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Mistel Alte Zauberpflanze und moderne Arznei?

Mistelzweige sind nicht nur dazu gut, um sich an Weihnachten darunter zu küssen. Als Arznei soll die Pflanze bei einer Vielzahl von Beschwerden helfen, wie etwa bei Kopf- und Herzschmerzen.

Autor: Manfred Schramm Stand: 12.12.2011

Man nennt sie auch Drudenfuß, Hexenkraut, Donnerbesen, Vogelkraut oder Kreuzholz - die Mistel. Sie galt als das Zauberkraut keltischer Druiden. Daraus gebraute Tränke verliehen nach ihrem Glauben Kraft, Mut und Unbesiegbarkeit, heilten alle Krankheiten, machten Gifte unwirksam, erhöhten die Fruchtbarkeit von Mensch und Tier. Außerdem bewahrten sie vor Verzauberung.

Die Zauberkräfte der Mistel

Die Druiden schnitten die Mistel mit goldenen Sicheln ab. Sie durfte nicht zu Boden fallen, sondern musste mit einem weißen Tuch aufgefangen werden. Lange Zeit wurde die Pflanze wegen ihrer Zauberkräfte verehrt. Das hat sich in den zahlreichen Asterix-Geschichten bis heute erhalten.

Als Räucherung soll die Mistel vor Blitzschlag, Feuer, Krankheit, Unglück und Missgeschick schützen. Im Schlafzimmer aufgehängt sollen Misteln "Nachtmahre" vertreiben, die als Erreger von Alpträumen gelten.

Alte Weihnachtstradition

Jeder Mann, der unter dem Mistelzweig am Weihnachtstag mit einer Frau zusammen trifft, hat das Recht, ihr einen Kuss zu geben.

Heute noch ist es Brauch, Mistelzweige über die Haustür zu hängen - besonders zu Weihnachten. Und jeder Mann, der unter dem Zweig am Weihnachtstag mit einer Frau zusammen trifft, hat das Recht, ihr einen Kuss zu geben. Doch für jeden Kuss muss eine Beere gepflückt werden. Und wenn alle Beeren weg sind, ist es auch mit dem Küssen vorbei.

Waffenstillstand für einen Tag

Trafen sich zwei Feinde unter einem Mistelstrauch, mussten sie sich umarmen und zumindest für diesen Tag Waffenstillstand schließen. Mit den Priestern wurde die Mistel zum Glücksbringer. Mistel am Jagdhut bescherte reiche Beute. Die Kuh, die als erste im Jahr kalbte, wurde von den Bauern mit Mistelzweigen geschmückt, sie streuten die Beeren aufs Heu und mischten sie zur Saatzeit unter das Getreide. Auch der Bitte für Kindersegen sollte sie Kraft verleihen.

Die Botanik der Mistel

Die Mistel (Viscum) gehört zur Familie der Mistelgewächse. Zur Gattung Viscum gehören etwa 90 Arten. Bei uns wachsen drei Unterarten: die Laubholzmistel, die Tannen- und die Kiefermistel. Die Mistel lebt als Halbschmarotzer auf verschiedenen Bäumen, bohrt ihre Wurzeln in das Holz der Wirtspflanze und entzieht ihr Wasser und Nährstoffe. Immergrün wächst sie als kugeliges Nest in den Ästen von Tannen und Kiefern (laxum) oder Laubbäumen auf Eichen, Eschen, Kastanien und Birken (album). Auf Buchen zum Beispiel findet man keine Misteln. Ebenso sind Ulmen und einheimische Eichen nur selten Wirtsbäume. Besonders im Winter sind die kugeligen Nester sehr gut zu sehen. Blütezeit ist von März bis April, die Früchte sind erbsengroß, sehen aus wie weiße Beeren und sind im November oder Dezember reif.

Zwei Theorien, wie sich die Mistel verbreiten

  • Theorie eins: Die Beeren werden von Vögeln gefressen, die Samen mit dem Kot auf andere Bäume getragen, wo neue Misteln entstehen.
  • Theorie zwei: Beim Fressen bleibt der klebrige Saft der Beeren an den Schnäbeln haften, und wenn der Vogel später an einem anderen Zweig seinen Schnabel wetzt, "pflanzt" er dadurch eine neue Mistel.

Ihren Namen leitet die Mistel ab von "mistil". Das ist althochdeutsch und bedeutet "Mist" - in Anspielung auf den Vogelkot. Die Mistel gehört übrigens zu den Giftpflanzen! Sie enthält zahlreiche Stoffe, denen - richtig dosiert - gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben werden.

Die Mistel in der Medizin

Als Arznei verwendet werden Stängel, Beeren und Blätter, gesammelt von März bis Oktober. Daraus bereitet man Essenzen, Extrakte, Pulver oder Tee. Medizinisch wurde und wird die Mistel als blutstillendes und den Blutdruck senkendes Mittel verwendet. Außerdem soll sie wirksam sein bei Kopf- und Herzschmerzen, Arterienverkalkung, hohem Cholesterinspiegel und gegen Würmer. Hippokrates schätzte die Heilwirkung gegen Epilepsie und Schwindel sowie die beruhigenden und schmerzlindernden Eigenschaften. Günstige Effekte soll die Mistel auch bei Asthma haben.

Mistel in der Krebstherapie

Ins Gespräch gekommen ist die Mistel vor allem durch ihre Verwendung in der Behandlung bösartiger Tumore. Der Einsatz in der Krebsmedizin geht auf die Anthroposophen zurück. Erklärt wird die Wirksamkeit gegen Krebsgeschwüre dadurch, dass die in der Mistel enthaltenen Substanzen ein "Selbstmordprogramm" für Krebszellen auslösen (Apoptose). Die wirksamen Substanzen der Mistel sollen die sogenannten Mistellektine sein, denen antitumoröse Wirkungen zugeschrieben werden. Außerdem sollen Immunzellen aktiviert und körpereigene Krebshemmstoffe (Zytokine, Tumor-Nekrosefaktor) freigesetzt werden. Die Effekte sind allerdings nur teilweise belegt. Nachgewiesen sind die tumorhemmenden Eigenschaften in Reagenzglasversuchen. Es gibt aber keine wirklich seriösen Studien über den Einsatz beim Menschen.

Heute kann als gesichert angesehen werden, dass die Mistel in der Krebstherapie, begleitend eingesetzt, Nebenwirkungen der Chemotherapie mildern und damit die Lebensqualität verbessern kann. Es gibt aber keine verlässlichen Studien darüber, ob die Misteltherapie lebensverlängernd wirken kann. Als alleinige Krebstherapie ist sie nicht geeignet. Die Kasse zahlt die begleitende Misteltherapie bisher nur bei bösartigen Tumoren in der palliativen Therapie. Es gibt zwar mittlerweile zwei Urteile von den Sozialgerichten Dresden und Speyer, die die begleitende Therapie als Kassenleistung begründen. Doch man sollte auf jeden Fall mit seiner Kasse darüber sprechen.

Nebenwirkungen der Misteltherapie

Die Nebenwirkungen der Mistelextrakte können selten Kopfschmerzen, Fieber sowie Kreislaufstörungen und häufig Allergien sein - die Mistel ist eine (schwache) Giftpflanze! Vorsicht gilt daher bei der Selbstmedikation, etwa mit Misteltee, der gegen einen erhöhten Blutdruck wirksam sein soll. Zur Zubereitung nimmt man zwei Teelöffel Mistelkraut (Stängel, Blätter und Beeren hacken und trocknen). Darauf gießt man zwei Tassen kaltes Wasser, lässt das Ganze zwei Stunden (über Nacht) stehen. Den Tee dann lauwarm und schluckweise trinken. Aber: höchstens zwei Tassen pro Tag!