Franken Schweigeminute für Neonazi-Opfer
Mindestens zehn Menschen hat die Zwickauer Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" umgebracht - drei davon in Nürnberg. Mit einer Schweigeminute haben Stadt, Gewerkschaft und Betriebe der Opfer gedacht.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) organisierte am Mittag eine Gedenkveranstaltung auf der Nürnberger Straße der Menschenrechte, an der etwa 200 Menschen teilnahmen. Auch in vielen Firmen haben Menschen der Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gedenken. In Oberfranken beteiligten sich an der Schweigeminute unter anderem die Stadt Hof und die Handwerkskammer des Bezirks in Bayreuth. Auch Kommunen, Institutionen und Unternehmen in Unterfranken beteiligen sich an der deutschlandweiten Aktion.
"Wir stehen alle in der Pflicht, rechtsextremem Gedankengut entschieden entgegenzutreten."
Stephan Doll, Vorsitzender des DGB Mittelfranken
Zentrales Gedenken in Berlin
Mit der Aktion wollen die Initiatoren ein Zeichen gegen Fremdenhass, Rassismus und rechtsextremistische Gewalt setzen. Stattdessen solle die Vielfalt und Offenheit in Deutschland herausgestellt werden, so die IG Metall in Erlangen. Die zentrale Gedenkfeier fand am Gendarmenmarkt in Berlin statt. Dort sprachen neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch Angehörige der Opfer, darunter Semiya Simsek, die Tochter des ersten Ermordeten, der im Jahr 2000 in Nürnberg erschossen worden war.
Mordserie an Migranten
Die Neonazis der Zwickauer Terrorzelle konnten offenbar über Jahre hinweg zehn Menschen ermorden, darunter neun Einwanderer. Die erste Tat geschah am 9. September 2000 in Nürnberg: Enver Simsek wurde mit acht Schüssen regelrecht hingerichtet. Die Stadt wurde danach noch zwei Mal zum Tatort. Schauplätze waren zudem zweimal München und jeweils einmal Kassel, Dortmund, Hamburg und Rostock. Das letzte Mordopfer war eine junge Polizistin: Sie wurde im April 2007 in Heilbronn während des Streifendienstes getötet.
Die Mordserie an Migranten
Chronologie der Mordserie
09/2000
Nürnberg, 9. September 2000: Zwei Täter überraschen den Blumenhändler Enver S. vor seinem Stand in Nürnberg. Sie geben acht Schüsse aus zwei Pistolen ab und verletzen den Mann so schwer, dass er das Bewusstsein verliert. Zwei Tage später stirbt er im Krankenhaus.
06/2001
Nürnberg, 13. Juni 2001: Der Besitzer einer Änderungsschneiderei, Abdurrahim Ö., wird in seinem Laden mit zwei Schüssen in den Kopf getötet.
06/2001
Hamburg, 27. Juni 2001: In Hamburg-Bahrenfeld wird der 31-jährige Süleyman T. in seinem Obst- und Gemüseladen mit drei Schüssen getötet.
08/2001
München, 29. August 2001: Der Obst- und Gemüsehändler Habil K. wird im Laden seiner Frau mit drei Schüssen in den Kopf getötet.
2004
Rostock, 25. Februar 2004: Yunus T. hält sich illegal in Deutschland auf. An einem Dönerstand wird er mit drei Schüssen in den Kopf getötet.
06/2005
Nürnberg, 9. Juni 2005: Der Dönerbudenbesitzer Ismail Y. wird mit fünf Schüssen in Kopf und Herz getötet.
06/2005
München, 15. Juni 2005: Theodorus B. ist Teilhaber eines Schlüsseldienstes. Er wird vor seinem Laden ermordet. Drei Schüsse treffen ihn in den Kopf.
04/2006
Dortmund, 4. April 2006: Der Kioskbesitzer Mehmet K. wird vor seinem Geschäft mit mehreren Kopfschüssen getötet.
04/2006
Kassel, 6. April 2006: Halit Y. besitzt ein Internetcafé. Er stirbt durch zwei Kopfschüsse.
Ersten Verdacht nicht verfolgt
Die Täter benutzten immer dieselbe Waffe, eine tschechische Ceska 83, Kaliber 7.65 - ein nicht sonderlich verbreitetes Modell. Die ersten Opfer waren alle männliche Kleingewerbetreibende, die an ihrem Arbeitsplatz erschossen wurden. Obwohl alle Morde am helllichten Tag begangen wurden, gab es bis auf eine Ausnahme keine Zeugen. Am Höhepunkt der Fahndungstätigkeit waren 160 Polizisten mit dem Fall beschäftigt. Sie ermittelten in sieben Sonderkommissionen in fünf Bundesländern. Ein sogenannter Profiler vermutete bereits im Jahr 2006 einen rechtsradikalen Hintergrund. Der Ansatz des Münchner Polizisten wurde aber nicht weiter verfolgt.

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