Bayerisches Fernsehen - Capriccio

Wahnwitzige Immobilienpreise Die Gentrifizierung schreitet fort ...

Warum sich immer weniger Künstler das Leben in München leisten können.

Stand: 08.02.2012
München | Bild: BR

In München sind Wohnungen knapp. Leerstand, den Künstler günstig für eine Um- oder Zwischennutzung beziehen können, ist kaum vorhanden - und sie brauchen nicht nur Wohn-, sondern auch Atelierflächen. Ein ums andere Stadtviertel wird chic - dort wo Künstler hingegangen sind, weil es erschwinglich war, entsteht ein kreatives Umfeld, das sich gut vermarkten lässt - Wohnungen werden saniert, Mieten werden teurer, die Künstler können sich das Arbeiten und Leben dort irgendwann nicht länger leisten, ziehen weiter. "Gentrifizierung", heißt dieses Phänomen, bei dem Wohlhabendere die nicht so Begüterten verdrängen. Ein Phänomen, das auch in vielen anderen Städten Bayerns beobachtet werden kann, in München aber besonders drastisch Einzug hält ...

München - ein teures Pflaster ...

Dazu kommt derzeit noch das Problem um die Wohnungen der GBW-Gruppe, eines der größten, bayerischen Wohnungsunternehmen mit 33.000 Wohnungen, über 7.000 davon alleine in München. Weil ihr größter Anteilseigner, die Bayerische Landesbank, aber saniert werden muss, sollen sie verkauft werden. Damit das Mietniveau nicht noch weiter steigt, wäre es wichtig, dass sie in öffentlicher Hand und damit sozialverträglich bleiben - nur wer soll sie kaufen? Der Freistaat Bayern und die Stadt München streiten darüber, wer die Wohnungen bezahlen soll, während der Mieterschutz auf der Strecke zu bleiben droht. Die Stadt München, in der viele Großunternehmen beheimatet sind, bietet viele gut bezahlte Arbeitsplätze, und damit finden sich auch genug Mieter, die sich die teuren Wohnungen leisten können. Zudem steigt die Nachfrage nach Wohnungseigentum, seitdem Börsenanlagen immer unsicherer werden. Immobilienfirmen kaufen Häuser und ganze Areale, sanieren sie, verkaufen sie Quadratmeterpreise. So findet man in einem alten Heizkraftwerk in München nicht etwa Künstlerateliers, sondern - luxussaniert - die teuersten Wohnungen der Stadt ...

Welche Antworten hat die Politik? Und gibt es Strategien der Künstler, diesem Teufelskreis zu entkommen? "Wenn man genau hinschaut, sind es die Leute aus meiner Generation, die jetzt viel verdienen und die Viertel aufwerten. Sie reden jetzt alle von Gentrifizierung und sind aber doch letztlich auch mit dran schuld", sagt etwa die Schauspielerin Bibiana Beglau. Und die Perfomancekünstlerin Pollyester hat uns gesagt, dass sie überlegt, aus München wegzuziehen, weil sie keine Räume mehr für Veranstaltungen findet. "Ich weiß auch nicht, wie man das Problem lösen kann, ich kann auch nur laut aufschreien, wenn ich daran denke, was hier passiert." Der Ausverkauf einer Stadt? Eine Bestandsaufnahme in Capriccio.

Autor Fernsehbeitrag: Joachim Gaertner