. Frauen sind dagegen kaum betroffen. Aber das Wort farbenblind hören die meisten nicht gerne. Auch Costa Lazarides nicht. Denn erstens ist er nicht blind und zweitens sieht er auch Farben, aber:
"Bei der Einschulung bin ich mit meiner Mutter zu einem Augenarzt gegangen. Der hat dann festgestellt, dass ich eine Rot-Grün-Schwäche habe. Aber ich lebe gut damit. Es ist für mich mit keinerlei Einschränkung verbunden."
Costa Lazarides
Viele Betroffene wissen nichts von ihrer Sehschwäche
Viele wissen gar nicht, dass sie einen Sehfehler haben, schließlich wachsen die meisten damit auf und kennen die Welt nicht anders. Die schnellste und einfachste Methode, um festzustellen, ob eine Sehschwäche vorliegt, die nicht nur der Arzt, sondern auch jeder selbst im Internet machen kann, sind einfache Farbtests. Der Arzt beginnt meist mit dem Ishihara-Test. Anhand von Farbtafeln, die jeweils eine andersfarbige Zahl enthalten und so strukturiert sind, dass nur Normalsichtige die farbig abgesetzten Zahlen erkennen können, lässt sich schnell klären, ob eine Sehschwäche vorliegt. Aber Vorsicht, auch Normalsichtige machen dabei durchaus einmal Fehler. Am häufigsten sind Grün-Sehschwächen, gefolgt von Rot- und Blau-Sehschwächen. Und die haben, auch wenn sie nur gering ausgeprägt sind, durchaus auch Auswirkungen auf den Alltag.
"Es passiert dann schon mal, dass man im Supermarkt die falsche Dose Erbsen oder Tomaten erwischt."
Costa Lazarides
Auch der neunjährige Andreas aus München nimmt Farben anders wahr. Bei ihm ist unter anderem auch die Farbe Blau betroffen. Aufgefallen war die Farbsehschwäche, als er mit seiner Mutter auf einer Wiese Fussball spielte. Nachdem er lange gewartet hatte, forderte er seine Mutter auf, ihm endlich den Ball zuzuspielen. Aber sie hatte den blauen Ball schon längst zu ihm hinüber gekickt. Andreas konnte ihn auf der grünen Wiese nicht sehen. Was er erlebt, kennen viele Betroffene.
"Ich sehe jede Farbe einzeln sehr gut, aber sobald sich manche mischen oder berühren - wie Rot, Gelb, Grün oder Blau, dann sehe ich nur noch grau."
Andreas
Besonders schwierig sind für ihn Situationen in der Schule, wenn zum Beispiel mit unterschiedlichen Farben mathematische Formen ausgemalt werden müssen. Die Farben verschwimmen zu einem einheitlichen Grau, er kann sie nicht mehr unterscheiden. Trotzdem ist auch Andreas nicht komplett farbenblind, denn sonst könnte er nur schwarz-weiß sehen. Diesen Sehfehler gibt es auch, aber er ist sehr selten.
"Die eigentliche, wirkliche Farbenblindheit, die Achromatopsie, die gibt es nur ganz selten. Die Betroffenen sehen tatsächlich nur schwarz -weiß und sind sehr blendempfindlich. Deshalb ist der Begriff farbenblind irreführend. In der Regel handelt es sich dagegen bei den meisten Menschen um eine Farbsehschwäche, die in allen Intensitäten und Nuancen auftreten kann. Wie stark die Farbsehschwäche ausgeprägt ist, hängt davon ab, welche Sinneszellen in welchem Umfang betroffen sind."
Prof. Dr. med. Dr. Chris Lohmann, Direktor der Augenklinik TU München
Wie funktioniert das Sehen von Farben
Nur bei Tageslicht können wir Farben sehen - mit den circa 5 - 7 Millionen Zapfen. Sie sitzen dicht gedrängt an einer kleinen Stelle der Netzhaut, der Makula. Dort gibt es drei unterschiedliche Zapfenarten: für rotes, für grünes und für blaues Licht.
Durch ihr Zusammenwirken können wir Tausende von Farben und Farbtönen unterscheiden. Sind die Zapfen aber genetisch verändert, verschieben und überlagern sich die Farbspektren und werden so ununterscheidbar. Entsprechend den Veränderungen sind auch die Sinneseindrücke bei Farben beeinträchtigt, die sich aus der Kombination verschiedener Farben ergeben. Das betrifft zum Beispiel bei vielen Orange, Braun- und Ockertöne.
Manchmal funktionieren die Zapfen einer oder zweier Farben auch überhaupt nicht mehr. Dadurch fehlen dann natürlich auch die Reize bei allen Mischfarben. Am häufigsten sind Grün- und Rotsehschwächen. Sie werden auf dem X Chromosom vererbt. Da im Gegensatz zu Männern Frauen zwei X Chromosome haben und für das Farbensehen nur eines intakt sein muss, haben sie wesentlich seltener Probleme.
"Meist fallen die Farbsehschwächen im Rahmen einer Führerscheinuntersuchung auf. Beim PKW spielt es keine Rolle, aber zum Beispiel beim LKW oder der Personenbeförderung spielt es schon eine Rolle, und da muss auch getestet werden. Zwar erhält der Proband bei einer Farbsehschwäche dann die erwünschte Fahrerlaubnis nicht, aber weitere medizinische Konsequenzen hat solch ein Test auch nicht, da es leider keine Therapien gibt."
Prof. Dr. med. Dr. Chris Lohmann
Probleme im Alltag
Nur medizinisch hat eine Farbsehschwäche keine Konsequenzen, für das Leben der einzelnen sehr wohl. Denn für manchen wäre allein schon das Anziehen ohne Hilfsmittel ein Glücksspiel. Neben handlichen Farbtestern kann jeder inzwischen auch mit Smartphones Farben eindeutig bestimmen. Aber auch wenn es zum Beispiel darum geht, rohes von gegartem Fleisch zu unterscheiden, oder eine grüne, unreife Banane von einer gelben, haben viele Farbfehlsichtige ein Problem. Genauso ist es mit elektrischen Kabeln oder grün oder roten Leuchtdioden, die an vielen Geräten anzeigen, ob sie sich in Betrieb oder Stand-by-Modus befinden. Und auch Pläne und Karten sind für viel schwer zu entziffern, denn nur zu oft werden sie mit Farben markiert.
Spezielle Brillen können mitunter helfen
Helmut Fesel hat ebenfalls seit Geburt eine ausgeprägte Rot-Grünschwäche. Er will etwas ausprobieren: Brillengläser mit einem speziellen Filterglas für Menschen mit Farbsehschwäche, die in Ungarn entwickelt wurden. Sie sollen helfen, Farben trotz der Farbsehschwäche unterscheiden zu können. Zwar kann der Seheindruck mit Brille die Farben nicht so zeigen, wie ein Normalsichtiger sie sieht, aber sie können unterschieden werden. Die Kosten pro Brille liegen bei € 500.- und jeder muss sie selbst bezahlen. Helmut Fesel braucht die Gläser, um im diesigen Wetter beim Motorbootfahren die Bojen klar unterscheiden zu können. Die Wirkung ist verblüffend. Ohne Brille kann er die meisten Tafeln des Ishihara Tests nicht lesen, mit Spezialbrille ist das für ihn kein Problem.
Die Gläser sind umstritten
Es gäbe keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege, so die Kritiker. Jeder muss also selbst ausprobieren, ob die Gläser auch ihm wirklich helfen können. Optikermeister Gerhard Schweiger meint, dass sowieso nur diejenigen solche Gläser anschaffen, die sich selbst vom Erfolg überzeugt hätten und die getönte Brille im Alltag auch sinnvoll einsetzen können. Die meisten tragen die Gläser nur in den Situationen, in denen sie bestimmte Farben unterscheiden müssen. Er selbst war auf die Gläser dank einer Anregung eines Kunden gestoßen und hatte zu Beginn ebenfalls Bedenken. Aber inzwischen ist er überzeugt, dass sie für viele Menschen im Alltag eine wertvolle Hilfe sein können.
"Viele farbfehlsichtige Menschen können in ihrem Alltag mit diesen Gläsern die Farben besser wahrnehmen, in bestimmten Situationen sogar ausschließlich Farben sehen und unterscheiden, die sie vorher nicht erkannt haben. Es ist aber keine Heilung der Farbfehlsichtigkeit durch diese Gläser möglich, sondern es ist nur eine Korrektur, eine Unterstützung im Alltag."
Gerhard Schweiger
Auch Andreas hilft die Spezialbrille nicht nur beim Fußball, sondern vor allem in der Schule.
"Oft schreibt unsere Lehrerin mit farbiger Kreide an die grüne Tafel, dann kann ich gar nichts mehr erkennen. Wenn ich die Brille trage, ist das für mich kein Problem."
Andreas
Zwar gibt es auch erworbene Farbsehschwächen durch Medikamente oder Erkrankungen des Gehirns, aber die meisten sind tatsächlich angeboren. Und da die Betroffenen sich ein Leben lang bereits daran gewöhnt haben, kommen sie im Leben auch gut damit zurecht. Zum Schluss noch zu einem Vorurteil. Denn die meisten Menschen glauben, mit einer Farbsehschwäche sei das größte Problem, im Straßenverkehr unterwegs zu sein.
Sind "Farbenblinde" eine Gefahr im Straßenverkehr?
"Selbst wenn man keine Farben sehen würde, würde man immer noch die Form und die Anordnung der Zeichen richtig verstehen, und daher haben so gut wie alle Farbfehlsichtigen keinerlei Probleme damit."
Costa Lazarides
Und noch ein Hinweis. Die Frage, die wirklich kein Betroffener mehr hören will, ist: Welche Farbe ist das?

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