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In die Tonne statt auf den Teller Was tun gegen Lebensmittelverschwendung?

Vom Feld direkt auf den Misthaufen, vom Supermarktregal in den Müll: Das ist der Weg vieler Lebensmittel. Elf Millionen Tonnen werden jährlich allein in Deutschland weggeworfen. Wer ist eigentlich der größte Verschwender in der Lieferkette?

Stand: 06.06.2012

Ein Film von Arno Trümper

Eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist, denn Lebensmittel gehen durch viele Hände. Nehmen wir Salat oder Obst: Sie werden angebaut und geerntet, transportiert und gelagert, verpackt und ausgeliefert bis sie im Supermarkt und dann bei uns im Einkaufskorb landen. Beteiligt an dieser Produktions- und Lieferkette sind Landwirte, Logistik-Unternehmen, die Lebensmittelindustrie, der Einzelhandel und wir Verbraucher.

Eine verschwiegene Gemeinde

Supermärkte lassen sich nicht gerne in die Mülltonnen gucken.

Wer in dieser Kette wie viel Lebensmittel wegwirft, das wollte auch Gerold Hafner wissen. Der Ingenieur von der Universität Stuttgart arbeitet am Lehrstuhl für Abfallwirtschaft und Abluft, sein Spezialgebiet ist "Ressourcenmanagement und Industrielle Kreislaufwirtschaft". Der Wissenschaftler machte sich zu den Orten auf, an denen Lebensmittel verschwendet werden. Eine Sisyphusarbeit, denn die Lieferkette ist lang und die Mauer des Schweigens bei Supermärkten, Transportfirmen und Abfallverwertern schier undurchdringbar.

Erst in Frankreich fand Hafner Unterstützung - bei einem Supermarktbetreiber: Thomas Pocher hat sich entschlossen, die Verschwendung zu dokumentieren, weil er sich ärgert, dass er intakte Äpfel wegschmeißen muss, nur weil die Verpackung beschädigt ist. Kundenwünsche und Vorschriften ließen ihm aber keine andere Wahl, sagt Pocher. Doch die Daten des französischen Einzelhändlers allein reichen nicht aus, um sich ein Bild vom Handel mit Lebensmitteln - und von ihrer Verschwendung - zu machen. Mit Material aus den USA, Schweden und Großbritannien sowie spärlichen Informationen aus Deutschland untersucht Hafner, wer der größte Lebensmittelverschwender in Deutschland ist.

Normierungsdruck und lange Lieferketten

Bei Salat ist der Normierungsdruck besonders hoch.

In der Landwirtschaft trifft Hafner auf rigorose Anforderungen, wie Obst und Gemüse für den Handel auszusehen hat. Dazu wird unverkäufliche Ware gar nicht erst geerntet, sondern gleich wieder untergepflügt. Bei Salat ist die Bilanz extrem: Geschätzt bleiben rund 30 Prozent der Ware auf dem Acker.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Verena Brenner hat eine Studie für einen großen Lebensmittelspediteur erstellt und herausgefunden, dass in einer längeren Lieferkette, besonders die Schnittstellen problematisch sind: "An jeder Schnittstelle kann es prinzipiell zu Verlusten kommen. Deswegen ist eine kürzere Kette, in der die Ware in einer Transportkette verbleibt, am besten geeignet, um die Qualität der Ware zu erhalten." Auf langen Lieferwegen besteht zum Beispiel das Risiko, dass das Kühlsystem ausfällt und die Ware verdirbt.

Wenn nur die Augen einkaufen

Verbraucher haben einen großen Anteil an der Lebensmittelverschwendung.

Im Einzelhandel werden Lebensmittel häufig aus optischen Gründen aussortiert: etwa ein paar welke Blätter am Salat, eine beschädigte Packung bei Obst, eine Banane, die nicht der Norm entspricht. In Kantinen landet meist Buffet-Ware im Müll - und was von den Kunden nicht aufgegessen wird. Welche Rolle wir Verbraucher bei der Lebensmittelverschwendung spielen, hat der Soziologe Jörg Rosenbauer untersucht und kommt zu dem Ergebnis:

"Eine Erkenntnis war, dass viele Kunden Nahrungsmittel kaufen, die sie im Laden ansprechen, für die sie im Alltag aber keine Verwendung haben. Viele Menschen haben auch verlernt, die Frische selbst zu beurteilen - und verlassen sich ganz auf das Mindesthaltbarkeitsdatum, das tatsächlich nichts darüber aussagt, ob man etwas noch essen kann."

Jörg Rosenbauer, Soziologe

Die Liste der Verschwender

Klicken: So müsste sie aussehen, die geschätzte und ungeschönte Grafik der Lebensmittelverschwender.

Experten schätzen, dass sich die Lebensmittelverschwendung folgendermaßen verteilt: Etwa 15 Prozent des Lebensmittelmülls verursacht die Landwirtschaft (in der Grafik grün). Ebenso hoch ist der Anteil der Logistikbranche an der Lebensmittelverschwendung (grau). Dabei fallen leichtverderbliche Lebensmittel, die über lange Strecken transportiert werden, stärker ins Gewicht als zum Beispiel Getreide, das haltbarer ist. Die Lebensmittelindustrie (blau) schlägt mit etwa zehn Prozent zu Buche.

Der Anteil des Einzelhandels (in der Grafik braun) an der gesamten Müllmenge beträgt etwa zehn Prozent - allerdings nur der direkte, denn der Handel wirft nicht weg, er lässt wegwerfen: In der Landwirtschaft und in der Logistik, wenn er sehr lange Transportwege in Kauf nimmt. Seine Kunden bringt er zum Wegzuwerfen durch Großpackungen und immer kürzere Mindesthaltbarkeitsdaten. Der zweite große Lebensmittelverschwender sind wir Verbraucher (gelb): Wir sorgen für etwa 50 Prozent der Lebensmittelabfälle.

Wie man weniger Essen verschwendet

Einkaufen

Kaufen Sie mit Einkaufszettel ein. Untersuchungen zeigen, dass Kunden mit Einkaufszettel weniger einkaufen, gesünder essen und weniger wegwerfen. Wenn Sie mehrere Tage hintereinander kochen, überlegen Sie sich Menü-Variationen, durch die Sie jeweils Reste vom Vortag weiterverwenden - statt täglich neue zu produzieren. Wechselnde Beilagen verhindern Langeweile beim Essen. Der Kochbuchhandel hat sich zudem darauf eingestellt, dass moderne Menschen wenig Zeit zum Kochen haben. Suchen Sie sich für den Alltag ein einfaches Kochbuch aus.

Regional

Kaufen Sie möglichst regionale Produkte, denn rund 15 Prozent der Lebensmittel verderben beim Transport - das gilt vor allem für Südfrüchte. Wer regionale Ware kauft, trägt gleichzeitig auch zum Umweltschutz bei.

Schälen

Reduzieren Sie Kochabfälle. Eine geschabte Karotte schmeckt genauso gut wie eine dick geschälte. Oder genießen Sie Kartoffeln, Äpfel und Karotten auch mal ungeschält, denn direkt unter der Schale vieler Gemüsesorten sitzt meist eine nahrhafte Schicht aus Mineralstoffen und Spurenelementen. Waschen nicht vergessen.

Haltbarkeit

Das Mindesthaltbarkeitsdatum sagt bei vielen Lebensmitteln nichts aus. Verlassen Sie sich auf Ihre Sinne, ob etwas noch gut schmeckt, riecht oder aussieht. Das gilt allerdings nicht für abgelaufenes Fleisch und schimmeliges Brot! Die müssen weg.

Kantinen

Kantinen arbeiten meist systemoptimiert, damit möglichst wenig Abfälle anfallen - denn die kosten! Helfen Sie mit, indem Sie sich nur so viel auf den Teller laden, wie Sie auch essen können. Kritisieren Sie Kantinen nicht dafür, dass sie Reste verwerten - und damit Lebensmittelverschwendung vermeiden. Das gilt allerdings nur für Kantinen, die hygienisch arbeiten!

TV-Tipp: "Taste the Waste" (WDR)

Warum schmeißen wir unser Essen auf den Müll? Deutsche Haushalte werfen jährlich Lebensmittel für 20 Milliarden Euro weg - so viel wie der Jahresumsatz von Aldi in Deutschland. Das Essen das wir in Europa wegwerfen, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. Valentin Thurn hat den Umgang mit Lebensmitteln international recherchiert und kommt zu haarsträubenden Ergebnissen. Jeder zweite Kopfsalat wird aussortiert, jedes fünfte Brot muss ungekauft entsorgt werden. Kartoffeln, die der offiziellen Norm nicht entsprechen, bleiben auf dem Feld liegen und kleine Schönheitsfehler entscheiden über ein Schicksal als Ladenhüter. In den Abfall-Containern der Supermärkte findet man überwältigende Mengen einwandfreier Nahrungsmittel, original verpackt, mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. Auf der Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen deckt er ein weltweites System auf, an dem sich alle beteiligen.

Die Folgen reichen weit, denn die Auswirkungen auf das Weltklima sind verheerend. Die Landwirtschaft verschlingt riesige Mengen an Energie, Wasser, Dünger und Pestiziden, Regenwald wird für Weideflächen gerodet. Mehr als ein Drittel der Treibhausgase entsteht durch die Landwirtschaft. Nicht unbedeutend sind auch die Berge verrottender organischer Stoffe, denn das entstehende Methangas wirkt sich auf die Erderwärmung 25 Mal so stark aus wie Kohlendioxid.

TASTE THE WASTE zeigt dass ein weltweites Umdenken stattfindet und dass es Menschen gibt, die mit Ideenreichtum und Engagement diesem Irrsinn entgegen treten. Kleine Schritte, die eine große Chance bedeuten.


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