Von wegen Friedhof Wenn Staub nicht zu Staub wird
60 bis 70 Prozent der Friedhöfe in Deutschland haben ein Problem: Die Toten in den Gräbern verwesen nicht mehr. Was hält den natürlichen Zerfallsprozess auf - und wie treibt man ihn wieder an?
Ein Film von Jan Kerckhoff
Fakten der Woche
Liegen nach der üblichen Totenruhe von 25 Jahren mehr als Staub und Gebeine in einem Grab, haben die Friedhofsverwaltungen ein Problem. Eine solche Grabstätte können sie nicht neu vergeben - es sei denn, sie graben den Leichnam aus und betten ihn um. Das ist teuer für den Friedhof und eine Belastung für die Bestatter und die Angehörigen. Doch auch die Einäscherung stellt Friedhofsverwaltungen vor Probleme.
Warum Tote nicht richtig verwesen
Boden
Durch die Grabungs- und Baggerarbeiten verdichtet sich der Boden des Grabs so, dass Wasser nicht mehr in die Erde sickert, sondern sich aufstaut. Die Erde, die auf das Grab geschüttet wird, ist zudem locker und damit sehr durchlässig für Regenwasser. Es läuft durch die Erde und staut sich zusätzlich im Grab auf. Der Effekt: Särge werden unter Wasser gesetzt wie in einer Badewanne. Dadurch kommt kein Sauerstoff mehr an den Leichnam und der natürliche Verwesungsprozess bleibt aus.
Mit Versuchsgräbern testen Wissenschaftler von der Universität Kiel, welcher Boden für Bestattungen geeignet ist und was Friedhöfe künftig tun können, damit die Körper der Begrabenen verwesen. Die Bodenproben der Versuchsgräber werden auf ihre Luft- und Wasserdurchlässigkeit getestet, die Erde in einem Computertomographen auf Spalten untersucht und ihre chemische Zusammensetzung im Gaschromatographen ermittelt.
Forscher von der Hochschule Osnabrück wiederum simulieren den Verwesungsprozess in unterschiedlichen Böden. Sie wollen die Formel des Verwesens finden, die Friedhofsverwaltern die Verwesungsdauer voraussagen kann: Je nach Boden, Leichnamsgewicht und Sarg. Um diese Formel zu finden, geben sie im Labor organische Flüssigkeiten mit Bakterien in die Böden. Die simulieren die Bakterien im Leichnam, denn jeder Leichnam bringt seine Mikroorganismen, die den Verwesungsprozess in Gang setzen, selbst mit.
Gießen
Auch die trauernden Angehörigen haben einen Anteil am Überflutungsproblem. Rainer Horn: Bodenkundler an der Universität Kiel: "Es wird eigentlich bei jedem Wetter gegossen. Das hat wenig mit dem Bedürfnis der Pflanzen zu tun, mehr mit dem Bedürfnis der Hinterbliebenen. Das können bis zu 1.000 Liter pro Jahr und Quadratmeter sein, die da tatsächlich zusätzlich zum Niederschlag auf die Gräber kommen. Das beeinflusst die Wasserbilanz des Grabes, die ja ohnehin schon viel zu hoch ist für eine günstige Verwesung, noch zusätzlich negativ."
Kleidung
Bestatter wissen, dass Metall nicht in Gräber gehört. Aber für die Grab-Kleidung und die Sarg-Ausstattung gibt es keine einheitlichen Vorgaben. Fritz Zessinger, Bestatter aus Cadolzburg: "Das ist immer so eine Sache vom Bestatter, was der hineinlegt. Auf den ersten Blick lässt sich das nicht erkennen, ob das verrottbar ist oder nicht verrottbar. Manche legen auch Lederschuhe mit hinein. Die holt man heraus, wie sie reingelegt wurden - oder wie sie drin waren." Ist ein Sarg zudem mit Plastikfolie ausgekleidet, verrottet der Sarg nicht und es entsteht Staunässe, die die Verwesung des Leichnams zusätzlich behindert.
Grundwasser
Dass Substanzen, die Leichen beim Verwesen hinterlassen, ins Grundwasser gelangen, ist bisher noch nicht bewiesen. Doch Rainer Horn ist sich sicher: "[…] Stickstoff und auch Kalium, Kalzium, Magnesium und Schwermetalle wie Kadmium oder Blei aus Zahnbehandlungen - all dieses wird jetzt in den Boden eingetragen und zwar in eine Tiefe von 1,30 bis 1,80, je nachdem wie viel Gräber übereinander liegen. Die Folge ist, dass der Abbau dieser organisch gebundenen Stoffe, Nährstoffe oder auch Schadstoffe, dann mit dem abwärts gerichteten Sickerwasser auch irgendwann im Grundwasser landen." Verhindern könnte man das, wenn Entwässerungsrohre unter Gräbern verlegt werden. Regen- und Stauwasser könnten so in die Kanalisation abgeleitet werden.
Einäscherung als Alternative
Verhindern könnte man das Problem mit der schlechten Verwesung, indem man Leichname nicht auf dem Friedhof bestattet, sondern einäschert. Doch selbst da streiten sich die Fachleute. Einerseits geht es darum, so sauber wie möglich zu verbrennen. Bei der Einäscherung kann aber der Kohlenmonoxid- sowie der Dioxin- und Furan-Wert in der Anlage ansteigen. Krematorien müssen daher beim Schadstoff-Ausstoß Grenzwerte einhalten. Überschreiten sie diese, muss technisch nachgebessert oder -gerüstet werden.
Andererseits geht es aber auch ums Energiesparen: Um nämlich möglichst wenig Schadstoffe zu produzieren, wird bei 850 Grad verbrannt. Diese hohe Temperatur sorgt jedoch für Kritik: Um sie zu erreichen, benötigt man pro Leichnam rund 25 Kubikmeter Gas. Eine Gasmenge, mit der man einen Vier-Personen-Haushalt fünf Tage lang heizen könnte.

Wetter


