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Wenn Kälte Leben rettet Die Kraft der kühlen Temperaturen

Was Verunglückten das Leben kosten kann, kann Schmerzpatienten heilen: Kälte. Gezielt eingesetzt, hilft dieser Reiz dem Körper sich zu regenerieren - sogar bei einem Schlaganfall.

Stand: 16.02.2012
Mann bricht ins Eis ein - Filmszene | Bild: Bayerischer Rundfunk

Ein Film von Herbert Hackl

Zuerst verengen sich die Blutgefäße, dann kühlen lebenswichtige Organe aus. Der Körper beginnt zu zittern, um sich zu wärmen. Sinkt die Körpertemperatur auf 32 Grad, versteift er zuerst und löscht dann das Bewusstsein. Unterkühlung kann für Verunglückte tödlich sein.

Doch Kälte kann auch heilen. Zum Beispiel bei Schmerzen des Bewegungsapparates. In diesen Bereichen zeigte die Kälte-Therapie bereits positive Effekte:

Kälte hilft, aber wann?

Sport

Sportler in der Kältekammer | Bild: picture-alliance/dpa

Sportwissenschaftler stießen bei Tests mit Kälte-Westen und in Kältekammern auf unerwartete Ergebnisse: Athleten werden nicht leistungsfähiger, wenn sie sich aufwärmen. Im Gegenteil: Ihre Ausdauer und Kraft nimmt zu, wenn sie gekühlt werden. Das liegt daran, dass im aufgewärmten Körper mehr Blut durch die Haut fließt, das dann in den Muskeln fehlt. So macht ein Saunagang nach dem Sport den Körper durch den Wärmereiz müde und wirkt damit wie eine weitere Trainingsstunde.

Gekühlt steht den Muskeln dagegen ausreichend Blut zur Verfügung und das Herz schlägt im Schnitt langsamer. Das macht den Körper leistungsfähiger. Amateure konnten in Tests ihre Leistung gekühlt um etwa zwölf Prozent steigern, Leistungssportler um bis zu zwei Prozent. Zu Verletzungen kam es durch die Kühlung bei den Sportlern nicht.

Schmerzen

Die Kälte-Therapie gegen Schmerzen - meist bei rheumatischen Erkrankungen - kommt aus Japan. Anfangs wurde diese Behandlungsmethode belächelt, die Patienten hatten Angst davor. Doch heute - mehr als zwanzig Jahre später - ist es gerade die Kälte-Therapie, die Rheuma-Patienten praktizieren wollen: Ihre heilsame Wirkung hat sich herumgesprochen. Bei der Ganzkörper-Kältetherapie werden Patienten zunächst in eine Kammer mit minus zehn Grad geschickt, dann in eine Kammer mit minus 110 Grad. Drei Minuten müssen Patienten hier ausharren, bevor sie den Eisschrank wieder verlassen dürfen.

Kälte hilft gegen Schmerzen, weil sie die Schmerzübertragung ins Gehirn blockiert. Das ist möglich, da Schmerzen über "langsame Nervenfasern" ins Rückenmark und ins Gehirn übertragen werden. Kältereize dagegen werden über "schnelle Nervenfasern" weitergeleitet - und blockieren im Wettlauf die "langsameren" Schmerzreize. Bald soll es eine neue Studie zur Ganzkörper-Kältetherapie geben - erstmals ist daran auch eine deutsche Universität beteiligt.

Schlaganfall 1

Kälte-Versuch mit narkotisierter Ratte | Bild: BR

Der Schlaganfall ist die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. 20 Prozent der Patienten sterben in den ersten vier Wochen, so das Universitätsklinikum Erlangen. Ein Viertel der Überlebenden ist nach einem Schlaganfall pflegebedürftig, die Hälfte bleibt arbeitsunfähig. Ein Medikament, das diese Folgen verhindern könnte, gibt es bislang nicht. Ein Schlaganfall hat deshalb so gravierende Folgen, weil einerseits ein kleiner Bereich des Gehirns durch ein geplatztes Gefäß oder durch gestautes Blut in einer Arterie abstirbt (Infarktkern). Andererseits wird eine für das Gehirn schädliche Kettenreaktion in Gang gesetzt, die zusätzlich weiteres Gewebe unwiederbringlich schädigt (sekundäre Zone).

Versuche mit narkotisierten Ratten haben gezeigt, dass die Folgen eines Schlaganfalls durch die Hypothermie, die Kälte-Therapie, eingedämmt werden konnten: Die unterkühlten Ratten zeigten deutlich weniger geschädigte Nervenzellen als die nicht gekühlten Tiere.

Schlaganfall 2

Hypothermie: Patientin mit Hirnblutung | Bild: BR

Auch bei der schwersten Form des Schlaganfalls zeigte die Hypothermie schon Erfolge: bei der geplatzten Arterie im Gehirn. Die Prognosen sind bei dieser Erkrankung besonders schlecht, da das schnell austretende Blut einen immensen Druck im Gehirn erzeugt und dadurch das gesamt Organ bedroht. An der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen konnte mit der Kälte-Therapie die Zahl der Behinderungen nach dieser Art von Schlaganfall vermindert und die Zahl der Überlebenden erhöht werden. Demnächst soll es eine europäische Studie mit 1.500 Schlaganfall-Patienten geben.

Abhärtung

Eiszapfen | Bild: picture-alliance/dpa

Winfried Papenfuß, ehemaliger Chefarzt einer Reha-Klinik, baute eine der ersten Kältekammern in Deutschland. Der Mediziner schwört aber nicht nur auf die Ganzkörper-Therapie in der Kältekammer, sondern auch auf das Eisbaden: Seit er im Winter täglich im eiskalten See baden geht, hat er nach eigenen Angaben keine Erkältung mehr gehabt.

Problem erkannt, aber nicht gebannt Auch wenn die Kälte-Therapie hierzulande schon erfolgreich bei Schmerzen und Schlaganfällen eingesetzt wurde, fehlen noch Beweise. Die könnten Studien bringen, doch sie sind für physikalische Medizin und Naturheilverfahren schwer durchzusetzen:

"Das ist ein Problem in der Medizin: Es ist bekannt, dass man für alle medikamentösen wissenschaftlichen Fragestellungen sehr leicht Fördermöglichkeiten hat, weil sich daraus patentierbare Produkte ergeben. Im Bereich der physikalischen Medizin, der gesamten Naturheilverfahren, ist das leider nicht so. Da ist es sehr viel schwieriger Forschungsförderung zu bekommen. Man muss dann andere Wege finden - und ich bin mir ganz sicher: Wir werden keine großen Studien haben, aber erste kleine Studien werden wir auf den Weg bringen."

Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, Immanuel Krankenhaus Berlin-Wannsee


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