Inklusion Streit um die Finanzierung
Das Ziel war klar formuliert, als sich im letzten Jahr der Bayerische Landtag einstimmig für die gemeinsame Regelschule von behinderten und nicht behinderten Kindern aussprach. Doch wie so oft scheitert es in der Praxis an den Kosten und die Betroffenen stehen allein da.
Werkstunde an der Montesori-Schule in Dinkelscherben. Die Schüler sollen ein Vogelhaus bauen. Anna braucht beim Sägen eine professionelle Schulbegleiterin. Denn die 13jährige Autistin ist mehrfachbehindert. Zum Sprechen benutzt sie dieses einfache Brett mit Buchstaben, die gestützte Kommunikation. Sie weiß genau was sie will: dass Behinderte und Nicht-Behinderte gemeinsam lernen.
Am Nachmittag lebt Anna zu Hause mit ihren drei Geschwistern. Ihre Mutter kümmert sich um sie. Zusätzlich hat Martina Buchschuster noch eine persönliche Assistentin für die Betreuung ihrer Tochter angestellt. Erst mit drei Jahren hat Anna Gehen gelernt.
„Bis zu ihrem dritten Lebensjahr hat sie keine Gegenstände in die Hand genommen, nichts berührt, hat mich nicht angeschaut, hat auch mich nicht berühren wollen. Hat immer nur dagelegen auf dem Boden und so mit den Armen gemacht. Wie war das für Sie? – Erschütternd.“
Bis vor neun Jahren war es noch unmöglich, dass Kinder wie Anna in die allgemeine Schule gehen. Martina Buchschuster hatte Angst, ihre Tochter könnte keinen Platz in der Gesellschaft finden. Sie begann zu kämpfen.
„Also da ist mein Gerechtigkeitswahn ausgebrochen Ich dachte, dass darf nicht sein, dass sie nicht das gleiche Recht hat, wie andere Kinder, in den Kindergarten vor Ort zu gehen und in die Schule vor Ort zu gehen.“
Heute haben sie ein Recht darauf. Denn die UN-Konvention schreibt die Inklusion, die Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben vor.
In der Montesori-Schule in Wertingen ist das schon lange Realität. Behinderte und Nichtbehinderte profitieren und gewinnen an Selbstbewusstsein. Benedikt ist 13 und sitzt wegen seiner Spastik im Rollstuhl. Heute geht es um die Berufswahl. Er bleibt gelassen.
„Ich mach mich da jetzt nicht verrückt, ich mach mein Ding und dann sehen wir weiter.“
Benedikt fühlt sich in seiner Schule wohl. Doch jetzt ist die Bezahlung des Schulwegs gefährdet. Bislang wurde von den Behörden alles übernommen. Jetzt bekommt die Privatschule nur noch eine Pauschale, die bei weitem nicht reicht.
"Wir haben Leute aus allen Schichten, da müssen manche schon anstrengen, um das Schulgeld zusammenzubringen, wenn das aufgrund solcher Sachen, die wir vom Konzept her wollen, wir wollen ja eine Schule für alle sein, ausgeschlossen ist, dass wir Kinder aufnehmen, die eine Gehbehinderung haben, da wird es schlichtweg lächerlich."
Erika Biberacher, Direktorin Montesorischule Wertingen
Zur Zeit streckt die Schule das Geld noch vor. Rund 13.000 Euro im Jahr. Nach dem neuen Schulfinanzierungsgesetz richtet sich der Betrag nach den öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch Benedikt braucht einen Spezialbus. Wurden Schwerbehinderte vom Freistaat Bayern schlichtweg vergessen?
"Der rechnerische Anteil der Schülerbeförderung je Schüler sind etwa 500 Euro, nun ist es sehr von den Verhältnissen des Schulträgers abhängig, ob er mit dieser Pauschale gut auskommt. Es gibt durchaus Schulträger, die damit gut wirtschaften können, und damit einen erhöhten Beförderungsaufwand für einen Behinderten leisten können. Es kann aber auch tatsächlich so sein, dass so etwas Schwierigkeiten macht."
Stefan Graf, Abteilungsleiter Bayerisches Kultusministerium
Und die Probleme haben die Eltern: 2 ½ Jahre lang mussten Markus und Jeanette Lohwasser darum kämpfen, dass die persönliche Assistentin in der Schule bezahlt wird. Sie reichten Verfassungsklage ein und bekamen Recht. Nun zittern.sie wieder. Ob Bennedikt zusammen mit seinen Geschwistern auf die selbe Schule gehen kann.
"Es ist kein schönes Gefühl, wenn man immer wieder um solche Dinge kämpfen muss, vor allem weils ums Geld geht, und wir als Familie das oft nicht stemmen können. Und ich eigentlich vorher gedacht habe solche Familien werden unterstützt."
Jeanette Lohwasser
Wieder einmal fühlen sie sich allein gelassen. Um für ihre Kinder zu kämpfen, haben sie sich mit anderen Betroffenen im Verein „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen.“ zusammengeschlossen. Die Vorsitzende, Rechtsanwältin Martina Buchschuster hat für ihren Einsatz das Bundesverdienstkreuz bekommen. Sie scheut auch vor einem Streik nicht zurück.
"Wir werden die Kinder zu Hause lassen und dann muss ja irgendjemand, die Kinder sind ja schulpflichtig. Der Staat hat eine Schulpflicht für unsere Kinder statuiert, aber er hat nicht dafür gesorgt, dass der Transport finanziert ist."
Martina Buchschuster, Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen
Die Verhandlungen mit den Behörden laufen. Auch für ihre Tochter muss Martina Buchschuster um Geld streiten. Wenn sie Anna in eine heilpädagogische Tagesstätte schicken würde, dann würden die Behörden alles zahlen. Auch den Transport.
“Wenn aber ich sage, ich möchte gerne, dass diese Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die Inklusion, in das ganz normale Leben zu ermöglichen, dann fließen die Mittel nicht.“
Die Reitstunden bezahlt Martina Buchschuster ohnehin selbst. Für die Bezahlung der persönliche Assistentin der Tochter muss sie weiter kämpfen. Es bleibt noch ein weiter Weg zur Inklusion. Die Rechtslage ist klar. Doch die Hürden sind für die Eltern und ihre behinderten Kinder immer noch hoch.

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