ARD-alpha - Schulfernsehen


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Reports in English Fortress Newlands

1994 feiert die Welt das Ende der Apartheid am Kap. Die Rassenschranken sind gefallen, Schwarz und Weiß gleichberechtigt. Wie tragfähig ist die Vision der geeinten Nation? Wie verkraften die Weißen den Verlust ihrer Privilegien?

Von: Simon Demmelhuber &Volker Eklkofer, ein Film von Christiane Lelgemann (Redaktion WDR)

Stand: 29.04.2013

Luftaufnhame von Kapstadt | Bild: picture-alliance/dpa/Bernd Weißbrod

Die Schatten der Vergangenheit sind lang

Eine Statue von Nelson Mandela in Südafrika  | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Geschichte Südafrikas (3) Vom Apartheidstaat zum neuen Südafrika

Mit einer Fülle von Gesetzen verwirklichen südafrikanische Regierungen zwischen 1948 und 1989 die Apartheidpolitik. Ziel ist die radikale Trennung der Rassen und die Aufrechterhaltung der weißen Vorherrschaft. [mehr]

Bis 1994 war Südafrika ein rassistisches Land, das seine schwarze Bevölkerung per Gesetz entrechtete und das Prinzip der Rassentrennung zur Staatsdoktrin erhob. Das perfide System der Apartheid erfasste sämtliche Lebensbereiche: Weiße und schwarze Wohngebiete waren strikt voneinander separiert, Mischehen verboten, die Schulen entweder weiß oder schwarz, genauso wie die Restaurants, die Kinos, die Krankenhäuser, Theater und Bars.

Nur der Beginn einer neuen Apartheid?

Nach dem Ende der Apartheid hätte eigentlich alles besser, gerechter und demokratischer werden sollen. Die staatlich verordnete Rassentrennung ist Geschichte, die durch Gesetze zementierte Ungleichheit überwunden. Doch von einem friedlichen Miteinander seiner weißen und schwarzen Landeskinder ist Südafrika noch weit entfernt. Denn mittlerweile fühlen sich viele Weiße von einer neuen "schwarzen Apartheid" rassistisch ausgegrenzt. Vor allem in der weißen Mittelschicht grassiert die Furcht vor der zunehmenden Benachteiligung durch eine Politik, die "Schwarze systematisch puscht und Weiße ebenso systematisch stigmatisiert".

Die Zukunftsängste der weißen Mittelschicht

Die diffusen Zukunftsängste der weißen Mittelschicht treiben auch den 16-jährigen Marco um. Er lebt in Newlands, einem der exklusiven weißen Vortorte von Kapstadt, und besucht dort die Westerford High School. "Früher waren die Dinge klar", meint Marco "Die Kinder der weißen Mittelschicht studierten und bekamen dann die guten Jobs". Das ist vorbei, der bequeme Automatismus greift nicht mehr. Das Versprechen einer ethnischen Gleichberechtigung hat sich für Marco und viele seiner weißen Altersgenossen ins Gegenteil verkehrt: "Für schwarze Schüler gelten niedrigere Anforderungen im Abschlussexamen, sie kommen leichter und mit schlechteren Noten an die Uni", klagt der Schüler. Dazu kommt eine Quotenregelung, die interessante Jobs für schwarze Bewerber reserviert. Durch diesen "umgekehrten Rassismus" sehen viele weiße Jugendliche ihre Hoffnung auf einen lukrativen Arbeitplatz und den Erhalt ihres Lebensstandards schwinden: "Wenn ich nach der Uni keinen gut bezahlten Job finde, kann ich mir Newlands nicht mehr leisten und muss weg ziehen", orakelt Marco düster.

Wohlstandsgefälle und soziale Spannungen führen zu steigender Kriminalität

Ein ungelöstes Problem, das die weiße Mittelschicht zusehends verunsichert und radikalisiert ist darüber hinaus die wachsende Kriminalität in Kapstadt. Aufgrund der extremen Spannungen zwischen Arm und Reich nehmen Gewaltdelikte, Diebstähle und Einbrüche zu. Zusätzliche Ängste schürt vor allem die erschreckend hohe Zahl von Vergewaltigungen. Um das Gefühl vermeintlicher und tatsächlicher Bedrohung zu bannen, bauen die weißen Bewohner Kapstadts mithilfe privater Polizeitruppen wie "Armed Response" ihre Viertel zu regelrechten Wagenburgen aus. Ein weiteres Werkzeug der Abschottung sind bewusst hoch getriebene Immobilienpreise. Die Methode bewährt sich auf den ersten Blick, erhöht aber letztlich nur den Druck auf ihre Urheber: Viele Weiße können die künstlich verteuerten Mieten nicht mehr aufbringen und werden so aus ihren ehemaligen Enklaven vertrieben.

Auf dem Weg zur Rainbow-Nation

Während sich die Mehrheit der Weißen noch in eine Opferrolle abgedrängt wähnt, aus der es kein Entrinnen gibt, sucht eine Minderheit längst nach Lösungen für eine stabile Aussöhnung von Schwarz und Weiß. Zu ihnen gehört auch Jane. Sie hat sich der Initiative "Rainbow-Nation" angeschlossen, die für ein neues, buntes, multiethnisches Südafrika, eintritt. "Unsere größte Herausforderung ist der Kampf gegen Vorurteile und überkommene Rassenstereotypen" sagt Jane. "Das alte Schwarz-Weiß-Denken bringt uns nicht weiter. Wir müssen die bestehenden Ressentiments auf beiden Seiten endlich hinter uns lassen, wir dürfen uns nicht einigeln und in Vorurteilen verschanzen" fordert die Aktivistin. "Wir müssen miteinander reden, mit einander ins Gespräch kommen und gemeinsam unseren Weg in die bunte Zukunft Südafrikas suchen."


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