Bayerisches Fernsehen - Geld & Leben

Wohnungsnot Wer kann sich München noch leisten?

Dass Münchens Wirtschaft auch in Zeiten der Finanzkrise boomt, ist sicher die erfreuliche Seite der Medaille. Die andere - weniger erfreuliche - ist, dass der Zuzug von Arbeitskräften die ohnehin schon angespannte Wohnungssituation in der bayerischen Landeshauptstadt weiter verschärfen wird. Auf der Strecke bleiben immer mehr Normalverdiener, die sich die Stadt schon jetzt nicht mehr leisten können.

Autor: Katharina Kerzdörfer Stand: 09.01.2012
Inserate | Bild: picture-alliance/dpa

Dienstschluss für Carsten Lindemann: Als Polizist sorgt er für die Sicherheit in München. Früher wohnte er im Stadtzentrum - bis er und seine Familie beschlossen, nach Olching zu ziehen.

"Das war alles andere als freiwillig. Meine Frau war in München aufgewachsen, meine Kinder der größte war damals im Münchner Westen eingeschult, da können Sie sich vorstellen, dass die Schwierigkeiten erheblich waren."

Carsten Lindemann, Polizeibeamter

Eigentlich wollten er und seine Familie von einer 3 in eine 4-Zimmer-Wohnung ziehen. Eineinhalb Jahre suchten sie nach einer bezahlbaren Mietwohnung. Dann gaben sie auf. Nur mit Hilfe der Eltern konnten sie sich ein Haus in Olching leisten.

"Das Gefühl ist natürlich nicht schön, wenn man das alleine aufgrund seines Gehalts nicht schafft, ein Eigenheim zu erwerben und das nur mit massiver Hilfe und Unterstützung der Eltern letztendlich möglich ist."

Carsten Lindemann, Polizeibeamter

Wie Familie Lindemann geht es immer mehr Münchnern. Während die Einkommen in den vergangenen sechs Jahren weitgehend konstant geblieben sind, sind die Mietpreise angestiegen: Ein Quadratmeter kostet im Durchschnitt etwa 12 Euro, 5 Euro mehr als noch vor sechs Jahren.

"Das ärgert sehr, weil es letztendlich den Klein- und Mittelverdienern ganz kräftig am Geldbeutel spürbar wird."

Carsten Lindemann, Polizeibeamter

Immer mehr Menschen zieht es in das wirtschaftsstarke München: Jährlich werden zusätzlich 15.000 Wohnungen gebraucht. Der Platz in der Stadt wird knapp. Die neu geschaffenen Wohnungen reichen bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Das weiß auch die Stadt München.

"Wenn der Platz aus ist und nicht mehr Wohnungsbau möglich ist, wenn eine Stadt wächst, dann muss natürlich auch im Umland Wohnraum geschaffen und auch genutzt werden, wir können nicht die 2,5 Millionen Menschen annähernd 3 Millionen, die in der Region leben allesamt im winzig kleinen Stadtgebiet München unterbringen."

Christian Ude, Oberbürgermeister der Stadt München

Viele Münchner haben Angst, aus dem Stadtgebiet gedrängt zu werden – wegen Luxussanierungen. Investoren sanieren immer mehr Altbauwohnungen und verkaufen oder vermieten diese dann für teures Geld. Die alten Bewohner bleiben auf der Strecke.

Das befürchten auch die Mieter in der Türkenstraße 52-54. Vor vier Jahren hat eine Immobiliengesellschaft die beiden Häuser gekauft. Wie Renate Ewald wohnen dort viele schon mehr als 20 Jahre. Ausziehen wegen Luxussanierung – für sie ein Alptraum.

"Miete für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Maxvorstadt unter 1000 Euro ist vermutlich nichts zu haben und das kann ich mir nicht leisten. Das geht einfach nicht."

Renate Ewald, Lehrerin

Ob Renate Ewald und ihre Nachbarn bleiben können, wissen sie nicht. Im schlimmsten Fall droht der Abriss des Gebäudes. Die Eigentümer wollen sich nicht zu den Sanierungsplänen äußern – auch nicht auf Anfrage von Geld und Leben.

Treffen bei Renate Ewald: Mieterinitiativen aus ganz München haben sich zusammengetan: Fälle wie der von der Türkenstraße gibt es immer mehr in der Landeshauptstadt.

Das ist überall so inzwischen, dass sich nicht mal mehr der Mittelstand mehr das leisten kann, dass er da wohnen bleibt, wo er gewohnt hat. Jahrzehntelang. Wir haben uns vernetzt mit anderen Initiativen, um der Öffentlichkeit, den Politikern zu zeigen, ihr müsst was tun, sonst muss die Mehrheit der Bürger hier in München ausziehen. Es gibt einen Exodus in München.

Was kann die Stadt München tun, um diese Entwicklung aufzuhalten?

"Wir können in ganz bestimmten Fällen helfen mit dem Instrument der Erhaltungssatzung und der Ausübung des Vorkaufsrechts, aber dafür müssen die engen Voraussetzungen, die die Gerichte an dieses Instrumentarium stellen, auch erfüllt sein."

Renate Ewald, Lehrerin

Milbertshofen ist eines von 14 Erhaltungssatzungsgebieten in München. Will ein Eigentümer dort ein Haus verkaufen, muss er es zuerst der Stadt München anbieten. Luxussanierungen sind generell untersagt. So will die Stadt erreichen, dass die Mieten auch für Ältere oder Geringverdiener bezahlbar bleiben. Aber nur besonders gefährdete Stadtteile können zum Erhaltungssatzungsgebiet werden.

Das ist dem Mieterverein München nicht genug: Die Stadt müsse mehr Sozialwohnungen bauen und der Freistaat ein Umwandlungsverbot erlassen. So soll verhindert werden, dass immer mehr Mietwohnungen zu Eigentumswohnungen werden.

"Das ist jetzt nicht unbedingt ein Verbot, sondern das heißt, die Umwandlung von Mietwohnungen in Wohnungseigentum würde unter den Vorbehalt einer Genehmigung durch die Stadt gestellt. Damit könnte man die ganze Entwicklung sicherlich nicht stoppen, aber man könnte sie verzögern." Dorothea Modler, Mieterverein München e. V.

Gerda Nillius hofft auch, dass die Stadt und der Freistaat mehr für Menschen wie sie tun. Seit mehr als 15 Jahren wohnt sie in einem Neuperlacher Wohnhaus der GBW. Früher war die Wohnung sozial gebunden, in den vergangenen drei Jahren wurde die Miete um 40 Prozent erhöht. Mittlerweile muss sie 2/3 ihrer Rente für die Miete ausgeben.

"So wie es mir geht, geht´s hier sehr vielen. Wir können das nicht mehr verkraften, noch mal eine Erhöhung, dann muss ich ausziehen, aber ich frag mich wohin in München." Gerda Nillius, Rentnerin

Gerda Nillius und ihre Nachbarn befürchten, dass die Wohnungen der GBW verkauft werden und die Mieten dann weiter steigen. Denn das würde nicht nur den Verlust ihrer Wohnung, sondern auch ihres sozialen Umfelds bedeuten.