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Kalzium-Präparate Gut für die Knochen, schlecht fürs Herz?

Kalzium ist für die Stabilität unserer Knochen verantwortlich. Deshalb empfehlen Experten, pro Tag 1.000 mg über die Nahrung aufzunehmen. Aber gelingt das tatsächlich? Sicherheitshalber greifen viele zu Kalzium-Präparaten. Doch das kann gefährlich werden.

Von: Peter Künzel Stand: 03.06.2013

Neueste Studien deuten darauf hin, dass der dauerhafte Konsum hochdosierter Kalziumtabletten das Herzinfarktrisiko erhöht. Mediziner empfehlen anstelle der Tabletten abwechslungsreiche kalziumhaltige Kost, weil sie bei den meisten Menschen ausreicht, um den täglichen Kalziumbedarf zu decken.

Während in der Vergangenheit Ärzte sehr viel häufiger Kalziumtabletten empfohlen haben (zum Beispiel Menschen mit erhöhtem Osteoporoserisiko), raten sie heute angesichts neuester Studien in den allermeisten Fällen von einer dauerhaften hochdosierten Einnahme ab.

Kalzium - essenzieller Mineralstoff

Kalzium ist zwar einerseits ein essenzieller Mineralstoff für die Stabilität der menschlichen Knochen, andererseits kann es aber auch, wenn es längerfristig über den Bedarf hinaus konsumiert wird, zur Bildung von Plaques in den Gefäßen führen, die wiederum Ausgangspunkt von Herzinfarkten oder auch Schlaganfällen sein können.

Mehrere Studien weltweit haben dieses Risiko jetzt untersucht und sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Neuseeländische Forscher von der Universität in Auckland sind in einer mehrjährigen Studienreihe zu dem Ergebnis gekommen, dass die Einnahme von Kalziumtabletten das Risiko für einen Herzinfarkt um 27 Prozent erhöht.

Auch Heidelberger Forscher haben im Rahmen einer europäischen Studie mit fast 25.000 Teilnehmern ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und kardiovaskuläre Todesfälle in diesem Zusammenhang festgestellt.

"Gesundheit!" fragt nach

Wie sehen Mediziner die Risiken von Kalziumtabletten heute?

Prof. Dr. med. Robert Ritzel, Endokrinologe und Chefarzt an der Klinik für Endokrinologie des Städtischen Klinikums in München, der selbst an der Erstellung der Heidelberger Studien mit beteiligt war:

"Diese neueren Daten bekräftigen eine schon länger geäußerte Vermutung, dass Kalzium als Nahrungsergänzungsmittel mehr Schäden als Nutzen auslöst."

Prof. Dr. med. Robert Ritzel

"Heute sieht man die denkbaren Nebenwirkungen dieser Kalziumgaben viel stärker, als das vor Jahren der Fall war. Heute sieht man, dass dadurch Herzinfarkte begünstigt werden können."

Prof. Dr. Heribert Schunkert, Kardiologe und Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie am Deutschen Herzzentrum München

Liefert die Nahrung ausreichend Kalzium?

Anstelle einer offenen Kalziumempfehlung werden heute sehr viel individuellere Ansätze der Bedarfsermittlung gewählt. Grundsätzlich geht man davon aus, dass der gesunde Erwachsene einen Kalziumbedarf von etwa 1.000 mg pro Tag hat.

Um einen möglichen Mangel festzustellen, ist es entscheidend, für jeden Patienten im Einzelnen herauszufinden, wie viel Kalzium man bereits durch die tägliche Nahrung aufnimmt. Auch für Professor Ritzel steht am Anfang jeder Osteoporoseuntersuchung die Frage, wie viel Kalzium ein Patient durch seine Ernährung zu sich nimmt:

"In einem Gespräch kann ermittelt werden, wie viel Kalzium bereits über die Nahrung aufgenommen wird. Man kann das auch mit einem Kalziumrechner - zum Beispiel aus dem Internet - selbst analysieren. Und nur die Patienten, die einen Kalziummangel haben, sollen zusätzlich Kalzium einnehmen, andere Patienten nicht."

Prof. Dr. med. Robert Ritzel

Nahrungsmittel mit hohem Kalziumgehalt

Wird dabei festgestellt, dass durch die Nahrung nicht genug Kalzium aufgenommen wird, kann dies gezielt durch kalziumhaltige Kost korrigiert werden.

Besonders geeignet sind dafür beispielsweise Milchprodukte - ganz besonders Hartkäse: So enthält eine kleine Portion Parmesan (30 g) bereits 360 mg Kalzium, also mehr als ein Drittel des Kalzium-Tagesbedarfs.

Mineralwasser enthält unterschiedlich viel Kalzium

Ein weiterer Tipp für Menschen, die ihre Kalziumaufnahme steigern möchten: beim Kauf des Mineralwassers auf die Inhaltsliste und den Kalziumgehalt achten. Verschiedene Sorten haben oft sehr unterschiedliche Kalziumgehalte. Von unter 100 bis zu weit über 300 mg pro Liter reicht das Spektrum. So kann auch ein erhöhter Kalziumbedarf von bis zu 1.500 mg pro Tag, wie ihn beispielsweise Osteoporosepatienten haben, in vielen Fällen leicht gedeckt werden.

Und falls man einmal zu viel Kalzium über die Nahrung aufnehmen sollte, ist das im Gegensatz zu künstlichem Kalzium kein Problem, so Prof. Schunkert vom Deutschen Herzzentrum in München. Zu viel natürliches Kalzium schade dem Körper nicht. Prof. Schunkert warnt aber vor den Nebenwirkungen eines dauerhaft hochdosierten Kalziumtabletten-Konsums:

"Durch Untersuchungen von großen Bevölkerungsstichproben ist sehr deutlich gezeigt worden, dass eine unkritische Supplementierung von Kalzium zu einer Erhöhung des Herzinfarktrisikos von 20 vielleicht sogar 50 Prozent führt. Von der Seite her sollte die Einnahme immer individuell abgewogen werden, zwischen Herzinfarktrisiko auf der einen Seite und dem Risiko für Knochenfrakturen auf der anderen Seite."

Prof. Dr. Heribert Schunkert

Fazit: Keine Kalziumtabletten in Eigenregie. Die allermeisten Menschen sind nämlich ausreichend über eine abwechslungsreiche und gesunde Nahrung mit Kalzium versorgt.


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