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Rente mit 67 Kaum Chancen für ältere Arbeitnehmer

Kaum ist die Rente mit 67 Wirklichkeit, fordern Experten, die Lebensarbeitszeit erneut zu verlängern. Wenn es nach den sog. Wirtschaftsweisen geht, sollen Beschäftigte erst mit 69 in Rente gehen können und auch die Rente mit 70 ist nicht mehr tabu. Mit der schrittweisen Einführung der neuen Altersgrenze zu Beginn des Jahres ist auch die Diskussion um die Beschäftigungschancen älterer Arbeitnehmer wieder entbrannt. Doch hier zeigt die Realität, dass es für viele nach wie schwierig ist, überhaupt eine neue Stelle zu bekommen.

Autor: Jan Zimmermann Stand: 09.01.2012
Menschen auf der Straße  | Bild: picture-alliance/dpa

Seit einem Jahr sucht Josef Gaab dringend nach einem Arbeitsplatz. Der 62-Jährige aus München schreibt eine Bewerbung nach der anderen.

"Das sind meine gesamten Bewerbungen, insgesamt 93 Stück. Leider wurde ich nur dreimal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Es hat leider nicht geklappt. Alles danach auch Absagen."

Josef Gaab

In der Vergangenheit hat er bei großen, bekannten Unternehmen gearbeitet. Er ist hochqualifiziert und hat gute Zeugnisse. 

"Ich habe Bankkaufmann gelernt, habe BWL studiert, habe dann in einer Bank und in Industrieunternehmen im kaufmännischen Bereich gearbeitet, zuletzt in der Werbung und Verkaufsförderung und habe mich dann dort selbstständig gemacht."

Josef Gaab

Doch die Selbstständigkeit rentierte sich zuletzt nicht mehr. Seitdem sucht er einen ganz normalen Vollzeitjob. Der Kaufmann lebt inzwischen von Hartz IV. Mit 850 Euro muss er monatlich auskommen – und das im teuren München. Aber warum findet er keine Stelle?

"Ich glaube es liegt am Alter."

Josef Gaab

Kein Job, nur wegen des Alters? Und das trotz guter Arbeitsmarktdaten, Fachkräftemangel und demographischen Wandel? Von der Wirtschaft heißt es immer wieder, ältere Arbeitnehmer seien willkommen. Wir begleiten Josef Gaab zu einer Beratungs- und Vermittlungsstelle des Münchner Jobcenters. Hier hofft er, einen Arbeitsplatz zu finden. Doch welche Rolle spielt sein Alter?

"Es spielt eine Rolle, ganz klar. Zumal auch Herr Gaab 62 ist und das insofern auch schon eine Grenze ist – also bis 55, bis 57 ist es einfacher Überzeugungsarbeit zu leisten, aber irgendwann ist die Grenze schon verhärtet, wo auch diese Vorstellung bei Arbeitgebern, dass die Rente sehr, sehr nah bevorsteht, einfach da ist."

Maria Schulze Pröbsting, Arbeitsvermittlerin

"Die Meinung herrscht sehr oft vor, das ist jemand, der sehr stark rentenorientiert ist, der das Berufsleben ausklingen lassen will, der vielleicht auch die neusten Techniken und was sonst aktuell am Markt gesucht wird, nicht drauf hat, der relativ wenig teamfähig ist."

Hermann Schmidbartl, Jobcenter München

Josef Gaab ist also kein Einzelfall. Das zeigen auch die Zahlen der Arbeitsagentur. Zwar ist die Beschäftigungsquote der Älteren in Bayern im Vergleich zum Jahr 2000 angestiegen. Aber nur ein Viertel der 60- bis 64-Jährigen, 25,3 Prozent, hat eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.  Josef Gaab verlässt das Jobcenter ohne Job. Er versucht bei einer Zeitarbeitsfirma unterzukommen und stellt sich persönlich vor. Ob er hier bessere Chancen hat?

"Die Lage von dem Herrn Gaab ist nicht aussichtslos, aber wirklich sehr, sehr schwierig. Weil doch die Kunden doch ja lieber jüngere Leute wollen."

Daniela Meyer, Z Personalmanagement München

Ihre Kunden, die Ältere ablehnen, sind zahlreiche Arbeitgeber in Oberbayern. Dass Josef Gaab schon 93 erfolglose Bewerbungen geschrieben hat, überrascht die Personalexpertin nicht.

"Ich vermute, dass er sich bewirbt, die Unterlagen kommen an, werden aufgemacht, dann schaut man zuerst, wie alt, dann sieht man, uhi, 62, und dann wird er beiseitegeschoben."

Daniela Meyer

Die Personalvermittlerin kann Josef Gaab nicht einstellen. Sie muss warten bis sich ein Arbeitgeber für einen älteren Bewerber interessiert – und das kann dauern. Josef Gaab geht zum VdK. Der Sozialverband unterstützt ältere Arbeitslose in ihrer Notlage. 

"Vielen bleibt eben auf dem Arbeitsmarkt, wie er sich darstellt für ältere Arbeitslose, eben nur übrig, Teilzeitjobs auszuüben, Minijobs, 400-Euro-Jobs, um überhaupt ihre Situation ein bisschen zu verbessern. Weil zum Leben reicht es meistens trotzdem nicht."

Arthur Klarenbach, Sozialverband VdK

Weil es zum Leben nicht reicht, bleibt oft nur früher in Rente zu gehen. Auch Josef Gaab lässt das prüfen.

"Die Situation zwingt viele Arbeitslose, ältere Arbeitslose, Rentenansprüche geltende zu machen, die aber auch mit Abschlägen verbunden sind, wenn sie vor dem 65. gehen. Jetzt beginnt ja Rente mit 67 stufenweise, also wird das Ganze noch weiter hinausgezögert, also die Situation wird noch weiter verschärft."

Arthur Klarenbach

Das heißt: Die Abschläge steigen! Wer zum Beispiel bis 67 arbeiten muss, aber schon mit 63 in Rente gedrängt wird, muss 14,4 Prozent Abschlag verkraften. Wer mit 65 statt mit 67 in Rente geht, bekommt 7,2 Prozent weniger – bis ans Lebensende.

"Solange der Arbeitsmarkt für die älteren Arbeitssuchenden keine Möglichkeit bietet, ist die Rente mit 67 ganz klar eine Rentenkürzung."

Josef Gaab

Empört und enttäuscht geht Josef Gaab nach drei Beratungen nach Hause. Viele Ältere wie er haben auf dem Arbeitsmarkt weiterhin kaum Chancen.