Private Krankenversicherung Wer krank wird, fliegt
Lange Zeit ging alles gut, bis Klaus R. krank wurde. Sein Pech war – zusätzlich zu seiner Krankheit – dass er privat versichert war. Die Versicherung wollte die Kosten nicht übernehmen und kündigte ihm, weil er angeblich bei Vertragsabschluss Krankheiten verschwiegen hatte. Oft liegen solche Ungenauigkeiten im Vertrag an den Versicherungsvertretern, die unbedingt einen Abschluss haben wollen, um die hohe Provision zu bekommen.
Klaus Reisinger ist schwerkrank. Im Dezember 2010 bekommt er die Diagnose Krebs, Metastasen haben sich in seinem ganzen Körper ausgebreitet. Ein schwerer Schicksalsschlag für ihn, seine Frau Elke und seine zwei Kinder.
"Ich war in einem gesundheitlichen Zustand, gewichtsmäßig, nur als Beispiel, von annährend 63 Kilo auf 44, 42 Kilo, ich hatte ne sehr starke Infektion, ne Sepsis und ne Pilzkrankheit, die behandelt werden musste. Ich konnte nichts essen."
Klaus Reisinger
Ab da begannen die Probleme mit seiner privaten Krankenversicherung, der Bayerischen Beamtenkrankenkasse. Medikamente, künstliche Ernährung, stationären Behandlung – als Klaus Reisingers Krankheit teuer wird, fängt die Versicherung an, nachzuforschen, stellt Fragen, weigert sich schließlich die Behandlung weiter zu bezahlen, bis sie alle seine Vorerkrankungen genau überprüft hat.
"Mein Mann war ja zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr ansprechbar, er konnte nicht reden, nicht sprechen, nicht essen und dann musste ich des natürlich alles übernehmen, was für mich natürlich noch ein seelischer Druck mehr war, weil man das Gefühl hat, man muss jetzt schnell die Informationen liefern, weil die Auskunft der Versicherung war, wenn sie innerhalb von einer bestimmten Frist – also das waren vier Wochen, die Auskünfte nicht bekommen, werden sie die Leistungen nicht mehr bezahlen oder zurückfordern und auch kein Krankentagegeld oder weitere Sachen mehr übernehmen."
Elke Reisinger
Der Druck ist groß. Immer mehr Rechnungen müssen bezahlt werden. Ohne das Krankentagegeld hat die Familie gar kein Einkommen mehr. Die BBK drängt Elke Reisinger, alle Kranken-Daten freizugeben, die ärztliche Schweigepflicht aufzuheben - Sie muss Atteste einholen, Krankenakten verschicken. Alles möglichst schnell.
Doch nur ein paar Tage später die böse Überraschung.
"Sie haben dann letzten Endes auch mitgeteilt, dass es womöglich eine entsprechende Vorerkrankung gibt, die sie dazu berechtigen würde, keine Versicherungsleistung mehr zu erbringen."
Klaus Reisinger
Die BBK kündigt Klaus Reisinger fristlos, die Begründung: Arglistige Täuschung. Die Reisingers hätten bei Vertragsabschluss Angaben zu den Vorerkrankungen nicht korrekt angegeben: eine frühere depressive Verstimmung bewusst verschwiegen. Hätte die Kasse davon gewusst, hätte sie Klaus Reisinger gar nicht erst aufgenommen, so die Begründung.
Dabei sind die Reisingers sehr genaue Leute, sechs Stunden sitzen sie im Dezember 2008 mit dem Versicherungsvertreter zusammen, schildern sämtliche Krankheiten, die Klaus Reisinger je hatte. Auch die depressive Verstimmung, als sein Vater im Februar 2008 plötzlich stirbt und er von der Hausärztin krankgeschrieben wird. Doch im Antrag vermerkt der Vermittler nichts davon.
"Grad jetzt bei dem Punkt, wo eben diese Sache mit den Krankheiten war, hat er immer eigentlich abgehakt, des eine brauch ma nicht zu erwähnen, des ist schon zu lange her, des brauch ma nicht zu erwähnen, des interessiert keinen, unter anderem fiel des auch auf die Aussage, wo eben mein Mann des erzählt hat mit dieser psychischen Belastbarkeit, wo er damals eben gehabt hat, des hat er auch abgehakt unter dem Motto, ach des interessiert auch keinen, des brauch ma gar nicht erwähnen. Ich hab diese Angaben deswegen auch gemach, weil ich selbst nicht bewerten konnte, was ist jetzt Angabe pflichtig und was ist nicht Angabe pflichtig und hab da auch drauf vertraut, dass korrekte Dokumentationen vorgenommen werden."
Elke Reisinger / Klaus Reisinger
Dass Vermittler es mit den Angaben nicht so genau nehmen ist kein Wunder. Es geht um hohe Provisionen, zwischen drei und viertausend Euro pro Abschluss. Jede Vorerkrankung, die einen Abschluss gefährdet, gefährdet die Provision.
Timo Voss vom Bund der Versicherten kennt das Vorgehen der Vermittler gut, er war selbst lange Versicherungsvermittler. Im Archiv häufen sich Fälle wie der von Klaus Reisinger, und es kommen 5-10 neue Anfragen – pro Woche!
"Psychische Erkrankungen sind ein absolutes K.O.-Kriterium. Wenn man was mit der Psyche angeben muss, dann kann man davon ausgehen, dass der Versicherer den Antrag ablehnt und dementsprechend ist natürlich der Beratungsaufwand, den der Vermittler betrieben hat, für die Katz gewesen."
Timo Voss, Bund der Versicherten
Wir testen: Wie korrekt sind die Versicherungsvermittler? Dazu begleiten wir unseren Reporter zu verschiedenen Agenten. Er gibt vor, eine private Krankenversicherung abschließen zu wollen. Im Gespräch weist er darauf hin, wie Klaus Reisinger vor zwei Jahren eine depressive Verstimmung gehabt zu haben. Und bekommt Ratschläge wie diesen.
"Er hat mir gesagt, dass es Probleme geben könnte beim Vertragsabschluss, hat mir aber auch einen Weg gewiesen, wie dieses Problem zu umgehen wäre, nämlich indem ich den Arzt und die Krankheit nicht angebe, später aber, falls ich wieder einmal eine Verstimmung hätte, nicht wieder zum selben Arzt gehen solle, damit die Versicherung nicht herauskriegt, dass ich so ne Vorgeschichte habe."
Andreas Unger, BR-Reporter
"Also den Tipp sollte man definitiv nicht befolgen. Der Versicherer hat die Möglichkeit, bei allen Heilbehandlern und Kassen nachzufragen. Wenn der Verbraucher diesem Tipp folgt, riskiert er seinen Versicherungsschutz."
Timo Voss, Bund der Versicherten
Die Folgen können dann fatal sein. Wie bei den Reisingers. Sie sitzen auf 50.000 Euro Schulden, kämpfen um ihre Existenz. Immer mehr Rechnungen, Mahnungen, Inkasso-Forderungen, von denen sie nicht wissen, wie sie die bezahlen sollen.
"Sie haben jetzt ein Rezept, das kostet 500 Euro, müssen zur Apotheke gehen und müssen´s gleich zahlen, sonst kriegen Sie nichts. Und sie wissen genau, der Mann liegt daheim, todkrank und braucht aber diese Schmerztropfen, weil es geht sonst nichts. Und das ist ein enormer psychischer Druck und ich hab dann auch mit der Versicherung mehrmals gesprochen und die haben mir dann klipp und klar gesagt, also es kann gut sein, dass Ihre Existenz draufgeht, aber Sie sind ja selber schuld, wenn Sie die Angaben nicht machen."
Elke Reisinger
Die Reisingers haben einen Anwalt eingeschaltet, klagen gegen die Kündigung.
Bei der Bayerischen Versicherungskammer, zu der die BBK gehört, haben wir ein Interview angefragt. Schriftlich erklärt sie uns.
"...dass wir Ihnen zu diesem Fall aufgrund eines laufenden Klageverfahrens, keine Angaben machen können."
Bis es zu einem gerichtlichen Urteil kommt , können noch zwei Jahre vergehen. So lange muss die Familie durchhalten. Mittlerweile steht Klaus Reisinger wenigstens nicht mehr ohne Versicherungsschutz da, eine gesetzliche Krankenkasse hat ihn aufgenommen.

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