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Künstliche Vitamine Machen Vitaminpillen krank?

Viele wissen inzwischen, dass Nahrungsergänzungsmittel nichts nützen, wenn man nicht an Mangelerscheinungen leidet. Doch dass diese sogar krank machen können, zeigen nun zwei neue Langzeitstudien. Wann kommt es zu einer Überdosierung? Wie erkennt man eine Unterversorgung?

Autor: Sabine Winter Stand: 26.10.2011
Früchte und Tablettendosen in Fruchtnetzen | Bild: colourbox.com

Vitamin- und Mineralstoffpräparate - viele sehen in ihnen wahre Wundermittel, die immer dann gefragt sind, wenn das Immunsystem und die Abwehrkräfte Stärkung brauchen oder die Leistungsfähigkeit einen Tiefpunkt erreicht hat. Statistisch gesehen schluckt jeder dritte erwachsene Deutsche regelmäßig solche Nahrungsergänzungsmittel, meist ohne ärztliche Indikation und Überwachung. Ein Leichtsinn, der fatale Folgen haben kann, wie zwei neue Studien gezeigt haben.

Erhöhtes Sterberisiko

Für die eine Studie, die sogenannte Iowa Women's Health Study, beobachteten Ärzte aus Europa und den USA knapp 39.000 Frauen über einen Zeitraum von 19 Jahren. Das erschreckende Ergebnis: Diejenigen Frauen, die regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen hatten, hatten ein höheres Sterberisiko. So stieg etwa die Sterberate von Frauen, die regelmäßig Eisentabletten eingenommen hatten, um 4 Prozent, bei Magnesium um 3,6 Prozent, bei Zink um 3 Prozent und bei Multivitamintabletten um 2,4 Prozent. Warum das so ist, muss noch geklärt werden.

Für Männer sieht es nicht viel besser aus

Laut einer zweiten Langzeitstudie erkrankten Männer, die regelmäßig Vitamin E konsumierten, 17 Mal häufiger an Prostatakrebs als Männer, die das nicht taten. Ergebnisse, die Prof. Dr. med. Michael Ristow von der Friedrich-Schiller-Universität Jena nicht überraschen. Der Ernährungsmediziner hat selbst schon die Wirkung von antioxidativen Vitaminen untersucht:

"Wir haben in mehreren Studien gesehen, dass die Vitamine nicht nur unfähig sind zu helfen, sondern sogar die Gesundheit schädigen können."

Prof. Dr. med. Michael Ristow, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Wissenschaftler wissen es also schon länger, für die breite Öffentlichkeit dürften die Studienergebnisse eine Überraschung sein. Schließlich lebte sie jahrelang in dem Glauben, sie müsse ihre Ernährung durch eine künstliche Dosis an Vitaminen und Mineralstoffen ergänzen - aus Angst vor Mangelkrankheiten. Dabei hatte schon die Nationale Verzehrs-Studie II des Max Rubner-Instituts aus dem Jahr 2008 gezeigt, dass die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen in Deutschland insgesamt gut ist. Lediglich in Einzelfällen kommt es zu einem Mangel, etwa an Vitamin D, Folsäure oder Eisen.

Ein drängendes Problem

Viele nehmen zu viele Vitamine und Mineralstoffe auf, vor allem, wenn Nahrungsergänzungsmittel im Spiel sind. Denn die meisten künstlichen Vitamine und Mineralstoffe sind hoch dosiert, enthalten ein Vielfaches der empfohlenen Tagesdosis. Und sie werden parallel zur normalen Nahrung aufgenommen, die ja auch Vitamine und Mineralstoffe enthält.

Nebenwirkungen sind wahrscheinlich

Erfolgt diese Überdosierung dauerhaft, drohen Folgen: Wer Vitamin C in hohen Dosen konsumiert, riskiert Nierensteine und Zellschädigungen. Zu viel Vitamin E kann, wie die aktuelle Männer-Studie zeigt, Krebserkrankungen verursachen - außerdem Blutgerinnungsstörungen. Und eine Überdosis Eisen kann ebenfalls zu Krebserkrankungen führen, sowie zu zu Herz-Kreislauf-Problemen.

Den Hausarzt aufsuchen

Um einen solchen Mangel festzustellen, führt kein Weg an einem Besuch beim Arzt vorbei. Hausärzte und Ernährungsmediziner wie Dr. med. Elisabeth Geigenberger können durch eine ausführliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung und schließlich einen Bluttest feststellen, ob die Vitamin- und Mineralstoffversorgung suboptimal ist.

"Sollte ein spezifischer Mangel vorliegen, zum Beispiel ein Eisenmangel bei einer jungen Frau mit starken Blutungen, verschreibe ich Arzneimittel. Nahrungsergänzungsmittel brauche ich dafür nicht."

Dr. med. Elisabeth Geigenberger, Ernährungsmedizinerin München

Auch sie warnt davor, die Präparate, die offiziell als Lebensmittel gelten und daher frei verkäuflich sind, in Eigenregie und in hohen Dosen einzunehmen.