ARD-alpha - Schulfernsehen


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Meilensteine der Naturwissenschaft und Technik Die Pyramiden der Pharaonen

Pyramiden sind Gräber, Kultdenkmäler und Machtsymbole. Generationen von Wissenschaftlern versuchten ihre Geheimnisse zu ergründen. Sie erforschten technische Möglichkeiten der Zeit und vermeintliche Spuren von Aliens. Doch das Wie und Warum des Pyramidenbaus wirft noch immer viele Fragen auf.

Von: Ein Film von Jörg Richter

Stand: 25.10.2012

Pyramiden | Bild: BR

Vorläufer der ägyptischen Pyramiden

Die klassischen Pyramiden der Ägypter wurden in der Zeit zwischen der III. Dynastie des Alten Reiches (ca. 2.750 v. Chr.) und dem Beginn des neuen Reiches (ca. 1.600 v. Chr) gebaut. Vorgängerin der Pyramide war die Mastaba, ein mit Lehmziegeln verkleideter Erdhaufen. Die älteste Mastaba, entstanden um 3.000 v. Chr., liegt bei Saqqara. Im Laufe der Zeit wurden die Grabbauten zunehmend stabiler, die Seitenwände konzipierte man in Stufenform, das Dach wurde zur begehbaren Plattform. Trotz aller Verbesserungen hielten die Mastaba Wind und Sand kaum stand und verwitterten.

Die Ruhestätten der Pharaonen

Mit dem Aufkommen der Sonnenreligion veränderte sich auch der Grabbau. Der Pharao, so glaubte man, sei ein Sohn der Sonne und werde nach dem Tod zu ihr hinaufsteigen. Im Himmel leben die Seelen, die Erde - der Grabhügel - ist nur ein Zwischenstadium. Der Architekt Imhoteb, Priester des Sonnenkultes in Heliopolis, errichtete die erste Stufenpyramide. Über die Treppe sollte Pharao Djoser zur Sonne emporsteigen. Am Ende der Entwicklung stand die klassische Form der Pyramide mit glatten Außenseiten. Es wird vermutet, dass die geometrische Form die Strahlen der Sonne symbolisiert – wie man sie sieht, wenn die Sonne durch einen Wolkenriss leuchtet.

Monumentale Steinbauten

Besonders beeindruckend ist die Cheops-Pyramide (IV. Dynastie, um 2.550 v. Chr.) bei Gizeh. Sie hat ein Gesamtvolumen von etwa 2,6 Millionen Kubikmetern. Ihre Höhe beträgt 146,59 Meter und ihre Seitenlänge 230,36 Meter an der Basis. Ihre einzelnen Steine wiegen jeder durchschnittlich etwa 2,65 Tonnen. Die Sandsteinblöcke wurden nach Beendigung der Konstruktion mit einer feinen Kalksteinschicht überzogen. Vermutlich glänzte der Belag in der Sonne. Spätere Generationen nutzten den Kalksteinbelag für Bauzwecke. Besonders die Araber holten sich das Baumaterial für die Kairoer Moscheen von den Pyramiden. Pharao Chepren ließ um 2.520 v. Chr. nahe der Grabstätte seines Vorgängers Cheops ebenfalls eine riesige Pyramide (136,4 Meter Höhe) bauen, doch die nachfolgenden Pyramiden fielen bereits deutlich kleiner aus. Nun legten die Pharaonen größeren Wert auf Innenschmuck und Wandbemalung.

Offene Fragen der Wissenschaft

Die Sendung erklärt die verschiedenen Pyramidenformen und informiert über unterschiedliche Bautheorien. Welch großartige Leistung die Ägypter erbrachten, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass den Menschen damals keine Maschinen zur Verfügung standen. Noch heute regt die Ästhetik der Pyramide viele Architekten an.

Zur politischen Bedeutung der Pyramiden

Vom Physiker Kurt Mendelssohn (1906-80) stammt eine interessante Theorie. Mendelssohn versuchte nachzuweisen, dass der Pyramidenbau in erster Linie politisch motiviert war. Seine These: Die Pyramiden mussten erbaut werden, um den "modernen" Staat zu etablieren. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Bedeutung des Nils als Lebensader Ägyptens. Der Fluss bestimmte die drei Jahreszeiten: Überschwemmung, Saat, Ernte. Während der viermonatigen Überschwemmungsperiode ruhte die Arbeit, das Leben lag brach. Dennoch war gerade während dieser Zeit eine gezielte Vorratswirtschaft dringend nötig. Dauerte die Überschwemmung länger als üblich, drohten Gefahren, wie man sie aus Dürreperioden kannte: Hunger, Unruhe, Aufruhr, Bürgerkrieg. Da das Herrschaftsgebiet des Pharao zu Beginn dezentral gegliedert war - mächtige Gaufürsten regierten in den Provinzen - konnte ein Konflikt schnell außer Kontrolle geraten und das Land gegenüber Gegnern von außen verwundbar machen. Deshalb begann Imhotep, Priester, Architekt und oberster Baumeister des Pharaos Djoser, während der Überschwemmungsphase mit den Bauarbeiten an seiner Stufenpyramide - Pyramidenbau als gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Die Bevölkerung wurde planmäßig mit Nahrungsmitteln und zudem ärztlich versorgt. Ein Beamtenapparat entstand, eine Polizeitruppe wurde aufgebaut, Gesetze wurden erlassen. Wegen der Anwesenheit vieler Männer an der Baustelle konnte auch jederzeit eine Truppe zur Abwehr von Eindringlingen aufgestellt werden. Mendelssohns These lautete also: Mit dem Pyramidenbau entstand ein modernes Staatswesen. Die Pyramide symbolisierte einerseits die Macht des Pharaos, andererseits aber auch soziale Ordnung und kollektive Leistungsfähigkeit.


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