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Blutverdünner Neue Gerinnungshemmer unter der Lupe

Jahrzehntelang waren Gerinnungshemmer wie "Marcumar" das Mittel der Wahl, um Menschen mit Vorhofflimmern vor Schlaganfällen zu schützen. Nun gibt es eine Alternative: Warum die neuen Blutverdünner einfacher zu handhaben sind, für wen sie in Frage kommen und welche gefährlichen Nebenwirkungen auftreten können, das erklärt Gesundheit!.

Autor: Isabel Hertweck Stand: 23.01.2012

Manchmal, wenn das Herz aus dem Tritt gerät, anfängt zu stolpern, wird etwas zur tödlichen Gefahr, das uns eigentlich am Leben erhält: das Blut. Denn wenn der Blutfluss im Herzen stockt, klumpt sich das Blut zusammen, es gerinnt: Und wenn diese Blutgerinnsel ins Gehirn wandern und wichtige Gefäße verstopfen, können sie einen Schlaganfall auslösen. Deshalb sind Herzpatienten wie Erna Tussetschläger auf spezielle Medikamente angewiesen, die diese tödliche Gefahr in Schach halten: sogenannte Blutverdünner.

In Deutschland kennt man vor allem das Medikament Marcumar. Blutverdünner hemmen die Blutgerinnung und können so die Gefahr für Schlaganfälle um bis zu 80 Prozent vermindern.

Neue Wirkstoffe: Hoffnung für viele Herzpatienten?

Doch bei Erna Tussetschläger gab es ein Problem: Marcumar half ihr nicht.

"Es war einfach ganz, ganz schwer einzustellen, ich musste zweimal in der Woche zum Arzt, und es hat trotzdem nicht gepasst. Ich nehme nicht ein Medikament bis ans Lebensende, wo ich nicht einmal genau weiß, ob es was hilft oder nicht. Denn wenn es nicht richtig eingestellt ist, kann es nichts helfen."

Erna Tussetschläger, Herzpatientin

Doch jetzt gibt es - fast 60 Jahre nach der Einführung von Marcumar - eine Alternative: Pradaxa ist seit September 2011 für die verbreitete Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern zugelassen. Für Erna Tussetschläger und viele Millionen anderer Herzpatienten soll es ganz neue Möglichkeiten eröffnen, da es wesentlich einfacher und damit sicherer in der Anwendung und Dosierung sein soll.

Studien zeigen Vorteile in der Wirksamkeit vor allem bei Patienten, die mit herkömmlichen Blutverdünnern nicht optimal eingestellt waren. Bei ihnen scheint die Wirksamkeit zumindest gleich gut zu sein.

Revolution in der Antikoagulation?

Was ist dran an dem neuen Wirkstoff? Ist er wirklich so viel einfacher handhabbar und damit besser wirksam? Priv. Doz. Dr. Jürgen Ringwald ist Experte für Blut und Blutgerinnung an der Universitätsklinik Erlangen. Seit der Zulassung von Pradaxa und einem Medikament mit einem ähnlichen Wirkstoff, Xarelto, laufen bei ihm die Telefone heiß. Ärzte und Patienten wollen sich bei dem Experten über Möglichkeiten der neuen Wirkstoffe informieren.

"Wundermittel sind es nicht, die gibt es in der Medizin nicht (…) Aber eine Revolution in der Antikoagulation, in der Gerinnungshemmung, sind sie schon. Dafür spricht einiges. Diese Medikamente sind wirklich ganz kleine Medikamente, die gezielt in den Gerinnungsablauf eintreten können, was zum Beispiel die sogenannten Vitamin-K-Hemmer, Marcumar und ähnliche Medikamente so nicht können."

PD Dr. med Jürgen Ringwald, Transfusionsmediziner und Hämostaseologe, Uniklinik Erlangen

So wirken herkömmliche Blutverdünner

Stadium der Blutgerinnung | Bild: Teledesign Holzach zum Artikel Blutverdünner Lebensretter oder gefährliches Risiko?

Blutverdünner: Eine Million Menschen in Deutschland nehmen regelmäßig hochwirksame Blutverdünner wie Marcumar ein. Dazu kommen mehrere Millionen, die zur Blutverdünnung Aspirin und ähnliche Präparate schlucken. Sie alle nehmen damit ein erhöhtes Risiko für Blutungen auf sich. Ist es das wert? [mehr]

Herkömmliche Blutverdünner wie Marcumar blockieren Vitamin K, das in bestimmten Nahrungsmitteln enthalten ist. Es ist der Grundstoff, die Basis der Blutgerinnung. In der Leber werden aus Vitamin K bestimmte Enzyme, die sogenannten Gerinnungsfaktoren, gebildet. Werden diese Gerinnungsfaktoren im Blut aktiviert - durch Verletzungen oder auch durch Stillstand des Blutflusses - dann lösen sie einen Prozess aus, bei dem sich Fibrinfäden bilden, die zusammen mit den Blutplättchen zu einem Pfropf verklumpen: Das Blut gerinnt.

Marcumar behindert in der Leber die Umwandlung von Vitamin K in Gerinnungsfaktoren. Deshalb ist die Dosis von der Ernährung abhängig.

"Man ernährt sich vielleicht an einem Tag mit mehr Substanzen, die Vitamin K enthalten wie zum Beispiel Spinat oder Grünkohl, in denen relativ viel Vitamin K ist, oder mit Nahrungsmitteln, die weniger Vitamin K enthalten. Und deshalb gibt es da immer wieder entsprechende Schwankungen, die man immer wieder mit Dosisanpassungen, Laborkontrollen, anpassen muss."

PD Dr. med. Jürgen Ringwald, Transfusionsmediziner und Hämostaseologe Uniklinik Erlangen

Risiko falsche Dosierung

Und wenn die Blutverdünner falsch eingestellt sind, drohen gefährliche Komplikationen: Sind sie zu hoch dosiert, besteht das Risiko für lebensgefährliche innere Blutungen, sind sie zu niedrig, drohen Schlaganfall und Herzinfarkt. Bisher mussten Kardiologen wie Dr. Horst Beyer deshalb sorgfältig abwägen, ob die Patienten von der Behandlung mit Blutverdünnern überhaupt profitieren würden.

"Es gibt zahlreiche Patienten, die Sturzneigung haben, und so durch unerwünschte Blutungen gefährdet sind. Und es gibt Patienten, die immobil sind, und nicht ausreichend Arztkontakte haben können, um die Gerinnung zu messen. So mussten wir doch viele Patienten von der bisherigen Behandlung mit diesen Blutverdünnern ausschließen."

Dr. med. Horst Beyer, Kardiologe und Chefarzt Waldkrankenhaus St. Marien Erlangen

Ernährungsunabhängig: Dosierung bei neuen Wirkstoffen

Die neuen Medikamente dagegen blockieren gezielt bestimmte Gerinnungsfaktoren im Blut. Damit ist die Dosis unabhängig von der Aufnahme von Vitamin K. Sie bleibt immer gleich. So sind die Wirkstoffe viel einfacher zu handhaben und damit sicherer in der Wirkung.

Todesfälle durch Blutungen: Neue Gerinnungshemmer in der Kritik

Doch im Herbst letzten Jahres wurde die Euphorie über die neuen Wirkstoffe durch Pressemeldungen getrübt. Vor sechs Jahren musste bereits ein ähnliches Medikament wegen der Nebenwirkungen vom Markt genommen werden.

"Diese Todesfälle betreffen in erster Linie ein Medikament, das Pradaxa, und sind wahrscheinlich im Zusammenhang mit Nierenfunktionsstörungen, also eingeschränkter Nierenfunktion, bei den Patienten zustande gekommen. Das heißt: Man muss bei diesen Medikamenten aufpassen mit der Nierenfunktion, der Arzt sollte hier ein Auge drauf haben, um zu schauen, ob die Niere gut funktioniert. Dieser Zusammenhang ist bei dem anderen Medikament, bei dem Xarelto, sogar deutlich geringer, das heißt, hier ist diese Gefahr sicherlich weniger zu beachten."

PD Dr. med. Jürgen Ringwald, Transfusionsmediziner und Hämostaseologe Uniklinik Erlangen

Höhere Kosten belasten Arzneimittelbudgets

Erna Tussetschläger scheint Pradaxa zu vertragen und plant, endlich wieder zu verreisen: Mit dem neuen Medikament fühlt sie sich sicher, auch im Ausland.

"Man ist einfach freier. Wenn ich jetzt sage, ich fahre für fünf Tage nach Rom, dann kann ich das machen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, wie es dort unten ist."

Erna Tussetschläger, Herzpatientin

Für Marcumar-Patienten oft ein Problem: Die ungewohnte Kost mit völlig anderen Gehalten an Vitamin K in den Urlaubsländern bringt die Gerinnungswerte auch bei Patienten, die sonst gut eingestellt sind, durcheinander, und führt dann zu Komplikationen. Mit den neuen Wirkstoffen treten solche Probleme nicht mehr auf. Mehr Lebensqualität, aber auch 25-fach höhere Kosten. Viele Hausärzte zögern deshalb noch, die neuen Medikamente zu verschreiben.

"Ich denke, es ist im Gespräch mit dem Hausarzt, mit dem Patienten, auch mit dem Spezialisten, dem Kardiologen, dem Gerinnungsexperten, zu besprechen, ob der Patient das Medikament bekommt, trotz des primär höheren Preises. Das ist ganz wichtig, dass der Hausarzt hier auch mitspielt, weil es letztendlich sein Budget belastet."

PD Dr.med. Jürgen Ringwald, Transfusionsmediziner und Hämostaseologe Uniklinik Erlangen

Wer bekommt die neuen Medikamente?

Theoretisch kommen Millionen von Patienten in Frage: das könnte die Möglichkeiten der Krankenkassen angesichts der zigfach höheren Kosten sprengen. Wie teuer das Ganze tatsächlich kommt und wie das zu bezahlen ist, wird derzeit in Studien geklärt.