Impfen oder schimpfen Ein lebensgefährlicher Streit
Zwölf Impfungen in den ersten zwei Jahren empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) für Säuglinge. Das bringt viele Eltern in Gewissenskonflikte: Schützen oder schaden so viele Impfungen ihrem Nachwuchs?
Ein Film von Christiane Streckfuß
Fakten der Woche
In Deutschland gibt es keine Impfpflicht. Eltern entscheiden, welche Impfungen ihr Kind erhält. Meist beraten sie sich darüber mit einem Kinderarzt. Ärzte in Deutschland sind dazu verpflichtet, sich an den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu orientieren. Die STIKO wertet Daten weltweit aus, um einzuschätzen, wie gefährlich ein Erreger ist und welche Auswirkung eine Impfung auf die Bevölkerung haben könnte.
STIKO in der Kritik
Laut Bundesgerichtshof sind die Empfehlungen der STIKO mehr als nur eine Orientierungshilfe: Durch den Verweis auf die wichtigsten Impfungen sollen sie Eltern die Entscheidung erleichtern, welche Impfungen diese bei ihren Kindern vornehmen lassen - und zwar entsprechend des aktuellen medizinischen Wissensstandes.
Doch genau diesen Wissensstand monieren Impf-Kritiker: Sie bezeichnen die Grundlagen für die Entscheidungen der STIKO als nicht transparent, an den Studien nähmen zu wenig Testpersonen teil und die Studien würden nicht von unabhängigen Stellen durchgeführt und finanziert. Wie stehen eigentlich Impf-Experten zum Thema Impfen?
Vier Experten-Meinungen zu Impfungen
Paul-Ehrlich-Institut
Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes, Langen:
"Nach unseren Informationen haben Impfstoffe, wenn überhaupt, dann vorübergehend Nebenwirkungen, die einfacher Natur sind. In sehr seltenen Fällen werden in zeitlichen Zusammenhängen Fälle mit schwereren Nebenwirkungen gesehen. Häufig kann eine Ursache durch den Impfstoff wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden."
Gutachter
Dr. med. Klaus Hartmann, Gutachter für Impfschadensverfahren, Wiesbaden und zehn Jahre am Paul-Ehrlich-Institut zuständig für Arzneimittelsicherheit:
"Diese [Impf-]Studien sind eigentlich nicht dazu geeignet, wirklich die Sicherheit eines Impfstoffes endgültig beurteilen zu können. Sie sind immer zu klein. Nehmen 10.000 Menschen an dieser Studie teil, ist das schon ein großes Zulassungsprojekt. Die meisten Impfstoffe können nicht einmal so viele Leute in den Zulassungsstudien aufweisen. Seltene Nebenwirkungen mit einer Frequenz von 1:15.000 Impfungen oder 1:20.000 Impfungen können Sie mit so einem Studiendesign gar nicht erfassen, die treten einfach zu selten auf."
Kinderarzt 1
Dr. med. Bernd Simon, Kinder- und Jugendarzt, München:
"Wir wissen, dass das Immunsystem eines Neugeborenen absolut intakt ist und schon wunderbar funktioniert - nur ist es bis zur Geburt ohne eigene Erfahrungen. Die muss das Immunsystem des Babys nach und nach im Kontakt mit Krankheitskeimen machen. Oder was wir eleganterweise machen, wie wir finden, durch das Impfen. So haben Babys Kontakt mit potentiellen Krankheitskeimen, die aber keine echte, schwere Krankheit auslösen."
Kinderarzt 2
Dr. med. Peter Thilemann, Kinder- und Jugendarzt, München:
"Ein früher Impfzeitpunkt scheint die Einstellung des Gleichgewichts zwischen 'sich wehren gegen Fremdeinflüsse' und 'Tolerieren dieser Fremdeinflüsse', beziehungsweise sich selbst tolerieren als eigenständiger Mensch im Sinne von Autoimmunerkrankungen - diese Gleichgewichtseinstellung scheint ein bisschen schwieriger zu sein, für Kinder, die sehr früh geimpft werden und das kann sich auswirken im späteren Leben. Es gibt Studien, die zeigen, dass Schüler, die sehr früh geimpft worden sind, ein etwas höheres Risiko haben, allergische Erkrankungen und Asthma zu entwickeln - und umgekehrt werden auch Autoimmunerkrankungen in den letzten 30 Jahren zunehmend häufiger."
Mehr unabhängige Studien
Kritiker und auch viele Wissenschaftler fordern mehr unabhängige Studien, damit sich die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen von Impfungen besser einschätzen lassen. Finanziert werden könnten diese Studien durch einen Fond, in den Pharmahersteller einzahlten, auf den sie aber keinen Zugriff hätten, sagt Jan Leidel, Vorsitzender der STIKO. "Mit diesem Geld könnten unabhängige Institutionen die notwendigen Studien durchführen."
Derzeit werden Studien zur Zulassung eines Impfstoffes aber meist von Pharmakonzernen in Auftrag gegeben. Geprüft werden sie vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei Frankfurt. Das Institut untersucht zudem die Nebenwirkungen von Impfungen. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Institut, Prof. Klaus Cichutek, sagt, "dass Impfstoffe nur in sehr seltenen Fällen in Zusammenhang mit schwereren Nebenwirkungen gesehen werden."
Nebenwirkungen: Möglich, aber selten
Selbst Experten bestreiten also nicht, dass Nebenwirkungen bei Impfungen möglich sind - wenn auch extrem selten. Eltern bleibt bislang daher nichts anderes übrig, als sich möglichst eingehend über den aktuellen Impf-Forschungsstand zu informieren - oder von einem Kinderarzt ihres Vertrauens informieren zu lassen.
Kinderkrankheiten mit Folgen
Insgesamt kann man aber sagen, dass der Nutzen von Impfungen deutlich größer ist als ihr Schaden. Denn Kinderkrankheiten können schwere Nebenwirkungen haben, Folgekrankheiten auslösen oder zum Tode führen. Ein paar Beispiele: An einer Diphterieerkrankung stirbt jeder Zehnte. An einer Diphterie-Impfung weniger als einer von einer Million. Bei einer Tetanus-Erkrankung treten bei jedem Hundertsten schwere bleibende Schäden - oder Todesfälle - auf, bei einer Tetanus-Impfung dagegen weniger als bei einem von einer Million.
Auch Masern werden häufig unterschätzt: An dieser Erkrankung sterben zwei von zehntausend Erkrankten, an einer Masern-Impfung weniger als einer von einer Million. Auch wenn man eine Masern-Infektion gut überstanden hat, können die Folgen manchmal tödlich sein: Diese Kinderkrankheit kann als Spätfolgen SSPE - subakute sklerotisierende Panezephalitis - auslösen. Eine Erkrankung, die immer zum Tode führt.
Hintergrund: Was bewirkt eine Impfung im Körper?
Bei einer Impfung werden Teile eines Erregers in den Körper gespritzt, die im Innern eine Virusattacke simulieren sollen. Die Abwehrzellen lassen sich täuschen und kurbeln die Produktion der Antikörper an - auch ohne reale Gefahr. Die Antikörper zirkulieren nach der Impfung im Blut und sind sofort einsatzbereit, wenn wirklich Viren angreifen. Das bereits trainierte Immunsystem kann damit viel schneller auf Krankheitserreger reagieren, als es das bei einer realen Infektion könnte.
Link-Tipps
Informationen über Impfungen finden Sie bei der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und auf diesen Internetseiten:

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