Wölfe in Bayern Bekommen sie ihre Chance?
Er ist eigentlich ein bayerischer Ureinwohner, doch 1882 wurde der letzte Wolf in Bayern geschossen. Seither ist der Freistaat wolfsfrei. Welche Folgen hätte es, wenn sich die Raubtiere hierzulande wieder ansiedeln und ist die Angst vor Wölfen berechtigt?
Ein Film von David Feuerstein
Momentan gibt es noch keine frei lebenden Wölfe in Bayern. Ihre Ansiedelung ist aber nur eine Frage der Zeit, denn in fünf deutschen Bundesländern haben sich die Raubtiere schon niedergelassen. Sobald die Wölfe geschlechtsreif werden, gehen sie auf Wanderschaft und suchen sich ein eigenes Revier. In Europa dürfen sie sich seit knapp 30 Jahren wieder frei bewegen, denn sie stehen unter Artenschutz.
Angst vor dem "bösen Wolf"
Fakten der Woche
Die Bayern haben also keine Wahl, ob sie Wölfe wollen oder nicht. Sie werden einfach kommen und dann heißt es ein konfliktarmes Miteinander zu schaffen. Regeln sollen das die Wolfsbeauftragten in den Bundesländern mithilfe von Wildtiermanagementplänen. Während sie in der Lausitz in Sachsen schon alle Hände voll zu tun haben, ist es in Bayern noch ruhig. Doch auch hierzulande wächst die Angst vor dem Raubtier und es gilt, Aufklärungsarbeit zu leisten, zum Beispiel: Sind die Wölfe für Menschen gefährlich?
"Menschen gehören nicht zu den Beutetieren des Wolfes. Menschen sind etwas ganz anderes, zu denen hat der Wolf keine Beziehung. Das ist auch der einzige Punkt, an dem es dann wirklich brenzlig werden könnte: wenn Wölfe eine Beziehung zum Menschen aufbauen, zum Beispiel wenn sie angefüttert werden. Ansonsten interessieren sich Wölfe nicht für Menschen."
Ilka Reinhardt, Biologin und Wolf-Forscherin
Wölfe sind scheue Tiere. Trotzdem tauchen sie immer wieder am Rand von Dörfern auf. Sollte man einem Wolf dabei - oder in freier Wildbahn - begegnen, wird er wahrscheinlich flüchten. Tut er das nicht, rät Biologin Ilka Reinhardt zur Einschüchterungstaktik:
"Sich groß machen, laut sein und in die Hände klatschen. Man kann auch Stöcke oder Steine hinterherwerfen. Auf keinen Fall wegrennen - so wie man das auch bei Hunden nicht machen sollte - sondern stehen bleiben, sich groß machen und versuchen dem Wolf Angst einzujagen."
Ilka Reinhardt, Biologin und Wolf-Forscherin
"So ein Massaker"
Walter Neumann weiß, was es heißt, Wölfe als Nachbarn zu haben. Der Schäfer aus der Lausitz hat durch Wölfe 33 seiner Schafe verloren. Neumann spricht von einem Massaker, das man miterlebt haben müsse. Als Schutzmaßnahme vor solchen Übergriffen hat der Schäfer jetzt hohe Stromzäune aufgestellt. Außerdem hat er sich zusätzlich Herdenschutzhunde angeschafft. Die lenken eine Herde nicht wie klassische Hütehunde, sondern verteidigen sie im Notfall gegen Angreifer. Walter Neumann hat mit den Hunden gute Erfahrungen gemacht. Außerdem sollen Landwirte, die Nutztiere durch Wölfe verloren haben, finanziell vom Staat unterstützt werden. Über Art und Umfang dieser Unterstützungen wird jedoch immer wieder heftig debattiert.
Partner statt Konkurrenten
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Seit es keine Wölfe mehr in Bayern gibt, haben Jäger ihre Funktion im Ökosystem übernommen: Sie halten Wald und Wild im Gleichgewicht, indem sie Wild schießen und den Bestand gesund halten. Wie viel und welches Wild geschossen wird, gibt ein Abschussplan vor. Der Wildbiologe und ehemalige Jäger Ulrich Wotschikowsky spricht dabei von "Kür und Pflicht": "Pflicht ist die Erfüllung des Abschussplans, das heißt genügend Wild zu erlegen. Kür ist das Vergnügen am Beutemachen."
Bei der Auslese kranker Tiere sind Wölfe effizienter als Jäger: Wölfe finden kranke Tiere, auch wenn sie sich verstecken. Kämen Wölfe nach Bayern, könnten sie sich - in der Theorie - gut mit Jägern ergänzen: Wölfe könnten einen Teil des Abschussplanes übernehmen und damit Jägern bei ihrer "Pflicht" helfen. Die "Kür", also das Vergnügen am Beutemachen, bliebe den Jägern erhalten. Die Praxis sieht jedoch anders aus:
"Bei den Jägern müsste sich sehr viel ändern. Es fehlt den Jägern heutzutage weitgehend am ökologischen Verständnis und an Toleranz. Es fehlt ihnen an Toleranz gegenüber Tierarten, die ihnen die Beute ein bisschen streitig machen. Wenn wir es nicht zur Toleranz bringen und zur Einsicht in diese Zusammenhänge, dann hat der Wolf bei uns schlechte Chancen."
Ulrich Wotschikowsky, Wildbiologe und ehemaliger Jäger
Die Ansiedelung von Wildtieren wird sicher nie auf bedingungslose Zustimmung in der Bevölkerung stoßen, würde aber ein Stück Ökosystem wiederherstellen, das in den vergangenen Jahrhunderten verloren gegangen ist:
"Ich glaube nicht, dass es realistisch ist, dass irgendwann einmal jeder gut findet, dass Wölfe hier sind. Das ist auch nicht das Ziel. Das Ziel ist, dass es irgendwann ein Stück Normalität wird, dass man den Wolf gar nicht mehr als etwas so Außergewöhnliches betrachtet, sondern einfach als ein Teil der heimischen Tierwelt."
Jana Schellenberg, Kontaktbüro 'Wolfsregion Lausitz'
Link-Tipps
Mehr Informationen zum Thema finden Sie hier:
- Rückkehr von Wildtieren - Was tun als Nutztierhalter (Pdf) [lfl.bayern.de]
- Managementplan - Wölfe in Bayern (Pdf) [lcie.org]
- Bayern wild - Wildtiere und Natur in Bayern (Pdf) [glus.org]
- Keine Angst vorm "bösen Wolf" - Fressverhalten von Wölfen [senckenberg.de]
- Wie Herdenschutzhunde erzogen werden [herdenschutzzentrum.ch]
Wölfe in Sachsen
Informationen über Wölfe in der Lausitz finden Sie hier:

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