ARD-alpha - Schulfernsehen


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60 x Deutschland - Die Jahresschau Das Jahr 1992

Der Warschauer Pakt, das östliche Militärbündnis, existiert nicht mehr. Die Bundeswehr orientiert sich neu: Krisenbewältigung "out of area" heißt nun die Devise. Für weltweites Aufsehen sorgen 1992 aber rassistische Krawalle in Rostock und ein Brandanschlag in Mölln, bei dem drei Türkinnen sterben.

Von: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber, ein Film von Johannes Unger u. a. Stand: 07.05.2012
Bundesverteidigungsminister Volker Rühe mit Soldaten im Jahre 1992 | Bild: picture-alliance/dpa

Die Bundeswehr wird zur Truppe für globale Interventionen

Nach der Auflösung des Warschauer Pakts und dem Ende des Kalten Krieges definiert die Regierung Kohl die Rolle deutschen Streitkräfte neu. Das von dem gelernten Studienrat Volker Rühe (CDU) geleitete Verteidigungsministerium erarbeitet neue Einsatzrichtlinien. Lange Jahre war der Verteidigungsauftrag der Bundeswehr auf das Gebiet der NATO-Mitgliedstaaten in Europa und Nordamerika beschränkt gewesen. Nun kommt die Bundesregierung zu dem Schluss, dass sich die Truppe etwa im Rahmen von UN-Missionen weltweit an der Verhütung bzw. Bewältigung von Konflikten und Krisen beteiligen soll. Eine geografische Eingrenzung des Operationsraums der Bundeswehr ist nun nicht mehr möglich, das Militär wird fortan "out of area" eingesetzt. Dieser Auffassung schließt sich später auch das Bundesverfassungsgericht an. Im Mai 1992 beginnen die Auslandseinsätze der Bundeswehr: Deutsche Sanitätssoldaten beteiligen sich an einer UN-Friedenstruppe in Kambodscha. Die Neuausrichtung des Verteidigungsauftrags ist in der Öffentlichkeit zunächst stark umstritten.

Die "Gauckbehörde" sichert die Stasi-Akten

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Unterlagen zum Download | Bild: colourbox.com zum Download Das Jahr 1992 Informationen für Lehrer und Schüler

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Aktenbestände mit einer Regallänge von 180 Kilometern haben die deutsche Revolution und das Ende der DDR überdauert. Zu ihrer Verwaltung wurde die Institution des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" geschaffen. An der Spitze dieser Behörde mit etwa tausend Mitarbeitern, deren Arbeit das Stasi-Unterlagengesetz vom November 1991 regelt, steht der Pfarrer Joachim Gauck, der 2012 zum Bundespräsidenten aufsteigt. Betroffene Bürger haben das Recht auf Einsicht in die über sie geführten Akten. 1992 ist der Besucherandrang immens, viele ehemalige DDR-ler wollen wissen, ob und von wem sie ausspioniert wurden. Der Schmerz ist oft groß, wenn sich herausstellt, dass der beste Freund, die Geliebte oder gar der Ehepartner Informant der Stasi war.

Pogromstimmung in Rostock-Lichtenhagen

Protest gegen Naziterror

Nach dem Zerfall des Ostblocks und dem Ausbruch des Bürgerkriegs auf dem Balkan erlebt Deutschland einen Zustrom von Asylbewerbern. Allein im Jahr 1992 beantragen mehr als 480.000 Menschen Asyl. In einer Zeit, in der die Unzufriedenheit vieler Deutscher in Ost und West über die wirtschaftliche Situation zunimmt, werden Ausländer gern zu "Sündenböcken" abgestempelt. Rechtsextreme Parolen fallen auf einen fruchtbaren Boden, die Gewaltbereitschaft in der Neonaziszene wächst. Nach Rostock kommen in den Sommermonaten tausende Asylbewerber. Viele stehen vor überfüllten Unterkünften und müssen – zum Ärger der Anwohner - im Freien campieren. Am 22. August attackieren einige hundert rechtsradikale Jugendliche die Zentrale Aufnahmestelle im Stadtteil Lichtenhagen mit Steinen, Baseballschlägern und Molotow-Cocktails. Bei den stundenlangen Krawallen sieht die überforderte Polizei weitgehend tatenlos zu. Ungeniert zeigen Neonazis den Hitlergruß, "Normalbürger" sehen zu und spenden Beifall. Erschreckende Bilder von den Ausschreitungen gehen um die Welt.

Aber nicht nur Asylsuchende werden angegriffen, auch türkische Zuwanderer geraten ins Visier der Rechten: Am 23. November kommt es zu einem Brandanschlag auf ein Gebäude im schleswig-holsteinischen Mölln: drei Türkinnen sterben, neun weitere Türken werden verletzt.

Gegen die Ausländerfeindlichkeit werden deutschlandweit Mahnwachen und Demonstrationen veranstaltet. Tausende Menschen nehmen am 6. Dezember in München an einer Lichterkette teil. Die Lage beruhigt sich aber erst, als sich die Regierungskoalition und die oppositionelle SPD zum Jahresende auf eine Änderung des Art. 16 GG einigen. Asylbewerber, die aus EG-Staaten und aus so genannten "sicheren Drittstaaten" kommen, sollen fortan abgewiesen werden.

Informationen zur Sendereihe

Mit der Reihe "60 x Deutschland" präsentiert das Schulfernsehen einen bunten, von Sandra Maischberger moderierten History-Mix. Ausgehend von der doppelten Staatsgründung 1949 ist jedem Jahr eine 15-minütige Folge gewidmet. Schwerpunkt der Chronik ist der Konkurrenzkampf zweier jahrelang miteinander konkurrierender Gesellschaftssysteme. Dabei beschränken sich die einzelnen "Kalenderblätter" nicht auf politische Ereignisse, sondern geben auch Einblicke in Unterhaltung, Kultur und Sport in beiden deutschen Staaten.


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