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Klimawandel in der Arktis Hat der Eisbär noch eine Chance?

Für den Eisbären wird es eng: 2011 ist sein Lebensraum, das Packeis der Arktis, auf ein Rekordtief geschmolzen. Zwar gelten die Tiere als stark, intelligent und anpassungsfähig, doch können sie sich schnell genug an die neuen Lebensbedingungen anpassen?

Stand: 25.01.2012

Ein Film von Kai Schubert, Bearbeitung Peter Allgaier

Eisbären sind perfekt an ein Leben im Eis angepasst: Sie haben eine zehn Zentimeter dicke Fettschicht, die sie warm hält. Ihr Fell und ihr Körperbau sind darauf spezialisiert, Wärme optimal zu speichern. Doch gerade Wärme könnte ihnen bald zum Verhängnis werden: Durch den Klimawandel taut das Eis am Nordpol rasant. Die Geschwindigkeit erschreckt selbst Wissenschaftler:

"Ich sehe ganz klar Veränderungen - und zwar in der Form, dass das Eis dünner geworden ist. Es ist weniger da, es geht früher und es kommt später. Dramatisch finde ich auch, dass der Permafrostboden langsam auftaut. Die Zeit, in der das alles passiert - diese Geschwindigkeit - ist beängstigend. Nicht, dass es überhaupt passiert - das hat es sicherlich schon viele Male gegeben in der Erdgeschichte -, aber diese Dramatik in der kurzen Zeit!"

Falk Mahnke, Expeditionsleiter

Endzeit für Eisbären?

Bildergalerie

Eis in der Arktis | Bild: BR zur Bildergalerie Eisfreie Sommer Klimawandel in der Arktis

Ein Ökosystem in Gefahr: Abschmelzende Eisberge, auftauender Permafrostboden und vom Aussterben bedrohte Arten. [mehr]

Auch Satelliten-Aufnahmen zeigen, wie kritisch die Lage ist: In den vergangenen Sommern schrumpfte die Arktis deutlich mehr als zuvor - um rund drei Millionen Quadratkilometer. Das lässt sich auch an der Durchschnittstemperatur der vergangenen 30 Jahren ablesen: Sie hat sich um ein Grad erhöht, sagt Geograph Rolf Stange. Droht den Eisbären das Aussterben? Wie könnte das gefährlichste Raubtier der Welt den Folgen des Klimawandes trotzen?

Was wäre wenn - Auswege für den Eisbären

Neue Nahrungsquellen

Walross | Bild: picture-alliance/dpa

Nicht nur der Eisbär muss um seinen Lebensraum fürchten, sondern auch die Robbe. Verschwindet die Robbe, verschwindet aber auch eine wichtige Nahrungsquelle des Eisbären. Und Nahrung braucht dieses mächtige Raubtier in rauen Mengen: Ein ausgewachsener Eisbär frisst rund sieben bis acht Kilogramm Nahrung pro Tag und etwa 70-80 Robben im Jahr. Um seinen Energie-Bedarf zu decken, muss der Eisbär protein- und fettreiche Nahrung fressen. Pflanzen alleine reichen ihm nicht. Diese benötigt er nur für die Verdauung.

Neben den Robben könnten Eisbären noch einen anderen Arktis-Bewohner jagen: das Walross. Doch um diese Tiere zu erbeuten, müssten die einzeln jagenden Eisbären sich in Gruppen zusammenschließen - und sich so gegen die mächtigen Stoßzähnen der männlichen Walrösser wehren. Im Wasser hat der Eisbär gegen das Walross allerdings keine Chance: Walrösser sind exzellente Taucher und können bis zu einer halben Stunde die Luft anhalten. Würden Eisbären in die Tundra übersiedeln, gäbe es dort zwar Rentiere und Vogelarten, doch beide bereiten dem Eisbär Probleme: Rentiere sind ihm zu schnell und von Vogeleier alleine können die Raubtiere nicht leben - und würden zudem auf ihrem Raubzug ganze Brutkolonien zerstören.

Kreuzung

Braunbären | Bild: picture-alliance/dpa

Denkbar wäre es auch, dass sich Eisbären in den Norden Kanadas vorarbeiten und dort in das Revier der Braunbären eindringen. Schon jetzt gibt es vereinzelte Paarungen zwischen den Bärenarten, bei denen sogenannte Hybridbären entstehen. Sie sehen aus wie Braunbären, haben aber ein helles Fell. Mit den neuen Genen könnten Eisbären neue Fähigkeiten erwerben, zum Beispiel Pflanzen-Nahrung besser zu verwerten und Lachse zu fangen.

Doch es ist eher unwahrscheinlich, dass eigene Hybridbär-Populationen entstehen: Die beiden Bärenarten meiden normalerweise Begegnungen. Wahrscheinlicher ist, dass Braunbären ihr Territorium vergrößern und nach Norden ausweiten.

Umsiedlung

Pinguin | Bild: picture-alliance/dpa

Um zu verhindern, dass sich Eisbären aus Nahrungsmangel gegenseitig fressen, könnten sie in der Antarktis, also am Südpol, ausgesetzt werden. Wie kämen sie dort zu Recht? Für Pinguine hätte diese Umsiedlungsaktion jedenfalls fatale Folgen: Sie sind an Land eine allzu leichte Beute für Eisbären. Das Raubtier aus dem hohen Norden wäre zudem für den Seeleoparden eine gefährliche Konkurrenz, der Pinguine im Wasser jagt. Gemeinsam würden Eisbären und Seeleoparden die Pinguin-Population in der Antarktis gefährlich dezimieren. Das Ökosystem am Südpol geriete aus dem Gleichgewicht. Wird dem Eisbären die Nahrung knapp, ist aber auch sein Fortbestand gefährdet: Eisbär-Weibchen gebären nur etwa zehn Jungtiere in ihrem Leben, fünf davon verenden meist im ersten Lebensjahr.

Anpassen oder aussterben

Doch weder Pflanzen-Nahrung, noch die Paarung mit anderen Bären-Arten oder eine Umsiedlung in andere Regionen können den Eisbären vor den Folgen der Klimaveränderungen schützen. Dass Eisbären langfristig aussterben, ist aber keine zwangsläufige Entwicklung: Forscher sind optimistisch - und hoffen, dass seine Intelligenz dem Tier das Leben rettet.

"Eisbären sind sehr intelligent und anpassungsfähig. Es ist auf jeden Fall denkbar, dass sie sich in einem gewissen Maße an veränderte Umstände anpassen können - wenn diese Veränderung nicht zu schnell eintritt."

Rolf Stange, Geograf und Tourguide