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Ungarn Roma-Gymnasium in Pécs

Es ist Sonntag Abend, der Überlandbus bringt Palma ins Schulinternat. Von überall kommen ihre Freundinnen: die Nachbarn - als wäre es ein Abschied für immer. Dabei wird sie doch fürs Wochenende schon wieder zurück sein.

Autor: Gerhard Losher Stand: 30.10.2011
Aula des Gahndhi-Gymnasiums für Roma | Bild: BR

Pálma ist Roma, und in der Roma-Gemeinschaft ist der Zusammenhalt wesentlich intensiver als in ungarischen Familien. Auch das ein Grund dafür, weshalb sie als einzige das Dorf verlässt, um aufs Gymnasium zu gehen.

Das Gandhi-Gymnasium in Pécs

Das Gandhi-Gymnasium im südungarischen Pécs: In seiner Art ist es das einzige Roma-Gymnasium Europas. Weniger als ein Prozent der Roma Ungarns schaffen es zum Abitur - die meisten hier. Viele kommen von weit her.

"Nach den Ferien ist es mir sehr schwer gefallen, wieder hierher zu kommen. Auch meine Freunde im Dorf wollten mich nicht weglassen."

Pálma Jovánovics, Roma-Schülerin

Immer wieder erleben es die Lehrer, dass Schüler nach den Ferien oder sogar dem Wochenende einfach nicht zurückkommen. Sie kennen deren Probleme; die meisten sind selbst Roma, viele haben auch hier Abitur gemacht.

"Sie waren hier auch an der Schule?"

Zsolt Simon

Zsolt Simon, Lehrer am Gandhi-Gymnasium:
"Ja, ich habe das Abitur 2002 gemacht. So bin ich hier 1996 angekommen."

"Und wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?"

Zsolt Simon:
"Hier, im Gandhi-Gymnasium."

"Hier im Gandhi-Gymnasium, im Deutschunterricht?"

Zsolt Simon:
"Im Deutschunterricht, ja!"

Schüler beim Fach Romakunde

Die Schule tut alles, um ihren Zöglingen hier eine Heimat zu schaffen. So wird zum Beispiel "Romakunde" unterrichtet: Musik, Traditionen, Geschichte und Kultur, man kann es sogar als Abiturfach wählen.

Attila ist 17 Jahre alt: Mit vier seiner Geschwister ist er ins Heim gekommen. Und doch hat er es hierher aufs Gymnasium geschafft.

"Ich möchte erstmal das Abitur machen und dann an der Polizeihochschule studieren. Ich weiß, ich habe einen schlechten familiären Hintergrund. Ich möchte beweisen, dass man auch als Roma etwas erreichen kann, wenn man nur will."

Attila Orsós, Schüler am Gandhi-Gymnasium

Wer einmal am Gandhi-Gymnasium ist, könnte sorgenfrei sein: Die Schule wird voll vom Staat und wenigen Sponsoren finanziert. Unterricht, Wohnheim und Kantine sind umsonst, sogar die wöchentliche Busfahrt nach Hause wird von der Schule bezahlt. Und trotzdem ist sie nicht voll belegt. Zu viele Bewerber fallen bei der Aufnahmeprüfung durch. Die schulische Vorbildung in den Roma-Dörfern ist einfach nicht ausreichend. Das ist der eine Grund. Der andere ist der enge Familienzusammenhalt in der Roma-Sippe. Viele Eltern wollen ihre Kinder nicht "weggeben", und viele Kinder wollen auch nicht weg.
So auch Helena, Pálmas ältere Schwester. Auch sie war am Gandhi-Gymnasium, hat aber abgebrochen.

Helená Jovánovics:
"Ich hatte Heimweh. Ich habe das Dorf und die Familie so vermisst!"

"Wer hat dann so aufs Gymnasium gedrängt?"

"Die Mutter."

Rózsa Jovánovics, Mutter von Pálma und Helená:
"Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Wir waren vier Geschwister. Meine Mutter hat uns alleine groß gezogen. Wir hatten kein Geld, und sofort nach der achten Klasse Grundschule musste ich arbeiten, als Tagelöhner. Meine Kinder sollen einmal einen Beruf lernen. Und nicht nur das: sie sollen auch studieren."

Mit Sozialhilfe, Kindergeld, Gelegenheitsarbeit und eigenem Garten haben die Roma ein Auskommen. Familie Jovánovics hat sogar einen kleinen Anbau ans Haus gesetzt - allerdings auf Kredit und ausgerechnet noch in Schweizer Franken. Dessen Höhenflug und der Verfall des Forint haben in nur drei Jahren Zins und Tilgung verdoppelt. Sie sind nicht die einzigen.

"Die haben hier alle Kredite aufgenommen. Jawohl! Alle, die ganze Straße!"

Tibor Jovánovics, Roma-Bewohner

Ein Kreditmakler ist damals von Haus zu Haus gegangen, und nicht nur die Roma, auch die Ungarn haben Schulden aufgenommen. Und auch von ihnen sind in der derzeitigen Wirtschaftskrise viele arbeitslos. Das erzeugte Neid und Hass gegen die Roma, die angeblich mehr bekommen. Eine Konkurrenz unter den Ärmsten ist daraus entstanden.

Rückblick: Gyöngyöspata – Ostern dieses Jahres. Bürgermilizen marschieren durch Wohnviertel der Roma und versetzen sie in Angst und Schrecken. Sie waren von den Ungarn herbeigerufen worden, nachdem es Streit gegeben hatte. Nach anfänglichem Zögern griff die Polizei durch. Seither hat sich der Spuk nicht mehr wiederholt. Gesetze wurden erlassen, aber nur der Kampf gegen die Armut kann Entscheidendes bewirken. Der Staat weiß das, plant aber auch einschneidende Maßnahmen.

Zoltan Balog, ungarischer Staatsminister für soziale Integration:
"Wir haben zwei Zauberworte, die alltägliche Worte sind. Das heißt: Schule, das heißt Bildung, Weiterbildung und das heißt Arbeit, Beschäftigung. Das sind die zwei Gebiete, wo wir, glaube ich, größere Schritte machen müssen als bisher."

"Mir ist aufgefallen, dass es Pläne geben soll zur Arbeitsverpflichtung. Es wurde auch als 'Zwangsarbeit' bezeichnet."

Zoltan Balog:
"Ich meine, - entweder war es böser Wille oder Dummheit - so etwas zu sagen: Roma extra werden sowieso zu nichts gezwungen. Es gibt da keine Unterschiede."

"Aber trotzdem: Auf der untersten Ebene wird es dann in Zukunft nicht mehr heißen Arbeit oder Sozialhilfe, sondern Arbeit oder keine Sozialhilfe."

Zoltan Balog:
"Für gesunde Menschen, die arbeitsfähig sind, ist das der Fall. Und ich finde das auch richtig."

Das Gandhi-Gymnasium bewegt ein anderes Problem: Dass man als zwangsläufige Folge von Bildung, Beruf und Karriere nicht mehr draußen in den Dörfern bei Sippe und Familie bleiben kann, was für das traditionelle Roma-Leben doch so wichtig ist. Man sieht es an den Lehrern, wie der Schulleiterin, die aus Nordungarn kommt.

"Ja, für uns Roma ist es ein Problem, wenn man aus der eigenen Gemeinde rausfällt, wenn man die Kontakte nicht mehr so pflegen kann, wie wenn man dort lebt. Aber das müssen wir in Kauf nehmen. Wenn wir wollen, dass sich eine Roma-Intelligenz herausbildet, müssen wir des Berufs wegen in die Großstädte und die Dörfer verlassen."

Schuldirektorin Erzsébet Orsós

Ob das die Schülerinnen und Schüler auch so sehen?

"Ja! Ich kam hierher, weil ich nicht mehr so leben will wie meine Eltern. Meine Eltern konnten mir das, was ich heute bin, nur mit Mühe geben. Ich möchte es leichter haben, das meinen Kindern weiterzugeben."

Eine Schülerin

"Ich denke auch, dass mein Leben anders sein soll. Meine Eltern haben in meinem Alter nicht gelernt; sie haben schon gearbeitet. Meine Mutter hat sogar schon Kinder gehabt. Man kann heutzutage nicht mehr so leben. Es ist vieles anders, als früher."

Eine andere Schülerin

Alle haben große Pläne: Sie will Juristin oder Dolmetscherin werden. Noch sind sie weniger als ein Prozent, die überhaupt so weit kommen, aber sie sind neue Sterne am Roma-Himmel.