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Keimfrei putzen Wie schädlich sind Desinfektionsmittel?

Händedesinfektionsmittel aus der Drogerie - praktisch oder überflüssig? Auch bei vielen Putzmitteln und Produkten, wie Mülltüten oder Schneidebrettern, wird mit Keimfreiheit geworben. Ist die ständige Desinfektion von Wohnung, Wäsche und Körper wirklich sinnvoll oder eher gesundheitsgefährdend?

Autor: Antje Samiralow-Maly Stand: 13.02.2012

Seit einigen Jahren lässt sich die Zunahme an antibakteriell wirksamen Putz- und Reinigungsmitteln beobachten. Das Angebot reicht von Hygienetüchern für unterwegs bis zu antibakteriellen Beschichtungen für den Kühlschrank. Mittlerweile hat der Handel für nahezu jeden Schmutzfleck im Haus einen speziellen Reiniger: fürs WC, für Stoffe, ja die Wundermittel eignen sich sogar zum Desinfizieren der Schuhe.

Stellt sich die Frage, warum wir unsere Schuhe desinfizieren sollten? Oder die Polstermöbel? Besteht eine berechtigte Angst vor Erregern, die wir uns beispielsweise in Bus oder Bahn einfangen und ins heimische Wohnzimmer direkt aufs Sofa übertragen? Woher rührt die panische Angst vor Bakterien und Keimen, die es mit antibakteriellen Putzmitteln abzutöten gilt?

Sind Bakterien überhaupt schädlich?

Frau kocht | Bild: Digital Vision zum Thema Bakterienfalle Küche Kampf den Keimen

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Nein, das sind sie ganz und gar nicht, ganz im Gegenteil: Die Anzahl der Bakterien, die unseren Körper besiedeln, ist weitaus größer, als die Zahl unserer Zellen. Bakterien erfüllen lebenswichtige Funktionen. So sind sie beispielsweise an den Verdauungs- und Stoffwechselprozessen des Darms beteiligt, aber auch an der Bildung bestimmter Vitamine. Auf der Hautoberfläche sorgen sie für ein saures Milieu, das verhindert, dass Krankheitserreger auf der Haut siedeln können, das heißt, sie bilden eine Art natürlichen Schutzwall, der auch als Säureschutzmantel bezeichnet wird. Darüber hinaus sind sie essenziell für die Entwicklung einer ausreichenden Immunabwehr. Denn nur wenn das Immunsystem mit Erregern konfrontiert wird, kann es auch lernen, Abwehrstoffe und -strategien zu entwickeln. Mit anderen Worten: Da wir Menschen nun einmal biologische Organismen sind, gehören Bakterien zu uns und unserer Umgebung wie die Luft, die wir zum Atmen brauchen. Und selbst die ist bakteriengesättigt.

Selbstverständlich gibt es nicht nur nützliche, sondern auch schädliche Bakterien, die zum Beispiel zu Entzündungen der Mandeln, der Lunge, aber auch der Harnwege führen können oder schlicht einen eitrigen Pickel hervorrufen. Allerdings ist unser Immunsystem - sofern es funktionsfähig ist - durchaus in der Lage, die Eindringlinge unschädlich zu machen.

Lauern in der Wohnung Krankheitserreger?

Nun würde der Einsatz antibakterieller Putzmittel zum Schutz unserer Gesundheit nur sinnvoll sein, wenn unsere Wohnungen mit solchen Erregern kontaminiert wären. Bei Tests in einem durchschnittlichen Haushalt konnten wir jedoch feststellen, dass auf keiner der getesteten Flächen Krankheitserreger, das heißt pathogene Bakterien, vorkamen - weder am Boden, auf der Türklinke, der WC-Brille, dem Kühlschrank, noch auf einem feuchten Geschirrtuch. Das heißt konkret, dass Krankheitserreger in einem normal gereinigten Haushalt kaum vorkommen.

Hygienereiniger sind kaum besser

Daher besteht auch keine Notwendigkeit, sämtliche Flächen antibakteriell zu reinigen. Zumal, wie Dr. Friedemann Gebhardt vom Institut für Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene der Technischen Universität München, bemerkt, viele Hersteller von antibakteriell wirksamen Reinigern nicht einmal nachweisen können, dass diese Mittel auch eine entsprechende Wirkung erzielen. In unseren durchgeführten Tests schnitten Hygienereiniger jedenfalls kaum oder gar nicht besser ab, als herkömmliche Reinigungsmittel.

Hygienereiniger können die Gesundheit beeinträchtigen

Dass Hygienereiniger nicht wirksamer sind, wäre noch zu verschmerzen. Doch sie können unter Umständen die Gesundheit beeinträchtigen. Dr. Friedemann Gebhardt gibt zu bedenken, dass diese Mittel die natürliche Bakterienbesiedelung der Haut zerstören und damit den Schutz vor Krankheitserregern. Das heißt, sie töten wichtige Bakterien ab und öffnen damit Tür und Tor für gesundheitsschädigende Bakterien.

Und das gilt nicht nur für Putzmittel, sondern auch für Händedesinfektionsmittel. Die meisten dieser Mittel enthalten eine hohe Konzentration von Alkohol, der die Haut austrocknet und angreift. Professor Dr. Dr. Johannes Ring, Leiter der Haut- und Allergieklinik am Biederstein der Technischen Universität München, warnt eindringlich vor scharfen Händedesinfektionsmitteln, die zu aggressiv sind und zu Hautirritationen führen können. Zudem enthalten Hygienereiniger zum Teil Kontaktallergene - unter anderem Benzalkoniumchlorid.

Dass solche Desinfektionsmittel in klinischen Bereichen eingesetzt werden müssen, um sowohl Patienten als auch Mitarbeiter vor Krankheitserregern zu schützen, liegt auf der Hand. Aber für gesunde Menschen ist eine Desinfektion der Hände wenig sinnvoll. Zumal viele der im Handel erhältlichen Mittel ohnehin nicht vor Viren schützen, sondern in der Regel nur vor Bakterien, weshalb sie überhaupt keinen Schutz vor Virusgrippen oder durch Viren ausgelöste Magen-Darm-Infekte bieten.

Sowohl der Hautarzt Prof. Dr. Dr. Johannes Ring als auch der medizinische Mikrobiologe und Krankenhaushygieniker Dr. Friedemann Gebhardt mahnen zu einem maßvollen Umgang mit antibakteriellen Putz- und Waschmitteln und empfehlen eher schonende als zu aggressive Mittel.

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