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Feinstaub, Ozon, NOx… Wie gefährlich ist dreckige Luft?

Allein in der EU verursacht Feinstaub 432.000 Tote im Jahr. Schuld daran sind vor allem Dieselmotoren. Viele Politiker wollen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren deshalb ab 2030 abschaffen. Jüngst sorgte ein entsprechender Vorstoß des Bundesrates für Aufsehen. Doch warum ist Feinstaub gefährlicher als andere Luftschadstoffe und wer muss sich wirklich Sorgen machen?

Von: Sylvaine von Liebe

Stand: 17.10.2016

Feinstaub gefährdet die Gesundheit - egal wie hoch die Partikelkonzentration. Allein in der EU verursachten kleine toxische Partikel 432.000 vorzeitige Todesfälle. | Bild: picture-alliance/APA/picturedesk.com/

Luftschadstoffe - Feinstaub:

Luftschadstoffe sind ein Gemisch aus Gasen (z.B. Schwefeldioxid, Stickstoffoxide, Kohlenmonoxid, Ozon) und Partikeln. (Partikel sind Teilchen mit einem Durchmesser von unter 30 Tausendstel Millimetern.) Sind die Partikel kleiner als 10 Mikrometer (Tausendstel Millimeter), spricht man von Feinstaub.

Es gibt folgende Feinstaub-Kategorien:
- PM10 (Teilchen, kleiner als 10 Mikrometer)
- PM2,5 (Teilchen, kleiner als 2,5 Mikrometer)
- UFP (ultrafeine Partikel, kleiner als 0,1 Mikrometer)
Mögliche Zusammensetzung des Feinstaubs: Metalle, Ruß, flüchtige Kohlenstoffe (wie Kohlenwasserstoff), anorganischen Salzen, aber auch biologische Materialien (ungefährlich)

Feinstaub, das sind kleinste Teilchen - die größten messen ein Zehntel der Dicke eines menschlichen Haars -, die in der Atmosphäre herumschwirren. Nicht alle sind gesundheitsschädlich, es hängt von ihrer Zusammensetzung ab. Der Feinstaub aus Verbrennungsprozessen in Motoren, Industrieanlagen und kleinen Holz- oder Ölöfen ist allerdings giftig. Nach einem Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) verursacht er jährlich den vorzeitigen Tod von etwa 432.000 Menschen in 40 europäischen Ländern. Und laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben im Jahr 2012 weltweit 3,7 Millionen Menschen aufgrund von Außenluftverschmutzung - für die hauptsächlich giftiger Feinstaub verantwortlich ist.

Was macht den Feinstaub so gefährlich?

Abhängig von ihrer Größe dringen die Partikel in die verschiedenen Regionen der Lunge ein und lagern sich dort ab. Feine und ultrafeine Partikel dringen am tiefsten ein und belasten die kleinen Bronchien und den gasaustauschenden Bereich der Lunge. Die Partikel treten zwar hauptsächlich über die Atemwege in den Körper ein, können aber über den Blutstrom letztlich sämtliche Organe schädigen. Nach bisheriger Erkenntnis ist Feinstaub dadurch der für unsere Gesundheit schädlichste Luftschadstoff.

Wie hoch ist das konkrete Risiko?

Forscher konnten nachweisen, dass selbst ganz niedrige Konzentrationen des Feinstaubs in der Luft gesundheitliche Effekte auslösen können. Das heißt: Toxischer Feinstaub ist nie völlig unbedenklich. Gerade die kleinsten Partikel, für die es keine Grenzwerte gibt, sind besonders gesundheitsschädlich.

Folgen und Risikogruppen

akut

Wer sich nur eine Stunde im Straßenverkehr bewegt - egal, ob als Autofahrer, Fahrradfahrer, mit dem Bus oder als Fußgänger - hat kurzzeitig ein dreimal so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, wie ohne die verkehrsbedingte Feinstaubbelastung. Das ergab eine Studie in der Stadt Augsburg mit Herzinfarkt-Überlebenden im Alter zwischen 25 und 74 Jahren.
Hohe Feinstaubbelastung führt nachweisbar auch zu akuten Fällen von Atemnot, Herzrhythmusstörungen, Schüben von Bronchitis und Asthma bis hin zu Todesfällen aufgrund dieser Erkrankungen.

langfristig

Bei einer Feinstaubzunahme von 10 Mikrogramm je Kubikmeter Luft im Jahresmittel steigt das Risiko, an einer Herz-Lungen-Erkrankung zu sterben, laut mehrerer Studien um 9 Prozent. Für Lungenkrebs steigt das Risiko bei gleicher Feinstaubzunahme sogar um 22 Prozent. Weitere mögliche Folgen sind z.B.: chronische Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen (wie Bluthochdruck und Aterienverkalkung), vorzeitige Todesfälle.

neueste Erkenntnisse

10 Mikrogramm mehr Feinstaub je Kubikmeter Luft erhöhen das Risiko, an Krebs zu sterben, um 22 Prozent. Das haben Forscher aus Hongkong und Großbritannien in einer Studie mit Menschen ab 65 Jahren nachgewiesen. Dabei stieg die Brustkrebsrate sogar um 80 Prozent, für Leber, Pankreas oder Gallenblase nahm das Sterberisko um 35 Prozent zu, bei Tumoren im oberen Verdauungstrakt um 42 Prozent.
Feinstaub steht auch als Auslöser von Demenz im Verdacht, der eindeutige wissenschaftliche Beleg dafür fehlt aber noch. Belegt ist neuerdings dagegen, dass Feinstaubbelastung das Diabetes-Risiko erhöht.

Lebenserwartung

Die Lebenserwartung kann in Europa aufgrund hoher Feinstaubbelastung um bis zu neun Monate sinken, sagen Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Würden statt der geltenden EU-Grenzwerte die deutlich niedrigeren WHO-Grenzwerte eingehalten, könnten Menschen allein in Europa um bis zu 22 Monate länger leben. Für Asien sind die Berechnungen noch krasser. So wird geschätzt, dass im feinstaubbelasteten Norden Chinas die Lebenserwartung ganze fünf Jahre geringer ist als im smogfreien Süden des Landes.

Gefährdet sind ...

...besonders Kinder. Sie atmen aufgrund ihrer Größe besonders viel Feinstaub ein. Vor allem ihre Lungen können durch die giftigen Stoffe in der Entwicklung gestört werden. Menschen mit chronischer Bronchitis und anderen Lungenerkrankungen wie zum Beispiel Asthma sind ebenso gefährdet wie Diabetiker, Menschen, die an Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Herzinsuffizienz und Arteriosklerose leiden. Feinstaub erhöht hier in jedem Fall das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko. Ein geschwächtes Immunsystem aufgrund von hohem Alter, Krankheit oder ungesundem Lebensstil kann die negativen Auswirkungen von Feinstaub noch verstärken.

Grenzwerte für Feinstaub:

EU (= geltende Grenzwerte):

PM 10 - (Partikel bis 10 Mikrometer): Tagesgrenzwert (in 24 Stunden) 50 Mikrogramm/m3 + Überschreitung 35 mal/Jahr zulässig, erlaubter Jahresmittelwert: 40 Mikrogramm/m3.
PM2,5 - (kleiner als 2,5 Mikrometer): kein Tagesgrenzwert, zulässiger Jahresmittelwert: 25 Mikrogramm/m3, ab 2020: 20 Mikrogramm/m3
UFP - ( kleiner als 0,1 Mikrometer): keine Grenzwerte vorhanden

WHO (= medizinisch empfohlene Grenzwerte):

PM10
- Tagesgrenzwert: 50 Mikrogramm/m3 (keine Überschreitungstage), zulässiger Jahresmittelwert: 20 Mikrogramm/m3
PM2,5 - Tagesgrenzwert: 25 Mikrogramm/m3 (ohne zulässige Überschreitung), zulässiger Jahresmittelwert 10 Mikrogramm/m3
UFP: keine Grenzwerte vorhanden

Maßnahmen - was wirkt, was fehlt?

Es klingt unlogisch: Verbrennungsmotoren sollen verboten, Umweltzonen erweitert werden, sogar bei Holzöfen drohen strengere Vorschiften. Dabei ist die Feinstaubbelastung in Deutschland deutlich zurückgegangen - trotz steigenden Verkehrsaufkommens und wachsender Industrie. In München etwa hat sich die Schadstoffbelastung mit den kleinen Partikeln gegenüber den 1980-er Jahren halbiert. Ein Grund: verbesserte Filtertechnik in Autos und Industrieanlagen. Und auch die Einführung von Umweltzonen hat die Ruß-Belastung reduziert: in Berlin und Leipzig um 50 bis 60 Prozent.
Doch zugleich finden Wissenschaftler immer mehr Beweise, dass selbst geringste Feinstaubmengen die Gesundheit stark schädigen und die Grenzwerte nicht sicher sind. Also noch lange keine Entwarnung.

Umweltverbände fordern unter anderem folgende Maßnahmen:

- eine Revision der Abgasuntersuchung

- niedrigere Grenzwerte und wirksame Sanktionen bei Grenzwertüberschreitungen

- die Einführung einer Blauen Plakette als Weiterentwicklung der Umweltzone

- die Einführung einer City Maut mit emissionsabhängiger Gebührenstruktur

- die Förderung emissionsarmer Taxen sowie eine entsprechende Nachrüstung der Busse, Baumaschinen und Schienenfahrzeuge

-
neue gesetzliche Vorschriften zur Begrenzung von Kaminöfen

Und was kann jeder Einzelne für eine bessere, d.h. gesündere Luft tun? Einfach das Auto öfter stehen lassen. Und: Wer noch mit Holz heizt, sollte darauf achten, es gut trocknen zu lassen. Dann bläst es weniger giftigen Feinstaub in die Luft!


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