Musterschüler oder Mogelpackung? Bayerns Weg zum Atomausstieg
Die bayerische Regierung hat sich im Zuge des Atomausstiegs einen ehrgeizigen Plan auf die Fahnen geschrieben: 2021 sollen Erneuerbare Energien die Hälfte des Stroms in Bayern liefern. Was ist seit dem Beschluss im vergangenen Jahr geschehen?
Ein Film von Katrin Focke und Max Ringsgwandl
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Klar ist schon jetzt, dass die Energiewende ein gigantisches Projekt ist, das Bayern verändern wird. Wie der Umstieg umgesetzt werden soll, steht im Konzept "Energie innovativ". Beschlossen hat es das Bayerische Kabinett im Mai 2011 und Vorgaben aufgestellt für den Ausbau Erneuerbarer Energien, von Stromspeichern und Stromnetzen. Wie schätzen Energie-Experten den Stand der Dinge ein?
Vorgabe und Umsetzung
Windkraft
Konzept: "Bis zum Jahr 2021 soll die heimische Windenergie 6 bis 10 Prozent des Stromverbrauchs Bayerns decken." So steht es im Konzept "Energie innovativ".
Stand derzeit: Um dieses Ziel zu erreichen, hat die bayerische Regierung Genehmigungsverfahren vereinfacht sowie staatliche Wälder und Schutzgebiete als mögliche Standorte für Windräder ins Spiel gebracht. Insgesamt sind in Bayern zwei Prozent der Fläche für Windkraftanlagen geeignet. Bis 2021 sollen 1.500 neue Windräder gebaut werden. Im vergangenen Jahr waren es allerdings nur 75. Da Windräder bei Anwohner oft nicht beliebt sind, wollen Experten für Erneuerbare Energien wie beispielsweise Green City Energy betroffene Bürger mit ins Boot holen: Im unterfränkischen Eichenbühl soll ein Bürgerwindpark entstehen, an dem sich Bürger beteiligen können und von dem auch die Gemeinde profitiert - nicht nur Privatinvestoren.
Sonnenenergie
Konzept: Neben der Windkraft soll auch die Sonnenenergie in Bayern weiter ausgebaut werden und in zehn Jahren mehr als 16 Prozent des Strombedarfs decken.
Stand derzeit: Bayern ist schon jetzt das stärkste Solarland in Deutschland. Von 2009 bis 2010 hat sich der Anteil des Solarstroms sogar fast verdoppelt. 2011 wurden so viele Anlagen gebaut wie nie zuvor. Zuschüsse haben diese Entwicklung angetrieben, doch nun wurden sie gestoppt: Die Bundesregierung hat die Förderung von Photovoltaikanlagen drastisch gekürzt, weil sie den Staat jährlich Milliarden an Fördergeldern kosten. Seither wurden viele Projekte zurück- oder eingestellt. Peter Keller von Green City Energy rechnet damit, dass der Markt bis zum Jahresende einbricht - und damit auch die selbst gesteckten Ziele des Energie-Konzepts in unerreichbare Ferne rücken.
Wasserkraft
Konzept: Das Energie-Konzept der Bayerischen Staatsregierung gibt vor, dass "bis zum Jahr 2021 die Wasserkraft 17 Prozent des Stromverbrauchs Bayerns decken soll."
Stand derzeit: Die Wasserkraft ist in Bayern schon jetzt neben der Atomenergie der größte Stromlieferant und hat bislang an der Stromproduktion einen Anteil von 15 Prozent. Ihr Ausbau gilt als schwierig, da das Potential der Wasserkraft in Bayern ausgereizt ist. 4.200 Kraftwerke gibt es derzeit, große Neubauten sind ökologisch umstritten. Doch Peter Keller von Green City Energy sieht noch Entwicklungsmöglichkeiten: "Die Anlagentechnik hat sich inzwischen verbessert, hier ist sicherlich noch einiges rauszuholen - und auch die Frage inwieweit möglicherweise stillgelegte Kleinwasserkraftwerke wieder reanimiert werden. Dann, denke ich, sind noch 2 Prozent Steigerung - oder vielleicht etwas mehr - drin."
Biomasse
Konzept: "Bis zum Jahr 2021 soll der Energieträger Biomasse knapp 10 Prozent des Stromverbrauchs Bayerns decken."
Stand derzeit: In Bayern gibt es derzeit mehr als 2.000 Biogasanlagen, in denen Biomasse verarbeitet wird. In die Kritik geraten sind sie, weil sie vor allem mit Mais betrieben werden, wodurch riesige Mais-Monokulturen entstanden sind. Diese verdrängen andere Nahrungsmittel von den Äckern und bieten wenig Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Um den Anbau von Mais einzudämmen, wird seit Anfang des Jahres die Nutzung von anderen Energiepflanzen oder Gülle staatlich gefördert. Energie-Experte Peter Keller glaubt, dass "der große Boom vorüber ist, was die landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Biomasse angeht". Künftig könnte aber die energetische Verwertung von Biomüll, also Schlacht- oder Lebensmittelabfälle - an Bedeutung gewinnen.
Stromspeicher
Konzept: Die Bayerische Staatsregierung will bis 2021 "zusätzlich verstärkt zentrale und dezentrale Speicherkapazitäten schaffen und neue Speichertechnologien erforschen".
Stand derzeit: Pumpspeicherkraftwerke sind bisher die einzige ausgereifte Technologie, um Strom in großen Mengen zu speichern. In Bayern soll im niederbayerischen Untergrießbach bis 2018 ein solches Kraftwerk entstehen: In der Riedler Mulde würde dann ein künstlicher See geschaffen. Ein Vorhaben, das Naturschützer und Anwohner auf die Straße treibt. Ein Pumpseicherkraftwerk alleine reicht aber nicht aus: "Wir werden viele Riedels brauchen, wir werden viele weitere Technologien brauchen, um das hinzubekommen, was wir uns mit der Energiewende vorgenommen haben", sagt Klaus-Dieter Maubach von EON. In Garching bei München arbeiten Wissenschaftler am Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung an Alternativen zu Pumpspeicherkraftwerken: die chemische, elektrische oder thermische Speicherung von Strom. Die sind aber noch weit entfernt von der Marktreife. Sicher ist schon jetzt, dass es nicht möglich ist, die Energiewende umzusetzen, wenn der Strom aus Erneuerbaren Energien nicht gespeichert werden kann.
Stromnetze
Konzept: "Die Übertragungsnetze ('Stromautobahnen') müssen ausgebaut werden."
Stand derzeit: In Dachau bei München sitzt das Unternehmen, das das Stromnetz von Süddeutschland regelt. Die Energiewende hat dessen Arbeit schon jetzt komplizierter gemacht: "Die Situation im Netz ist sehr angespannt. Das merkt man an der Zahl der Eingriffe [ins Stromnetz], die ein Übertragungsnetzbetreiber machen muss. Allein bei Tennet hat sich die Zahl der Eingriffe im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2010 verdreifacht", sagt Ulrike Hörchens von Tennet. Damit Bayern "umsteigen" kann, müssen langfristig die Stromnetze ausgebaut werden. Geplant ist das zum Beispiel in Simbach am Inn. Derzeit arbeitet die Bundesnetzagentur an einem Master-Plan für das Stromnetz. Die Genehmigungsverfahren für große Projekte wurden vereinfacht - und trotzdem wird das Stromnetz bislang zu langsam ausgebaut.
Gaskraftwerke
Konzept: Moderne Gaskraftwerke sollen gebaut werden, um die Stabilität des Stromnetzes zu sichern.
Stand derzeit: Geplant ist der Bau neuer Gaskraftwerke für fünf Standorte, doch in den kommenden zehn Jahren gilt nur ein Projekt - in Haiming - als realisierbar. Zudem stehen Gaskraftwerke-Unternehmen vor einem strukturellen Dilemma: Je höher der Anteil der Erneuerbaren Energien, desto wichtiger werden Gaskraftwerke, um die Netze zu stabilisieren. Doch der Ausbau der Erneuerbaren Energien macht die Gaskraftwerke weniger rentabel, weil sie seltener laufen. Einen Anreiz zum Bau neuer Gaskraftwerke könnten Subventionen schaffen. Bislang wird jedoch nur die Produktion von Strom bezuschusst, nicht aber - wie bei den Kraftwerken - die Bereitstellung von Strom.
Wenn der Ausstieg nicht gelingt
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In Bayern wurde die Energiewende in vielen Orten bereits angestoßen. Es gibt genug Potential, um Erneuerbare Energien auszubauen - wenn die Politik die richtigen Weichen stellt und die Bürger mitziehen. Probleme bereiten aber noch Stromspeicher-Techniken und der Ausbau sowie die Stabilisierung der Stromnetze.
Gelingt die Energiewende nicht, müssten ohne Gaskraftwerke andere fossile Kraftwerke länger laufen. Ohne Stromspeicher und neue Netze müsste zur Stabilisierung der Stromversorgung wahrscheinlich Strom importiert werden - auch Atom-Strom aus Frankreich oder Tschechien. Umweltminister Marcel Huber ist zuversichtlich, dass der Umstieg gelingt, sieht aber auch Handlungsbedarf:
"Wo ich eher Sorge habe, sind diese Ausgleichsmaßnahmen, die notwendig sind - Schattenkraftwerke, Speicher und Ähnliches - weil das ja fast alles Großprojekte sind. Die in dieser Zeit hinzukriegen - weil die ja alle mit Planungszeit, gerichtlichen Auseinandersetzungen und einer relativ langen Bauzeit zu tun haben. Also an diesen Stellen eilt es richtig."
Marcel Huber, bayerischer Umweltminister

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