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Nokia Siemens Networks Kahlschlag in München

Es traf die Beschäftigten wie ein Blitz aus heiterem Himmel - die Zentrale des deutsch-finnischen Netzwerkausrüsters Nokia Siemens Networks in München soll bis Ende des Jahres komplett geschlossen werden. Bundesweit werden 30 von 35 Standorten dicht gemacht, 2.900 von 9.100 Stellen fallen somit weg. Noch hoffen Betriebsrat und Gewerkschaften, die Schließung verhindern zu können, doch das traurige Schicksal von BenQ ist den Mitarbeitern noch in bester Erinnerung.

Autor: Antonia Böhm Stand: 02.02.2012

Mehr als 2000 Nokia Siemens- Mitarbeiter strömen vor die Unternehmenszentrale in Giesing. Trotz eisiger Kälte machen sie ihrem Ärger Luft.

Seit November wusste zwar jeder, dass Stellen gestrichen würden. Dass es so heftig kommt, ist aber für die meisten ein Schock.

NSN-Mitarbeiter:

„Wenn Sie hören, dass der Standort mit 3.600 Mitarbeitern geschlossen wird. 1600 kriegen vielleicht ne Perspektive nach Bonn, Düsseldorf, Berlin zu gehen und 2000 gehen in die Arbeitslosigkeit. Wie fühlen Sie sich dann, also ich hab die Nacht nicht geschlafen.“

"Wenn jemand gehen muss, dann ist es unser Management und nicht wir."

Horst Schön, Betriebsratsvorsitzender NSN München

Zu Wut und Misstrauen gegenüber dem  Management mischt sich die Enttäuschung über Siemens. Viele fühlen sich vom Mutterkonzern verraten. Die meisten haben bei Siemens angefangen und fühlen sich jetzt im Stich gelassen.

"Siemens muss die Verantwortung übernehmen für uns ehemalige Mitarbeitern, die wir Siemens zu dem gemacht haben, was Siemens heute ist und nicht auf die Straße schmeissen und entsorgen."

Horst Schön, Betriebsratsvorsitzender NSN München

Auch der Standort Augsburg soll dicht machen. Werner Kragl, Vorsitzender Betriebsrat für die Augsburger Region macht sich keine großen Hoffnungen für seine Leute. Aber auch die Art und Weise, wie er und die anderen Mitarbeiter die Nachricht übermittelt bekamen, macht ihn wütend.

"Gestern hat der Wirtschaftsausschuss noch nicht den Telefonhörer aufgelegt, da ging schon per Email ne Mitteilung in relativ harten, kurzen Worten raus."

Werner Kragl, Betriebsratsvorsitzender Region Süd, Augsburg

Dienstag, 12:01 Uhr, trifft die Email mit der Hiobsbotschaft bei den Mitarbeitern von NSN ein. Um Kosten zu sparen werden 2900  Stellen abgebaut, das ist jeder dritte Job in Deutschland. Der Rest soll umziehen. Nach Berlin, Bonn, Düsseldorf, Ulm oder Bruchsal. Nur diese 5 Standorte will NSN erhalten.

Zitat:

„Um Nokia Siemens Networks für die Zukunft überlebensfähig zu machen, ist es notwendig, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen.“

„Der Großteil des Abbaus soll bis Ende 2012 erfolgt sein.“

„Dringlichkeit ist jetzt das Gebot, damit wir unser Ziel erreichen.“

"Wir werden jetzt wie gesagt mit dem Betriebsrat verhandeln, wie das fair und verantwortungsbewusst gemacht werden kann und welche Art von Maßnahmen wir ergreifen können, um diese Härte abzufedern."

Stefan Zuber, Pressesprecher Nokia Siemens Networks

Dabei sind die Mitarbeiter schon einiges gewöhnt. Viele von ihnen haben bereits 2 Kündigungswellen mitgemacht seit der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens von Nokia und Siemens im Jahr 2007. Siemens hatte damals einen Teil seiner Kommunikationssparte in das neue Unternehmen eingebracht. Andere Teile von Siemens , wie die Mobilfunksparte, die an BENQ verkauft wurde, gingen Pleite. Auch NSN machte immer nur Verluste. Der nächste Kahlschlag nur eine Frage der Zeit.

Mittags in der Kantine.  IG-Metaller  Michael Leppek und Münchens Betriebsrats-Vorsitzender Schön besprechen mit den Kollegen, wie es nun weitergeht. Man will um den Standort kämpfen. Hofft auf Siemens.

Doch Siemens äußert sich nicht zur Entscheidung von NSN. Auf Seiten der Muttergesellschaften liege die operative Zuständigkeit bei Nokia, so die Begründung von Vorstandschef Peter Löscher.

"Das ist so ein Phänomen, das wir häufig haben, dass Unternehmen, aber auch zum Beispiel die öffentliche Hand, wenn sie ein Krankenhaus privatisiert, Teile abstoßen, von denen sie glauben, dass sie nicht mehr zu ihrem Kerngeschäft oder ihrer Kernzuständigkeit gehören und dann sind die auch  sich selbst überlassen."

Volker Rieble, Arbeitsrechtsexperte

Wir fahren mit dem Betriebsrat Werner Kragl nach Augsburg.  Der 50-jährige ist in seinem Arbeitsleben schon drei Mal ausgegliedert worden.  Ist jetzt endgültig Schluss?

"So, hier sind wir jetzt im Haus meiner kürzlich verstorbenen Großmutter. Das Haus soll im Familienbesitz bleiben, ich möchte hier mit der Familie einziehen. Des Haus wird aktuell von mir renoviert oder soll renoviert werden. Ein Haufen Arbeit und natürlich ein Haufen Geld, was wir da reinstecken müssen. Da passt das Thema Arbeitsplatzverlust natürlich wie die Faust aufs Auge dazu."

Werner Kragl, Betriebsratsvorsitzender Augsburg

Donnerstag Nachmittag. Seit heute früh tagt der Wirtschaftsausschuss des Betriebsrats. Die Unternehmensleitung gibt ihre Pläne bekannt. Jede Geschäftseinheit wird auseinandergenommen. Betriebsräte aus Hamburg, Augsburg, München, Düsseldorf – und der Gesamtbetriebsrat zeigen sich kämpferisch. Noch wollen sie keinen Standort verloren geben. Etwas später: Mitgliederversammlung der IG Metall. Der Betriebsrat hat uns das Filmmaterial zur Verfügung gestellt, da wir auf dem NSN-Gelände Drehverbot haben. Die nächsten Aktionen werden vorgestellt, jede Woche soll demonstriert werden. Auch ein offener Brief an die Kirchen und diverse Politiker soll helfen. Der Altersdurchschnitt  der NSN-Mitarbeiter liegt bei 48. Viele zweifeln, ob sie auf dem Arbeitsmarkt überhaupt noch Chancen haben.

Mitglieder IG Metall

 „Ich bin jetzt 57 Jahre alt, wenn ich halt zum Ende des Jahres gehe, dann sehe ich keine Chance mehr auf den  ersten Arbeitsmarkt und dich denke, es geht vielen meiner Kollegen so.“ / „Wenn man nicht weiß, was man den Kindern sagen soll. Irgendwann werden sie sagen, Pech gehabt, wir müssen jetzt wegziehen von den Freunden, weg von der Schule, ist nicht einfach.“

Donnerstag Mittag. Ende der Sitzung im Wirtschaftsausschuss. Die Mitglieder  sind skeptisch.

"Wenn man jetzt das Unternehmen verschlanken möchte, wenn man sich neu aufstellen will, ok, akzeptieren wir nicht, aber muss man halt so hinnehmen, aber das heißt doch noch lange nicht, dass man einen Standort komplett schließen muss und die Bereiche an andere Standorte verlagern. Dass das der Weißheit letzter Schluss ist, davon haben sie mich nicht überzeugt."

Horst Schön, Betriebsratsvorsitzender NSN München

Schön und Kragl gehen in eine ungewisse Zukunft. Bis Entscheidungen getroffen werden, können Monate vergehen. Bis dahin werden sie  kämpfen um ihre Standorte und deren Mitarbeiter.