Giftiges Spielzeug Umweltgifte im Kinderzimmer
Die EU will die Grenzwerte für Schadstoffe in Spielzeug ab Juli 2013 anheben. Und das, obwohl bei Kontrollen immer wieder giftiges Spielzeug aus dem Verkehr gezogen wird. Wo droht die meiste Gefahr? Auf was sollten Eltern achten?
Wenn der kleine Julius Ulmann und seine beiden Brüder in ihrem Spielzimmer spielen, haben die drei so richtig Spaß - natürlich mit den neuesten Spielsachen. Für Anita und Alexander Ulmanns Jungs gibt es nichts Größeres. Für die beiden Eltern schwingt dagegen immer die Sorge mit: Ist das Spielzeug unserer Kinder auch wirklich unbedenklich für die Gesundheit:
"Wir haben schon Angst, dass sie mit Blei oder anderen Schadstoffen in Berührung kommen. Vor allem die Kleinen nehmen öfters etwas in den Mund. Das macht uns wirklich Sorge."
Anita und Alexander Ulmann
Blei und andere Schadstoffe im Kinderspielzeug
Sicher spielen
Was Familie Ulmann Angst macht, sorgt zur Zeit für einen handfesten Streit in der Politik. Bei uns in Deutschland gelten im Moment noch strenge Grenzwerte für Umweltgifte in Spielzeug. Eine neue EU-Richtlinie ändert das und hebt die Grenzwerte für Schwermetalle wie Quecksilber, Blei und Arsen deutlich an. Schon im nächsten Jahr sollen die neuen Regeln gelten. Dagegen zieht Deutschland jetzt sogar vor den Europäischen Gerichtshof.
Auch Alexander Ulmann kann die Neuregelung nicht verstehen. Für ihn ist das ein absolutes Unding. Solche Stoffe haben seiner Ansicht nach in Spielzeug nichts verloren.
Folgen noch kaum absehbar
Der Meinung ist auch Professor Bernadette Eberlein. Die Spezialistin für Umweltgifte am Klinikum rechts der Isar in München mahnt zur besonderen Vorsicht - gerade, wenn es um Kinder geht. Denn der in der Entwicklung befindliche, kindliche Organismus ist besonders anfällig für Schadstoffe.
"Für Kinder ist das auch deshalb ein besonderes Problem, weil sie Dinge viel mehr in den Mund stecken, viel mehr am Boden sind und dadurch mehr mit solchen Schadstoffen in Kontakt kommen, als Erwachsene."
Prof. Bernadette Eberlein
Gefahr durch Weichmacher
Gefahr für die Gesundheit
Neben Schwermetallen sind vor allem Plastik-Weichmacher eine Gefahr im Spielzeug - besonders sogenannte Phtalate, deren Rückstände auch im Hausstaub nachweisbar sind.
Wie sich Weichmacher beim Menschen auswirken, kann noch nicht abschließend gesagt werden - doch die Indizien aus der Forschung sind alarmierend. Denn bei Weichmachern gibt es Hinweise aus Tierversuchen, dass sie auf die Fruchtbarkeit negative Auswirkungen haben, so Prof. Bernadette Eberlein.
Labortests finden giftiges Spielzeug
Doch wie oft taucht giftiges Spielzeug bei uns im Handel auf? "Gesundheit!" trifft Rainer Weiskirchen vom TÜV Rheinland in der Nürnberger Fußgängerzone. Der Experte schaut den Spielzeug-Herstellern auf die Finger und führt regelmäßig Testkäufe durch, um Spielwaren auf Schadstoffe zu überprüfen. Wir begleiten ihn und nehmen drei Testkäufe mit ins Chemielabor: eine Spielzeuggitarre, eine lackierte Holzeisenbahn und ein Plastikeinhorn.
"Bei diesen extrem billigen Spielsachen wird man öfters fündig. Auf den ersten Blick könnten hier Schadstoffe enthalten sein."
Rainer Weiskirchen, TÜV Rheinland
Doch diesmal ergeben die Laborwerte nur leichte Spuren von Weichmachern in den Plastikteilen der Holzeisenbahn. Die Konzentration ist so gering, dass das Produkt auf dem Markt bleiben kann. Ganz anders sieht es bei den Testkäufen der letzten Monate aus. Rainer Weiskirchen zeigt ein Plastikkrokodil aus dem europäischen Handel.
"Das strotzt nur so vor gefährlichen Weichmachern und muss deshalb sofort aus dem Handel verschwinden."
Rainer Weiskirchen, TÜV Rheinland
Tipps für den Einkauf
Wer sich fragt, worauf er beim Spielzeugkauf achten kann, für den hat Rainer Weiskirchen hier einige Tipps:
Tipps für den Einkauf
Verarbeitung
Achten Sie auf die Verarbeitung der Spielwaren. Wenn Nähte platzen und Augen ausfallen, ist das schon ein Zeichen, dass der Hersteller auf Billigmaterialien setzt.
Geruch
Riechen Sie am Spielzeug: "Wenn ein Produkt unangenehm riecht, zurück ins Regal damit. Hier war der Hersteller nicht sehr sorgfältig und hier können dann auch schädliche Stoffe für das Kind enthalten sein."
Qualitätssiegel
Bei Spielzeugen ist es zudem sinnvoll, auf Qualitätssiegel zu achten. Doch Vorsicht: Das Zeichen CE ist nur eine Selbstverpflichtung der Hersteller. Das Siegel "GS - geprüfte Sicherheit" und andere Prüfsiegel unabhängiger Institute bescheinigen dagegen eine unabhängige Prüfung.
Die wichtigsten Siegel und was sie uns sagen:
CE
Das CE-Zeichen muss jedes Produkt tragen, das auf dem europäischen Markt eingeführt wird. Mit ihm verpflichten sich die Hersteller, die europäische Sicherheitsrichtlinie zu beachten. Über Schadstoffbelastungen gibt dieses Siegel nur begrenzt Auskunft, da die europäischen Grenzwerte oft hoch sind oder - in einigen Fällen - nicht vorhanden.
Größtes Manko: Unabhängige Kontrollen gibt es nicht. Das Siegel wird von den Firmen selbst aufgeklebt und auch häufig gefälscht - es ist also kein Garant für gutes Spielzeug.
GS
Weit aussagekräftiger ist das "GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit". Hier lässt der Spielzeughersteller freiwillig das Spielzeug durch eine unabhängige und zertifizierte Stelle auf die Einhaltung der gesetzlichen Mindestanforderungen prüfen. Darüber hinaus muss das Produkt bei den gesundheitsgefährdenden PAK einen sehr niedrigen Grenzwert von 0,2 Milligramm pro Kilogramm Spielzeug einhalten.
Wichtig: Das GS-Zeichen muss in Verbindung mit der Prüfinstitution - zum Beispiel TÜV Rheinland, TÜV Rheinland LGA, TÜV Süd, TÜV Nord - aufgeklebt sein. Fehler in der Aufschrift weisen auf eine Fälschung hin.
TÜV-Proof
Das TÜV-Proof-Zeichen ist ein Siegel des TÜV Rheinlands. Es entspricht dem Anforderungskatalog des GS-Zeichens für geprüfte Sicherheit, setzt also den PAK-Grenzwert auf 0,2 Milligramm pro Kilogramm. Vorsicht: Auch hier kann es Fälschungen geben. Mittlerweile vergibt der TÜV Rheinland aber im Siegel auch Prüfnummern, die unter www.tuv.com geprüft werden können.
ToxProof
Im Bereich von Farben, Lacken und Textilien findet man auch das aussagekräftige "Tox-Proof"-Zeichen des TÜV Rheinlands für schadstoffarme Produkte. Es setzt niedrigere Grenzwerte bei Azofarbstoffen, Weichmachern und Nickel an und prüft zusätzlich auf Speichel- und Schweißechtheit. Auch das ToxProof-Zeichen ist immer in Verbindung mit der Prüfinstitution angegeben.
LGA
Das unabhängige Prüfzeichen "LGA tested", das von der LGA, einer Tochter des TÜV Rheinlands vergeben wird, garantiert die Einhaltung der gesetzlichen Richtlinien. Es steht also für geprüftes Qualitätsspielzeug, sagt aber nicht mehr über den Schadstoffgehalt eines Produktes aus, als rechtlich vorgegeben. Und das bedeutet zum Teil hohe oder nicht vorhandene Grenzwerte für Stoffe wie einige PAK, Weichmacher oder Schwermetalle. Wenn der Zusatz 'Ausgezeichneter Spielwert' dabei steht, wurde das Spielzeug auch als pädagogisch wertvoll eingestuft.
Öko-Tex
Der "Öko-Tex Standard 100" ist ein weltweit einheitliches Siegel für textile Produkte. Es kann zum Beispiel auf Plüschtieren zu finden sein. Die Schadstoffprüfungen umfassen gesetzlich verbotene Substanzen wie krebserregende Farbstoffe, Formaldehyd, Weichmacher, Schwermetalle, Pestizide und andere mehr. Die Kriterien beziehen sich ausschließlich auf das Endprodukt, nicht aber auf die Herstellung der Baumwolle oder menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Die soziale Dimension wurde im Öko-Tex 100plus bzw. Öko-Tex 1000 aufgenommen. Damit sind allerdings nur wenige Produkte ausgezeichnet. Achten Sie darauf, dass das Prüfzeichen eine eigene Prüfnummer enthält, nicht nur Nullen, und dass das Prüfinstitut angegeben ist.
Bl. Engel
Holzspielzeuge können mit dem Blauen Engel ausgezeichnet werden. Er wird vom RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung vergeben. Die Produkte müssen in Punkto Schadstoffe strenge Kriterien erfüllen. So sind zum Beispiel synthetische Duftstoffe, Flamm- und Holzschutzmittel nicht erlaubt. Auch ökologische Kriterien bei der Holzgewinnung und soziale Bedingungen bei der Herstellung werden berücksichtigt.
VDE
Das VDE-Siegel wird vom Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. für elektrotechnische Geräte - also auch für Elektrospielzeug - vergeben. Es beruht auf einer freiwilligen Prüfung, die der Hersteller vom VDE-Verband vornehmen lässt. Es bietet elektronische Sicherheit bei sachgemäßem Gebrauch, sagt aber nichts über den Schadstoffgehalt oder den pädagogischen Wert aus.
fair spielt
Dieses noch relativ unbekannte Siegel steht für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in den Spielzeugfabriken von Billiglohnländern. Träger der Aktion "fair spielt" sind kirchliche Einrichtungen und gemeinnützige Vereine.
spiel gut
Das Siegel wird vom Arbeitsausschuss Kinderspiel + Spielzeug e. V. vergeben, unabhängig von der Spielwarenindustrie. Es bewertet Kriterien wie Spielwert, Umweltverträglichkeit, Haltbarkeit, Material und Sicherheit. Spielzeug aus PVC-Plastik ist ausgeschlossen. Insgesamt sind die gesundheitlichen und ökologischen Kriterien aber nicht sehr streng. Dafür kann es eine Hilfe bei der Auswahl von Spielzeug mit pädagogischem Mehrwert sein.

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