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Neues Zeitalter - neues Bewusstsein? Die Welt retten mit dem Anthropozän

Ein paar Forscher wollen die Welt retten, indem sie das Zeitalter des Menschen ausrufen? Das Anthropozän?? Klingt ziemlich abgefahren. Ist aber so! Mit überwältigender Mehrheit haben Geologen bei ihrem Treffen in Kapstadt jetzt für die Einführung des neuen Zeitalters mit dem unaussprechlichen Namen gestimmt. Nur: Was lässt die Geowissenschaftler eigentlich glauben, dass dieser neue Name schafft, woran zig Umwelt- und Klimakonferenzen immer wieder scheitern?

Von: Sylvaine von Liebe und Monika von Aufschnaiter

Stand: 31.08.2016

Zugegeben: Eigentlich ist auf dem 35. Geologenkongress in Kapstadt noch gar nichts entschieden worden. 35 Mitglieder einer Arbeitsgruppe haben bei nur einer Enthaltung mehr als deutlich für die Einführung eines neuen Zeitalters gestimmt. Das war's.

Und doch könnte das Votum der hochrangigen Geowissenschaftler in Südafrika für das Schicksal unseres Planeten - und damit letzllich für unser eigenes - von entscheidender Bedeutung sein.

Wozu Zeitalter?

Eine Einordnung der Erdgeschichte in Zeitalter ist wichtig, um Gesteine und Fossilien international einheitlich einer Epoche zuordnen zu können. Ein rein akademisches Konstrukt also? Nein. Bei Tiefbauarbeiten wie dem Bau von Tunneln oder Bahntrassen ist die Beschaffenheit des Bodens wichtig. Um quasi gesteinstechnisch eine international einheitliche Sprache zu sprechen, wurden Zeitalter eingeführt. Erstmalig ab dem 18. Jahrhundert, mit entsprechender Technik zur genauen Altersbestimmung der Gesteine ab den 1940-er Jahren.

Gelingt es tatsächlich, ein neues Zeitalter auszurufen - zwei weitere Kommissionen (die Subcommission on Quaternary Stratigraphy und die Internationale Kommission für Stratigraphie) müssen dafür dem nun abgesegneten Vorsschlag noch zustimmen, eine Vereinigung das Ganze noch ratifizieren - könnte - wenn die These der Anthropozän- Befürworter stimmt - ein Leben auf unserem Planeten ewig möglich sein. Alle Bedenken von Umweltschützern, Klimaforschern und Politikern, die uns seit Jahren die Öko-Apokalypse prophezeien, wären so mit einem Mal wie weggeblasen.

Das Anthropozän-Konzept und seine Anhänger

Die Anthropozän-Arbeitsgruppe umfasst 38 international anerkannte Geo-Wissenschaftler. Seit dem Jahr 2000 kämpfen sie für eine Zeitenwende.

Ihr Ziel: Die Rettung unseres Planeten

Ihr Weg zur Weltrettung:

Erkenntnis: Es gibt kein Zurück mehr. Es gibt nur diese eine Welt.
Folgerung: Wir müssen drei Dinge schaffen:

1. alles so gut es geht erhalten – zum Beispiel Ressourcen sparen, wie beim Umweltschutz – d.h. also Lösungen, die wir jetzt schon kennen, konsequenter anwenden
2. komplexe Erfindungen entwickeln, wie sie zum Teil als Idee schon existieren - zum Beispiel selbstreparierende Wertstoffe, die nicht weggeworfen werden oder Nahrung auf Hochhausfarmen anbauen, um Platz effizient auszunutzen.
3. Erfindungen machen, die unseren bisherigen Horizont sprengen. Durch einen bisher noch nicht dagewesenen Wissens-und Informationsaustausch von Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, aber auch jedem Einzelnen sollen sich Ideen entwickeln, die das Erdsystem ohne Negativeffekte verbessern, weil sie ganzheitlich durchdacht sind. Nach Ansicht der Anthropozän-Anhänger wird dieser Schritt zwar noch dauern, kann aber gelingen, wenn wir jetzt in Bildungsstätten wie Schulen oder Unis mit einer vermehrten interdisziplinären Zusammenarbeit beginnen.

Was gegen eine Zeitenwende spricht

Für die Gegner einer Zeitenwende ist der wachsende Einfluss des Menschen auf die Beschaffenheit unseres Planeten allerdings noch lange kein Grund, gleich ein neues Zeitalter auszurufen. Viel zu jung noch mit seinen gerade mal 11.600 Jahren sei das Holozän, das Zeitalter, in dem wir zur Zeit leben. Gerade einmal ein Zweihundertstel der Zeit, die das vorangegangene Pleistozän gedauert habe, so ihr Hauptargument gegen das Anthropozän. Außerdem sei im Holozän (altgriechisch für "das völlig Neue") die Rolle des Menschen schon enthalten. Wir brauchen also kein neues Zeitalter. Höchstens als Abschnitt des Holozäns, sagen sie.

Warum soll ein Begriff die Welt retten können ...

.... weil er eine Aufbruchstimmung erzeugt, durch die ein Umdenken stattfindet und die neue, weltrettende Erfindungen entstehen lässt - versprechen sich zumindest die Anthropozän-Anhänger.

Neuer Begriff gleich neues Bewusstsein - das hat man schon öfters versucht. Mit unterschiedlichem Erfolg, wie die Bildergalerie zeigt:


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