Serbien Vom Straßenköter zum besten Freund des Menschen
Immer noch leben Hunderttausende von streunenden Hunden auf den Straßen von Moskau, Bukarest, Sofia oder Belgrad. In der serbischen Hauptstadt hat man jetzt einen neuen Weg eingeschlagen.
In Belgrad gibt es rund 15.000 streunende Hunde – eine stolze Zahl für eine Zwei-Millionen-Metropole. Die Tiere leben gefährlich: Sie leiden an Hunger, sind dem Wetter schutzlos ausgeliefert und anfällig für Krankheiten. Lange Zeit mussten sie sich vor den städtischen Hundefängern in Acht nehmen. Gerieten sie in deren Fänge bedeutete das den sicheren Tod. Außerhalb von Belgrad ist das immer noch so.
Private Tierhilfe
Auch Tierärztin Galja Zokic und ihr Team wollen die Welpen einfangen. Sie sollen weg von der Straße, in Sicherheit gebracht werden. Die kleinen Vierbeiner muss man allerdings zu ihrem Glück zwingen. Und auch die älteren Tiere sind scheu und vorsichtig. Zwar müssen sie die städtischen Hundefänger nicht mehr fürchten, nicht selten gibt es aber Übergriffe von Anwohnern.
Die Tierärztin setzte sich schon während ihres Studiums Mitte der 90er Jahre für Straßenhunde ein. Sie ist froh, dass die Stadtverwaltung nun humaner mit den Tieren umgeht, weiß aber, dass die Behörden das Problem alleine nicht bewältigen können.
Galja und ihr Mann Igor – ein Banker – sind jedes Wochenende und fast jeden Abend unterwegs. Hunderte von kleinen Vierbeinern konnten so schon vor den Gefahren der Straße bewahrt werden. Doch manchmal kommen sie zu spät.
Der Straßenverkehr als Gefahr
"Offensichtlich wurde der Welpe vor zwei oder drei Tagen von einem Auto überfahren. Das ist das Problem, das wir haben, dass die Welpen unkontrollierbar sind, über die Straße rennen, den Autos hinterherlaufen und mit den Reifen spielen wollen. Das ist der Hauptgrund, warum wir vor allem die Welpen von der Straße weg fangen."
Igor Zokic, Tierschützer
Nebensache Tierschutz
Der Tierschutz hat in Serbien keinen hohen Stellenwert. Hilfsorganisationen kennen zahlreiche Fälle von Tierquälerei gegenüber Straßenhunden. Die serbischen Medien berichten dagegen immer wieder von Passanten, die angeblich von den Hunden gebissen wurden, obwohl solche Fälle statistisch gesehen in Serbien nicht häufiger vorkommen als anderswo.
Galjas Tierambulanz wird von der österreichischen Organisation "Tierwaisen in Not" unterstützt. Hier bleiben ihre Schützlinge, bis die Tierärztin sicher ist, dass sie gesund sind. Dann versuchen Galja und ihr Team neue Besitzer zu finden. In 500 Fällen ist ihnen das schon gelungen.
"Das ist eine der Welpen, die wir heute gerettet haben. Die Tiere, die wir von der Straße holen, bringen wir sofort in unsere Klinik, wo ich sie zuerst untersuche und wenn nötig impfe und sterilisiere. Man merkt schon, dass die Stadt etwas unternimmt. Die Hunde, die wir eingefangen haben, sind immer öfter bereits sterilisiert."
Galja Zokic, Tierärztin
Problemhunde bleiben im Tierheim
In städtischen Tierheimen gibt es inzwischen Platz für rund 1.800 Hunde - bei weitem nicht genug für alle herrenlosen Tiere. Auch deswegen werden die meisten von ihnen bald wieder freigelassen. Nur aggressive Hunde müssen bleiben, oder jene, die nicht mehr in ihr angestammtes Revier zurückkönnen. Bei guter Behandlung zeigen fast alle Tiere schon bald ein normales Sozialverhalten.
Pekinese Ricki hat Glück. Er bekommt ein neues Frauchen. Gordana Antonijevic hat im Fernsehen von der Aktion "Dein bester Freund" gehört, mit der die Stadt das Adoptieren von ausgesetzten Tieren propagiert. Bislang ist das in Serbien wenig populär. Aber seit Beginn der Aktion vor zwei Monaten konnten schon 60 Hunde vermittelt werden. Der zweijährige Rüde hat nun offensichtlich ein besseres Zuhause gefunden.
Ein Tierfreund als Bürgermeister
Die Strategie der Stadt gegenüber den streunenden Tieren hat sich grundsätzlich verändert, seit vor zwei Jahren in das Belgrader Rathaus ein neuer Bürgermeister eingezogen ist. Gleich nach seiner Wahl hat der Tierfreund Dragan Djilas eine Sonderkommission gegründet.
"Wir haben erkannt, dass die beste Strategie ist, nicht zu versuchen, die Straßen Belgrads frei von Straßenhunden zu kriegen, sondern diese mit einem Chip zu versehen, zu impfen und zu sterilisieren und nur die aggressiven Hund zu entfernen, und darauf zu achten, dass die Anzahl der Straßenhunde in einem gewissen Territorium nicht zu groß wird."
Predrag Petrovic, Vorsitzender der Sonderkommission
Auch private Tierheime werden inzwischen von der Stadt unterstützt. Sie übernimmt das Futter und einen Teil der Tierarztkosten und lässt sich das 140.000 Euro pro Jahr kosten.
Bei 450 Hunden ist Schluss
Die 70-jährige Katscha Hristitsch nimmt seit über 30 Jahren streunende Hunde auf, um sie vor dem Tod zu retten. Zurzeit leben 250 Vierbeiner bei ihr. Doch es waren schon einmal mehr.
"Ich kann doch auch nichts machen, wenn mir die Leute immer noch mehr Hunde vor die Türe legen. Aber als die Zahl von 450 überschritten war, habe ich 'Stopp!' gesagt. Ich bin ja auch schon in die Jahre gekommen und ich suche Hände ringend jemanden, der die Hunde übernimmt."
Katscha Hristitsch, Tierschützerin
Den städtischen Einrichtungen misstraut Katscha nach der Jahrzehnte langen schlechten Erfahrung immer noch. Auch gäbe es dort gar nicht genug Platz für all ihre Hunde. Sie kann sich also erst zur Ruhe setzen, wenn sie all ihre Schützlinge in guten Händen weiß.

Wetter




