Bayerisches Fernsehen - Gesundheit!

Leben mit Brustkrebs Frauen kämpfen gegen Unwissenheit

Jeden Tag erkranken circa 150 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Barbara Stamm, die bekannte bayerische Politikerin war 2008 eine von ihnen. In Gesundheit! spricht sie über ihre Erfahrungen. Heute setzt sie sich dafür ein, dass Frauen besser über die Erkrankung informiert sind, damit sie die optimale Behandlung erhalten können.

Autor: Isabel Hertweck-Stücken Stand: 06.02.2012

Jutta Steichele hat einen Traum. Sie will den Jakobsweg schaffen. Die Route steht, aber im vergangenen Jahr ging es noch nicht. Jutta Steichele ist Brustkrebspatientin und hat Metastasen in der Wirbelsäule. Aber dieses Jahr will sie das mit Chemotherapien in den Griff bekommen. Und dann geht's los - trotz Krankheit.

"Ich glaube, ich bin mental recht gut drauf. Aber es ist auch so, dass ich mir denke, ich habe diese Krankheit, und die hat mich jetzt schon dreimal eingeholt. Aber dafür ist ja mein Leben auch noch da. Und ich will jeden Tag leben."

Jutta Steichele

Das Leben und nicht die tödliche Bedrohung in den Mittelpunkt stellen - geht das, und wenn ja, wie? Diese Frage bekommt in der modernen Krebstherapie immer mehr Aufmerksamkeit.

Weitermachen, trotz Krankheit

Barbara Stamm, heute Präsidentin des bayerischen Landtags, weiß, wie schwer das manchmal ist. Die bayerische Politikerin bekam 2008 die Diagnose Brustkrebs und lebt seither mit der Angst vor einem Rückfall.

"Man trifft immer wieder Menschen, die betroffen sind, und dann kommt das natürlich wieder hoch. Das packt einen immer wieder, abhaken kann man das nicht."

Barbara Stamm, Präsidentin des bayerischen Landtags

Mit Informationen gegen die Ohnmacht angehen

Aber wie schafft man es, sich nicht packen zu lassen? Ein erster Schritt gegen die lähmende Angst ist Information. Deshalb sind Barbara Stamm, Jutta Steichele und 400 andere Patientinnen nach Augsburg gekommen - zum Selbsthilfekongress „Projekt Diplompatientin.“ Dieses Projekt wird von „Mamazone“ veranstaltet, einer Patienten-Selbsthilfevereinigung und bedeutet vier Tage lang gespannte Aufmerksamkeit für aktuelle wissenschaftliche Informationen, allerdings in allgemein verständlicher Form. Gerade dafür ist im medizinischen Alltag oft keine Zeit. Das musste auch die Gesundheitspolitikerin Barbara Stamm erfahren.

"Da hab ich mir oft gedacht, mein Gott wenn du schon ein Defizit erkennst, dass nicht genug Zeit vorhanden ist, dass du mehr fragen könntest und dass man auch ein Stück mehr bei dir verweilen könnte, wie muss es dann erst anderen Frauen gehen."

Barbara Stamm, Präsidentin des bayerischen Landtags

Arzt und Patient als Verbündete

In einer lebensbedrohlichen Situation gibt es keine dummen Fragen. Fachleute sehen im Wissensdurst der Patienten sogar einen wichtigen Verbündeten. Denn wer seine Therapie nicht versteht , der neigt zu irrationalem Handeln, macht Fehler bei der Medikamenteneinnahme oder bricht die Behandlung gar ganz ab.

Für Jutta Steichele sind die Informationen, die sie durch ihre Kontakte zu Mamazone e.V. und auf Informationsveranstaltungen wie dem „Projekt Diplompatientin“ bekommen hat, überlebenswichtig. Denn sie beeinflussen ihre innere Haltung zu ihrer Krankheit. Ohne diese Informationen würde sie sich –gerade bei Rückschlägen – noch hilfloser fühlen.

"Dann hätte ich mich vielleicht aufgeben. Denn es ist bei mir so, dass ich schon zweimal einen Rückfall hatte, und der war nicht sehr klein. Dadurch, dass ich das immer verstehe, sage ich mir, ich versuche es jetzt auf diesem Weg wieder weiter. Ich sehe immer wieder ein Ziel, dass ich es vielleicht doch noch schaffen kann, noch ein bisschen länger zu überleben."

Jutta Steichele

Krebs als chronische Krankheit: Mitarbeit der Patienten ist wichtig

Beim Ultraschallkontrolltermin wird überprüft, wie sich eine Metastase in der Leber von Jutta Steichele entwickelt hat. Die Nachrichten sind gut: Die Metastase scheint sich komplett zurückgebildet zu haben. Das bedeutet: Die aktuelle Chemotherapie hat noch besser angeschlagen , als Jutta Steichele gehofft hatte. Für Ralf Ringel, Mediziner in der onkologischen Schwerpunktpraxis in Friedberg, ist dieser Behandlungserfolg auch auf die gute Mitarbeit seiner Patientin zurückzuführen.

Die Behandlung von Krebs im metastasierten Zustand ähnelt heute oft der Therapie einer chronischen Krankheit. Bei Chemotherapien geht es nicht nur darum, den Krebs in Schach zu halten, sondern auch darum, die Lebensqualität der Patienten nicht zu sehr zu beeinträchtigen. Bei dieser schwierigen Gratwanderung ist die Mithilfe der Patienten ein unschätzbarer Vorteil.

"Sie kommt mit neuen Therapievorschlägen, sie ist für jede Therapie offen, sie weiß über die Nebenwirkungen ihrer Therapien Bescheid, sie kann dadurch auch die Therapien selbst ein bisschen individualisieren. Sie kann auch durch unsere Anleitung die Nebenwirkungen der Therapien, wie zum Beispiel zu hohen Blutdruck, die für sie ja relativ beeinträchtigend sind, selbst gut regeln."

Dr. med. Ralf Ringel, Onkologische Schwerpunktpraxis Friedberg

Unterstützung durch komplementäre Therapien

Es ist ein Auf-und Ab. Die Freude über gute Nachrichten wechselt sich auch bei Jutta Steichele mit Rückschlägen ab. Sport hilft ihr, sich zu stabilisieren. Inzwischen ist sie selbst ausgebildete Reha-Trainerin. Unterstützung der medizinischen Maßnahmen durch Sport oder komplementäre Therapien haben ihre Lebensqualität entscheidend verbessert.

"Sport hat mich einfach wieder zurückgebracht, nach der Chemo gab es Tage, da lag ich nur im Bett oder auf dem Sofa. Ich habe dann gemerkt, ich gehe raus, ich bewege mich, ich komm hierher in die Gruppe, dieses Lachen baut einen unheimlich auf. Man kriegt wieder Mut und kann weitermachen."

Jutta Steichele

Gemeinsame Krankheit – gemeinsame Erfahrungen

Der Kongress Diplompatientin endet, wie jeder andere, mit einem Sektempfang und Schnittchen für prominente Referenten, ausgewählte Gäste wie Barbara Stamm und die Veranstalter. Und doch bleibt es ein besonderer Abend, an dem sich Brustkrebspatientinnen darüber unterhalten, wie es ihnen gelungen ist, trotz Krankheit, mitten im Leben zu stehen.

Dort begegnen sich auch Barbara Stamm und Jutta Steichele und unterhalten sich über ihre Erfahrungen mit der Krankheit. Darüber, wie die Familie wichtiger wird, und wie man selbst erfährt, wie wichtig man für die Familie ist. Und Jutta Steichele erzählt, wie ihre Familie ihr ein wunderschönes Geburtstagsfest zum Geschenk machte, wie alle ihre Freunde ihr zu Ehren in Weiß kamen, nur sie selbst ein rotes Kleid trug. Und wie eine Hardrock-Band aufspielte. Sie unterhalten sich darüber, wie man Prioritäten im Leben neu verteilt und dabei gelassen bleibt.

Betreuung und Hilfe für Krebspatienten

Es gibt noch viel zu tun: Jeder 3. Krebspatient bräuchte eigentlich mehr Hilfe und Kommunikation von geschultem Personal, zum Beispiel von Psychoonkologen, schätzen Experten. Jutta Steichele hat sich diese Unterstützung bei ihrer Familie und bei der Selbsthilfegruppe Mamazone geholt - übrigens in direkten Gesprächen, nicht übers Internet.

Ihre ganz persönliche Reha-Maßnahme – den Jakobsweg - will sie aber ganz allein schaffen, ein Traum, ein ehrgeiziges Ziel, bei dem ihre Krankheit für sieben Wochen zur Nebensache wird.